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01. September 2008, 11:32 Uhr

Afghanistan

Bundeswehrpatrouille nahe Kunduz beschossen

Schon wieder ein Anschlag auf Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Am Morgen schossen Unbekannte in der Nähe von Kunduz auf eine Patrouille - verletzt wurde niemand. Im afghanischen Volk wächst die Wut auf die ausländischen Soldaten, nachdem erneut Zivilisten gestorben sind. In den Straßen brennen Barrikaden.

Berlin - Die Serie von Anschlägen auf Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hält an. Am Vormittag gegen 10.56 Uhr (Ortszeit) sei eine Patrouille der Bundeswehr circa neun Kilometer nördlich von Kunduz mit Handwaffen beschossen worden. Dabei sei niemand verletzt worden, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. Auch alle Fahrzeuge seien weiter einsetzbar. In der Nähe der Patrouille waren ungeklärte Explosionen gehört worden.

Erst am Sonntag war ein Anschlag auf eine Patrouille mit einer "improvisierten Sprengladung" verübt worden, bei dem es ebenfalls keine Verletzen gab. Die deutsche Patrouille mit mehreren Fahrzeugen wurde rund 45 Kilometer westlich ihrer Basis in Kunduz angegriffen.

Dagegen war am Mittwoch ein Bundeswehrangehöriger nahe Kunduz ums Leben gekommen, als sein Fahrzeug in eine Sprengfalle fuhr. Drei weitere Soldaten wurden bei dem Attentat leicht verletzt.

In Zweibrücken begann am Vormittag die Trauerfeier für den getöteten Hauptfeldwebel. Der Leichnam des 29-Jährigen war am Samstag nach Deutschland überführt worden. An der Andacht nahmen auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, teil.

Eine Razzia afghanischer und US-Truppen hat am Montag nach Angaben von Polizei und Augenzeugen in Kabul einen Mann und zwei seiner Kinder das Leben gekostet. Die Durchsuchung am östlichen Rand der Hauptstadt sei von US-Soldaten mit Unterstützung afghanischer Geheimdienstagenten durchgeführt worden, erklärte ein Polizeisprecher. Die Ehefrau des Mannes sei verletzt worden. Drei Cousins des Getöteten seien vorübergehend festgenommen worden, inzwischen aber wieder frei.

Der Vorfall schürt die Wut der Menschen in Kabul. Hunderte Afghanen sind in einem Vorort der Hauptstadt auf die Straße gegangen - sie blockierten eine Ausfallstraße. Aus Protest zündeten sie Autoreifen auf der Hauptverbindungsstraße nach Dschalalabad an. Die Demonstranten zeigten Journalisten die blutigen Leichen der knapp zwei Jahre alten Kinder, die zusammen mit ihrem Vater in den frühen Morgenstunden erschossen wurden. Örtliche Fernsehsender zeigten Bilder von klagenden Frauen, die neben den Leichen standen und den Rücktritt von Präsident Hamid Karzai forderten. Weder das US-Militär noch die Nato äußerte sich bisher zu dem Zwischenfall.

Erst in der vergangenen Woche waren bei einem US-Luftangriff in der westafghanischen Provinz Herat nach Uno-Angaben 90 Zivilisten getötet worden, darunter 60 Kinder. Bei einem Zwischenfall an einer Straßensperre mit deutschen Nato-Soldaten wurden am Donnerstag drei Zivilisten, darunter zwei Kinder, erschossen.

ler/ddp/AP

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