Afghanistan Bundeswehr verteidigt Schüsse auf Zivilisten

Fünf Afghanen wurden an einem deutschen Isaf-Kontrollpunkt in Afghanistan angeschossen und zum Teil schwer verletzt. Die Bundeswehr erklärt den heiklen Zwischenfall jetzt für abgeschlossen - und verteidigt den Einsatz der Waffen gegenüber SPIEGEL ONLINE als "absolut korrekt".

Von


Berlin/Kabul - Aus Sicht der Bundeswehr führte kein Weg an einem Waffengebrauch vorbei: Demnach raste am Freitagabend gegen 19.55 Uhr Ortszeit ein Toyota-Kleinbus auf einer Hauptstraße mit hoher Geschwindigkeit auf einen deutschen Kontrollposten in Kunduz zu. Bundeswehrangehörige feuerten daraufhin eine gezielte Salve aus einem Maschinengewehr. Zunächst auf den Boden, dann auf den Motorblock des Autos. Fünf Insassen wurden verletzt, zwei von ihnen schwer.

Deutsche Soldaten in Afghanistan: "Die Atmosphäre ist sehr angespannt"
REUTERS

Deutsche Soldaten in Afghanistan: "Die Atmosphäre ist sehr angespannt"

Die Bundeswehr erklärt den heiklen Zwischenfall jetzt für "aufgeklärt und abgeschlossen". Das sagte der Kommandeur des Provinz-Wiederaufbauteams (PRT) in Kunduz Rainer Buske gegenüber SPIEGEL ONLINE. Das Verhalten seiner Soldaten an dem Checkpoint sei "absolut korrekt" gewesen und durch die deutschen Einsatzregeln gedeckt. "Der Road Block war deutlich sichtbar", erklärte Buske.

Zudem hätte der Fahrer des Wagens "alle Warnungen ignoriert". Als der Kleinbus dennoch mit relativ hoher Geschwindigkeit weiterfuhr, hätten seine Soldaten das Feuer eröffnet. Die beiden schwer verletzten Afghanen wurden einige Stunden später von deutschen Militärärzten versorgt, nachdem sie sich zunächst selbst in städtische Krankenhaus begeben hatten, und ins Bundeswehrcamp Marmal in Mazar-i-Sharif geflogen.

"Es war ein trauriges Missverständnis," hatte der Polizeichef von Kunduz, Brigadegeneral Abdor Razaq gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärt. Anfangs hatte die Bundeswehr noch gezögert, die Verantwortung auch für die Schüsse zu übernehmen, die zu den Verletzungen der Zivilisten geführt hatten.

"Die Straße schien vollkommen sicher"

Die Insassen selbst erheben schwere Vorwürfe gegen die Bundeswehr. Einen afghanischen Checkpoint hatte der Kleinbus zuvor ohne Zwischenfälle passieren können. "Die Straße schien vollkommen sicher zu sein, doch als wir uns dem deutschen Posten näherten, schossen sie plötzlich auf uns," sagte der 37-Jährige Fahrer des Wagens, Sayed Mohammed, aus. Der Mann aus der Provinz Parwan transportierte in seinem Wagen nicht nur Passagiere, sondern auch eine Leiche. "Die Soldaten müssen doch Rücksicht nehmen, wenn wir in Trauer sind oder Hochzeiten feiern," klagt er nun.

Die Atmosphäre in Kunduz sei nach dem jüngsten Selbstmordanschlag, dem zwei Soldaten zum Opfer fielen, "sehr angespannt", sagt Kommandeur Buske. Seit zwei Jahren versuchen die Taliban in ihrer alten Hochburg Kunduz ihren Einfluss zurückzugewinnen. Die für die Anschläge Verantwortlichen seien bekannt, sagt der PRT-Chef, die Schwierigkeit bestehe jedoch darin, verlässliche Informationen zu erhalten, um die Akteure festzusetzen.

Verluste der Bundeswehr in Afghanistan

Die Soldaten in Kunduz sehen sich laut Buske zwei verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt: Den Beschuss des Lagers durch Raketen habe man durch Aufklärung und Patrouillen weitgehend in Griff bekommen. Anschläge durch verborgene Sprengsätze und Selbstmordattentäter seien dagegen "Terrorismus pur, gesteuert aus dem Ausland", erklärt Buske. Gemeint ist vor allem Pakistan, dem Rückzugsraum der Taliban. Nur wenn "dieser Sumpf trocken gelegt" werde, sei dem Problem in Afghanistan beizukommen.

Nach dem Anschlag hätten sich die Soldaten schnell wieder gefangen und wollten "hoch motiviert" weitermachen. Allen sei jedoch klar, dass die Aufgabe in Afghanistan einen "sehr langen Atem" erfordere und nur zu gewinnen sei, wenn es gelingen sollte, bald sichtbare Wiederaufbaumaßnahmen zu etablieren, meint der Kommandeur, der bereits zum zweiten Mal das PRT in Kunduz führt.

Die Bundesregierung stellt für den Wiederaufbau in Afghanistan jährlich rund 70 Millionen Euro zur Verfügung – etwa so viel wie der Bau von drei Kilometern Autobahn in Deutschland kostet.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.