Afghanistan Bundeswehr hat schnelle Eingreiftruppe übernommen

Es wird kein leichter Job: Die Bundeswehr hat die Führung der schnellen Einsatztruppe QRF in Afghanistan übernommen. Unterdessen wurden bei einem Anschlag zwei deutsche Soldaten nahe der Stadt Kundus verletzt.


Hamburg/Kabul - Unter dem Eindruck wachsender Terrorgefahr hat die Bundeswehr ihren ersten Kampfverband für die internationale Schutztruppe Isaf in Nord-Afghanistan bereitgestellt. Der deutsche Regionalkommandeur Dieter Dammjacob übertrug der Bundeswehreinheit am Montagabend in Masar-i-Scharif zum 1. Juli das Kommando für die schnelle Eingreiftruppe (QRF).

Bundeswehrsoldaten in Kabul: Die neue Aufgabe der deutschen Soldaten birgt ungeahnte Gefahren
DDP

Bundeswehrsoldaten in Kabul: Die neue Aufgabe der deutschen Soldaten birgt ungeahnte Gefahren

Überschattet wurde die Kommandoübergabe durch einen Anschlag auf die Bundeswehr im rund 150 Kilometer entfernten Kundus: Zwei deutsche Soldaten seien mit einem Sprengsatz angegriffen worden, schwebten aber nicht in Lebensgefahr, teilte ein Bundeswehrsprecher in Masar-i-Scharif mit. Die Patrouille des Wiederaufbauteams (PRT) mit zwei Fahrzeugen habe sich am Nachmittag nordwestlich von Kundus befunden, als sie in die Sprengfalle geriet. Die verletzten Soldaten würden im Rettungszentrum des Wiederaufbauteams von Kundus behandelt. Ermittlungen über die Hintergründe seien aufgenommen worden. Die Taliban haben angekündigt, ihren Aufstand auf den Norden auszuweiten. Kundus war bis zum Sturz des Taliban-Regimes dessen Hochburg im Norden.

Die 200 Mann starke deutsche Quick Reaction Force (QRF) in Masar-i-Scharif löst den Verband der Norweger ab, die die Aufgabe im deutschen Zuständigkeitsbereich seit dem Frühjahr 2006 erfüllten. Die norwegische QRF war mehrfach gegen Taliban-Rebellen vorgegangen. Nach offiziellen Angaben wurde dabei kein norwegischer Soldat getötet.

Der Kommandeur der deutschen Eingreiftruppe, Oberstleutnant Gunnar Brügner, sagte, der Einsatz seines Verbandes habe keine neue Qualität. "Jeder Soldat, der nach Afghanistan geht, muss in der Lage sein zu kämpfen." Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hatte die Einheit bei ihrer Verabschiedung Anfang Juni auf einen gefährlichen Einsatz mit "Risiko für Leib und Leben" eingestimmt. Brügners Einheit bleibt bis November. Es gilt als wahrscheinlich, dass Deutschland dauerhaft die QRF im Norden stellt.

Dammjacob dankte der norwegischen QRF und ihrem Kommandeur Kjell Inge Baekken. Die jüngste Operation "Kares" gegen die Taliban im Nordwesten habe die QRF "mit ausschlaggebender militärischer Kraft unterstützt", sagte er laut Redemanuskript. An der Operation war auch die Bundeswehr beteiligt. Baekken sagte, es sei sehr schwer, vorauszusagen, was die Deutschen in den kommenden Monaten erwarten werde. "Aber es gibt Gefahren dort draußen."

Dammjacob sagte, die Isaf habe eine "hervorragende Strategie", wie sie Afghanistan einmal wieder verlassen könne. "Und das ist nämlich, die afghanischen Sicherheitsbehörden in die Lage zu versetzen, selbst für die Sicherheit zu sorgen. Wenn das gelingt, dann denke ich, ist es auch Zeit, dass wir unsere Kräfte zurückbauen." Nach Baekkens Einschätzung wird das internationale militärische Engagement in Afghanistan noch 10 bis 15 Jahre notwendig sein. An der Isaf beteiligen sich 40 Nationen mit mehr als 52.000 Soldaten.

Der Kommandeur der Isaf, US-General David McKiernan, sagte dem ARD-Hörfunkstudio Südasien in Kabul, er zweifle nicht daran, dass die Deutschen ihre militärischen Fähigkeiten im Rahmen der QRF hervorragend unter Beweis stellen werden. Er bezeichnete den Afghanistan-Einsatz als schwierig. Bis zum Erfolg werde noch viel Zeit vergehen. Zur Diskussion in Deutschland, wo die Mehrheit der Bevölkerung den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ablehnt, sagte er, hoffentlich werde in der Bundesrepublik verstanden, dass Sicherheit und Stabilität am Hindukusch auch für die Deutschen von entscheidender Bedeutung seien.

Insgesamt sind derzeit 3620 deutsche Soldaten in Afghanistan. Das sind 120 mehr als das Bundestagsmandat vorsieht. Grund ist ein Kontingentwechsel, für dessen Dauer von einigen Tagen oder Wochen die Obergrenze überschritten werden darf. Die Bundesregierung hatte dem Parlament in der vorigen Woche vorgeschlagen, das Kontingent auf 4500 Mann aufzustocken, um mehr Handlungsspielraum zu haben. Der Bundestag entscheidet darüber im Herbst.

Verteidigungsminister Jung erwartet eine breite Mehrheit der Abgeordneten. Er sei hoffnungsvoll, dass "die vier Fraktionen" die Ausweitung des Einsatzes unterstützen, heißt es in einem Interview mit Jung auf der Homepage des Ministeriums. Bis auf die Linke hat keine der Fraktionen im Bundestag - CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne - ein Nein angekündigt. Allerdings gibt es Kritik an der Kommunikation der Bundesregierung.

flo/dpa/AP



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