Afghanistan Deutsche Geisel ist frei

Das Geiseldrama um den Ingenieur Rudolf B. ist beendet: Der 62-Jährige kam heute in der afghanischen Provinz Wardak frei. "Mir geht es gut, ich bin nur müde", sagte er SPIEGEL ONLINE am Telefon.

Aus Kabul berichtet


Kabul - Fast drei Monate lang kämpfte der Krisenstab des Auswärtigen Amts (AA) um das Leben des Deutschen Rudolf B., am Mittwochnachmittag nun hatten die Bemühungen endlich Erfolg. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aus afghanischen und deutschen Sicherheitskreisen gelang es Experten des Bundeskriminalamts (BKA) über afghanische Vermittler, den Deutschen am Nachmittag (Ortszeit) freizubekommen.

Afghanistan-Geisel Rudolf B. (auf einem Entführer-Video vom Montag): Freilassung ohne Gewalt
REUTERS

Afghanistan-Geisel Rudolf B. (auf einem Entführer-Video vom Montag): Freilassung ohne Gewalt

B. kam nahe dem Ort im Distrikt Jaghato frei, in dem er am 18. Juli entführt worden war. Zugleich kamen auch fünf mit ihm zusammen entführte Afghanen frei. Wenig später bestätigte ein Sprecher des Auswärtigen Amts die Meldung auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier wurde auf einer Dienstreise in Frankfurt über die aktuelle Entwicklung stets auf dem Laufenden gehalten. Als schließlich der deutsche Botschafter in Afghanistan mit Rudolf B. telefoniert hatte, bestätigte der Minister das Ende der Geiselnahme.: "Seit heute ist der in Afghanistan entführte Deutsche Rudolf B. wieder in Freiheit. Darüber sind wir froh und erleichtert." Steinmeier erinnerte aber auch an das noch offene Schicksal einer deutschen Geisel im Irak, das nicht vergessen werden dürfe.

Der Distriktchef von Wardak berichtete SPIEGEL ONLINE, dass die Geiseln um 16.40 Ortszeit bei ihm angekommen und in Sicherheit seien. "Mir geht es gut", sagte Rudolf B. in einem kurzen Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich bin froh, dass ich nach der langen Zeit endlich frei gekommen bin", sagte der Deutsche weiter.

Dass es dem Ingenieur den Umständen entsprechend gut geht, bestätigte der Distriktchef ebenso. Nach der Übergabe im Süden der Provinz Wardak wird B. nun von einer Einheit des afghanischen Innenministeriums in die Deutsche Botschaft nach Kabul gebracht. Die Kabuler Behörde war an der Freilassung maßgeblich beteiligt, ebenso wie höchste politische Entscheidungsträger der Regierung.

In Kabul soll er noch am frühen Abend ankommen. Über die Umstände der Freilassung ist noch nicht viel bekannt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE holten Dorfälteste den Deutschen und die Afghanen aus den Bergen ab.

Keine Gewalt bei der Befreiung

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat es sich bei der Befreiung nicht um eine gewaltsame Aktion von afghanischen oder deutschen Sicherheitskräften gehandelt. Demnach konnten afghanische Vermittler die Geiselnehmer in langen Verhandlungen überzeugen, den Deutschen freizulassen.

Ob für die Freilassung Lösegeld gezahlt oder andere Zugeständnisse gemacht wurden, war zunächst unklar - allerdings kursierten in den vergangenen Wochen bereits Forderungen der Entführer in sechsstelliger Höhe.

Ebenso waren in den letzten Wochen ein Verwandter und vier Vertraute des Entführers festgenommen worden, die bei den letzten Gesprächen als Druckmittel eingesetzt wurden. Am Mittwoch wurden die Männer, darunter einer der engsten Weggefährten des Entführers, gegen den Deutschen und die afghanischen Geiseln ausgetauscht. Bei den Männern handelt es sich wie bei dem Entführer um lokale Kriminelle mit losen Kontakten zu den Taliban.

Die Freilassung beendet nach 84 Tagen eine dramatische Geiselhaft, in der schon mehrere Freilassungsversuche gescheitert waren. Erst vor anderthalb Wochen machten die Entführer rund um den lokalen Kommandeur Nissam Udin unmittelbar vor der endgültigen Freilassung der Geisel einen spektakulären Rückzieher und rasten mit Rudolf B. wieder davon.

84 Tage in Geiselhaft

Seitdem taten afghanische Vermittler und die BKA-Beamten alles, die Entführer doch noch überzeugen, den Deutschen und fünf mit ihm entführte Afghanen freizulassen. Dabei ging es vor allem um die Modalitäten einer möglichen Übergabe, da die Entführer panische Angst vor einer Festnahme hatten. Immer wieder aber scheiterten angesetzte Versuche.

Der 62-jährige Rudolf B. war am 18. Juli 2007 in der afghanischen Provinz Wardak, etwa 200 Kilometer südwestlich von der Hauptstadt Kabul, entführt worden. Gemeinsam mit dem afghanischen Unternehmer Eshak Noorzai und mit B.s deutschem Geschäftspartner Rüdiger D. waren auch fünf afghanische Mitarbeiter entführt worden. Noorzai kam nach wenigen Tagen wieder frei, da seine einflussreiche Familie Druck auf die Entführer ausübte.

Recht schnell gingen die deutschen Behörden davon aus, dass es sich bei den Entführern nicht um Taliban, sondern um lokale Kriminelle mit nur losen Verbindungen zu den Radikalislamisten handelt. Politische Forderungen gelten in solchen Kreisen bei Geiselnahmen als hilfreich, um den Druck zu erhöhen.

Viele Beteiligte in schwierigen Verhandlungen

Trotzdem gestalteten sich die Verhandlungen schwierig, da viele Beteiligte versuchten, eigene Vorteile bei den Gesprächen zu erzielen. Die deutsche Bundesregierung hatte von Beginn an darauf gesetzt, über afghanische Mittelsmänner und nicht direkt zu verhandeln.

Nach der Verschleppung starb der deutsche Kollege von Rudolf B. Damals jagten die Geiselnehmer ihre Opfer in Gewaltmärschen in die fast 3000 Meter hohen Berge in der Grenzregion zur Provinz Ghazni, wo sie am Ende ein Versteck der Gruppe erreichten. Auf dem Weg erlitt Rüdiger D. nach bisherigen Erkenntnissen einen Schwächeanfall und brach zusammen. Anschließend feuerten die Kidnapper auf ihn.

Auch Rudolf B. ging es während der stundenlangen Märsche sehr schlecht, doch trotz des Schocks über den Tod seines Freunds konnte er weiterlaufen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.