Afghanistan-Beschluss Marschbefehl ins Ungewisse

Mit überwältigender Mehrheit hat der Bundestag für die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan gestimmt. Aber was kann die Mission bringen? Die Strategie der westlichen Regierungen, Politik durch Soldaten zu ersetzen, erweist sich als aussichtslose Mission. Folge 1 einer vierteiligen Serie von Susanne Koelbl.

Aus Masar-i-Scharif berichtet


Masar-i-Scharif - Vom Himmel aus betrachtet, ist das Land eines der letzten Paradiese. Die weißen Gipfel sehen aus, als seien sie aus Papier und in den Tälern erheben sich braune, sanfte Hügel wie die Rücken wilder Tiere. Reißende Canyons fräsen sich im Norden durch die Täler und im Südosten reichen gleißende Wüsten bis an die majestätischen Gipfel heran. "Was für eine großartige Zukunft könnte Afghanistan haben", seufzt der deutsche "Tornado"-Pilot, ein schmaler dunkelhaariger Mann, Anfang Dreißig, bei seinem Flug in 6000 Meter Höhe im Osten über den Provinzen Khost und Paktia. Alles wäre möglich hier, denkt der begeisterte Abenteuerurlauber: Helikopterskiing, Rafting, Fallschirmspringen.

Aber es ist Krieg und der Major des Aufklärungsgeschwaders 51 "Immelmann" aus dem schleswig-holsteinischen Jagel mitten drin, wenn auch mit einem ausreichenden Sicherheitsabstand, der ihn vom Boden trennt. Jetzt landet er auf Flugbahn von Camp Marmal bei Masar-i-Scharif und klettert aus dem engen Cockpit.

Hier im Norden von Afghanistan haben die Deutschen seit vergangenem Jahr mit rund 1500 Bundeswehrsoldaten ihr Hauptquartier errichtet. Das sogenannte Regionalkommando Nord ist verantwortlich für neun von 34 Provinzen und fünf so genannte Wiederaufbauteams, zwei sind deutsch geführt und befinden sich in Kunduz und Faizabad. Die Gesamtfläche beträgt gut 160.000 Quadratkilometer. Das entspricht etwa einem Viertel Afghanistans. Geflogen wird jedoch landesweit, weshalb der Pilot aus Norddeutschland einen seltenen Überblick genießt. Spezialisten holen jetzt eilig die Filme aus den unter dem "Tornado" montierten Kamerakästen, um sie in die Dunkelkammer im abgeriegelten Sicherheitsbereich zu bringen und dort zu entwickeln.

Gestochen scharfe Bilder von Schlachtfeldern

Die Bilder zeigen, gestochen scharf, Schlachtfelder, auf denen vor wenigen Stunden noch gekämpft wurde. Auf ihnen sind Talibanverstecke zu erkennen und sogar, ob Verdächtige in einem Toyota Corolla oder einem Lada reisen, zum Beispiel wenn darin eine Geisel verschleppt wurde.

Die Taliban fürchten die deutschen "Tornados" und vor allem die deutsche Gründlichkeit der Auswerter ihrer Bilder. Die Gegner der Nato und der Regierung von Präsident Hamid Karzai wissen genau, dass die Aufklärungsflugzeuge mit ihrer eigens von Kern & Co im schweizerischen Aarau entwickelten Trilens-Kamera das beste sind, was an so genannter Recce-Technik weltweit auf dem Markt ist.

Der Infrarot-Sensor erkennt selbst bei Nacht, ob ein Lastwagen vor einer halben Stunde an einer bestimmten Stelle stand und ob ein Mann seine AK-47 gerade noch benutzte. "Tornados" fotografieren Kämpfer vor der Schlacht und zählen die Toten danach. Durch ihre verschiedenen Blickwinkel können sie in Höhlen spähen und sie zeigen kleine Zelte in entlegenen Revieren, die den Taliban als Verstecke dienen, selbst dann, wenn sie unter frisch geschnittenen Zweigen getarnt liegen.

Kritiker sagen, dass die Taliban die Deutschen deshalb nun gezielt angreifen, weil sie Aufklärungsmaterial für den Krieg liefern. Seit die "Tornados" im Einsatz sind, also seit April 2007, wurden drei Bundeswehrsoldaten und drei deutsche Polizisten durch Anschläge getötet. Davor waren es weniger, in fünf Jahren insgesamt fünf Menschen, die durch Attentate starben, wenn auch noch viele weitere verletzt wurden. Die Berliner Regierung sei mitverantwortlich für den Tod von unschuldigen Zivilisten, die bei den Gefechten der westlichen Alliierten mit den militanten Koranschülern ums Leben kommen, sagen die Gegner.

Stimmt das?

Oder ist es ganz anders, nämlich so, wie der afghanische Außenminister Rangin Dadfar Spanta sagt? Der Grüne Politikwissenschaftler aus Aachen, der lange deutscher Staatsbürger war, beschimpft seine deutschen Parteifreunde und Gegner des "Tornado"- und Isaf-Einsatzes als "blauäugig". Sie "ziehen sich in die Wohlstandsecke" zurück, sagt er, "entsolidarisieren sich" und ließen sein Land mit dem Terrorismusproblem allein: "In Afghanistan muss der Frieden auch mit der Waffe verteidigt werden. Was die Amerikaner hier machen, ist die beste Antiterrorstrategie", glaubt der ehemalige Friedensdemonstrant Spanta.

Wer den Terror nicht in Afghanistan bekämpft, zu dem kommt der Terror nach Hause, sagen Spanta und die afghanische Regierung und auch die Amerikaner. Ist das wirklich so?

Was in Afghanistan den Frieden befördert und was den Krieg erzeugt, ist derzeit nicht immer leicht zu sagen. Zwei Denkansätze konkurrieren, die widersprüchlicher nicht sein könnten.

Konsequenter Kampf oder Rückzug?

Die internationale Gemeinschaft müsse nur ausreichend Entschlossenheit und Durchhaltevermögen zeigen, um die Taliban zurückzudrängen und unverbesserliche Hardliner zu eliminieren, während gleichzeitig das neue, demokratische Afghanistan entsteht. Das ist der offizielle, politische Kurs. Friedenskreise oder Altlinke glauben dagegen, es sei genau umgekehrt: Die immer stärkere militärische Präsenz produziere gerade die Gegenwehr, die sie bekämpfen will. Mehr Militärs bedeuteten also auch mehr Krieg und am Ende keinen Frieden.

Welches Rezept am erfolgversprechendsten erscheint, um den Unruheherd am Hindukusch zu befrieden, konsequenter Kampf oder, wie es zuletzt die prominente Grüne und Theologin Antje Vollmer forderte, sogar Rückzug, hängt offenbar auch stark vom jeweiligen geografischen Standort ab.

Im politisch stabilen Europa fürchten die Bürger vor allem um das Leben ihrer eingesetzten Soldaten. Die Mehrheit der Deutschen glaubt nicht mehr an eine erfolgreiche Konfliktlösung durch militärische Mittel. Sie würden die Bundeswehr am liebsten so schnell wie möglich aus der Region nach Hause holen.

Für die unmittelbar bedrohte afghanische Regierung können dagegen gar nicht genug ausländische Truppen im Land sein, die ihr gegen die tödliche Gefahr der Taliban beistehen und diese mit immer mehr Soldaten und Kanonen bekämpfen.

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