Afghanistan Dadullah-Fans trauern um getöteten Taliban-Kommandeur

Der Tod des Taliban-Militärchefs Dadullah betrübt seine Anhänger in den dschihadistischen Internetforen. Einige wollen die Nachricht nicht glauben - dabei haben die afghanischen Behörden den Leichnam präsentiert. Nato und Isaf bestätigten Dadullahs Tod.


Kandahar - Die Nachricht, dass der Taliban-Militärchef Mullah Dadullah in der vergangenen Nacht bei einem Gefecht in der Nähe der afghanischen Stadt Kandahar ums Leben kam, hat die Sympathisanten der Taliban und des Terrornetzwerks al-Qaida tief getroffen. "Wollen wir hoffen, dass Gott ihn als Märtyrer annimmt", schrieb ein Diskutant namens "Abu Othman" in einem prominenten dschihadistischen Internet-Diskussionsforum.

Andere Leser wünschten dem lange gesuchten Terroristen, dass er ins "oberste Paradies" eingehen und bald die Paradiesjungfrauen kennenlernen würde. Sogar ein Gedicht über ihn wurde verbreitet, in dem es heißt: "Unter den Männer gibt es keine so beispielhaft wie die Afghanen / Und unter diesen Löwen gibt es keinen wie Dadullah." Auf mehreren Webforen wird der "Löwe von Khorasan" in dieser und ähnlicher Weise verherrlicht.

Aber nicht alle Anhänger des wohl wichtigsten Talibanführers nach Mullah Omar sind bereit, die Nachricht zu glauben. Mit Bezug auf entsprechende TV-Meldungen schreibt ein gewisser "Abu Amna": "Ich weiß nicht, wieso ihr euch solche Kanäle überhaupt anschaut! Wenn ich so eine Nachricht höre, stelle ich jedenfalls nicht den Fernseher an, sondern suche lieber die Foren auf - die Nachrichten der Juden und Schweine kümmern mich nicht!"

In der Tat haben die Taliban den Tod Dadullahs offiziell nicht bestätigt. Die afghanischen Behörden haben Medienvertretern den Leichnam allerdings bereits präsentiert. Rund dreißig Journalisten wurden in einem Raum des Amtssitzes des Gouverneurs von Kandahar gebracht, wo ihnen der blutige und von Kugeln durchlöcherter Leichnam gezeigt wurde.

Am Mittag bestätigte ein Sprecher der Internationalen Schutztruppe Isaf: Mullah Dadullah sei bei einer Operation der US-geführten Koalitionstruppen in Südafghanistan getötet worden. Die Nato-geführte Isaf habe die Operation unterstützt. Der Rebellenführer "wird ganz sicher mit der Zeit ersetzt werden, aber der Aufstand (der Taliban) hat einen schweren Schlag erlitten".

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid hatte den Tod Dadullahs zuvor dementiert. "Das ist nicht mehr als Propaganda." Tatsächlich hatte es im Falle Dadullah bereits mehrfach Irrtümer gegeben:

  • Vor knapp einem Jahr meldeten die afghanischen Behörden seine Festnahme, was sich später als Irrtum herausstellte.

  • Vor einigen Monaten hatte die US-Armee den Tod Mullah Dadullahs gemeldet. Dadullah meldete sich nur Stunden später per Satellitentelefon zu Wort.

  • Auch Meldungen des Innenministeriums in Kabul über eine mögliche Einkesselung Dadullahs vor wenigen Wochen in der südafghanischen Provinz Urusgan bestätigten sich später nicht.

Der blutrünstige Taliban-Kommandeur war etwa 40 Jahre alt, groß gewachsen und hatte einen tiefschwarzen Bart. Während eines Kampfes in den neunziger Jahren hatte Mullah Dadullah ein Bein verloren. Einer Falle des Warlords Dostum, der Tausende Taliban in die Nähe von Kunduz lockte und dort umbrachte, entkam Dadullah vor einigen Jahren.

Der Kämpfer ist im März 2003 vom Obersten Rat der Taliban als Militärchef im Süden des Landes eingesetzt worden. In dieser Region Afghanistans ist der Widerstand gegen die internationale Afghanistan-Truppe (Isaf) besonders stark.

Drohungen wahr gemacht

Mullah Dadullah war berüchtigt für seine Brutalität: Immer wieder tauchte der Taliban-Führer in Videos auf, ließ Geiseln vor laufender Kamera enthaupten. Im Februar verkündete Dadullah die Frühjahrsoffensive der Taliban gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan. Er würde 6000 Freiwillige für Selbstmordanschläge befehligen, der Angriff stehe unmittelbar bevor. Die Mission seiner Kämpfer beschrieb Dadullah gegenüber Journalisten des Fernsehsenders Al-Dschasira als "Blutbad der Besatzer".

Dadullahs Ankündigungen waren keine Propaganda. Fast alle seine Drohungen habe der Mann wahr gemacht, erklärte kürzlich ein westlicher Anti-Terror-Agent. Im vergangenen Jahr hatte Dadullah das erste Mal mit einer Welle von Selbstmordanschlägen gedroht. Ende 2006 musste die CIA fünfmal mehr solcher Attentate als im Vorjahr verzeichnen.

Zuletzt war der italienische Journalist Daniele Mastrogiacomo von Dadullahs Leuten entführt worden. Mastrogiacomos Fahrer und sein Übersetzer wurden von den Taliban ermordet. Mastrogiacomo selbst kam nach einem Gefangenen-Handel mit den Taliban frei - unter den von den Behörden freigelassenen Taliban soll auch Dadullahs Bruder gewesen sein. Die italienische Hilfsorganisation Emergency hatte erklärt, direkt mit Dadullah über den Deal verhandelt zu haben. Dadullah brüstete sich anschließend mit dem Geisel-Austausch.

Indirekt hatte Mullah Dadullah auch weitere Entführungen von westlichen Journalisten angekündigt. Jeder Reporter, der ohne Genehmigung der Taliban im Süden des Landes recherchiere, werde "festgenommen".

Im März hatte Dadullah bestritten, dass Osama Bin Laden tot ist. "Wir wissen, dass er noch lebt", sagte Dadullah in einem vom britischen Sender Channel 4 ausgestrahlten und übersetzten Video über Bin Laden. "Er ist noch kein Märtyrer geworden." Zwar habe er selber Bin Laden seit dessen Flucht und dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan Ende 2001 nicht getroffen, sagte Dadullah. Die Taliban kämpften aber Schulter an Schulter mit den "Kameraden" des weltweit meistgesuchten Terroristen. "Sie halten uns auf dem Laufenden."

Unruhe in der Grenzregion

Unterdessen werden aus der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan Kämpfe gemeldet. Bei einem Schusswechsel sollen nach Angaben eines pakistanischen Militärsprechers mindestens fünf afghanische Soldaten getötet worden sein. Die Soldaten des Nachbarlandes hätten, ohne provoziert worden zu sein, das Feuer auf pakistanische Grenztruppen eröffnet, erklärte Generalmajor Waheed Arshad. Das pakistanische Grenzkorps habe das Feuer erwidert.

Ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums widersprach diesen Angaben und teilte mit, es seien zwei afghanische Schüler durch Beschuss des Grenzdorfes Kubki mit schweren Waffen getötet worden. Demnach sollen pakistanische Truppen mit schweren Waffen auf afghanisches Territorium vorgedrungen sein.

Seit Jahren schwelt zwischen den Nachbarländern ein Konflikt über die Kontrolle der 2430 Kilometer lange Grenze. Dabei geht es vor allem darum, das Einsickern von Taliban-Kämpfern zu verhindert, die sich in Afghanistan für ihre Angriffe auf Pakistan formieren.

mak/jul/yas/anr/mge/AFP/rts/AP

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