Afghanistan Deutscher in Herat verschleppt

In der westafghanischen Provinz Herat ist ein Deutscher entführt worden. Der Mann lebt nach Angaben der afghanischen Polizei seit Jahren in dem Land. Ermittler haben die Suche nach dem Verschleppten aufgenommen.


Berlin - Herats Polizeichef Mohammad Juma Azim sagte, Unbekannte hätten das Auto mit dem Deutschen gestoppt und den Bundesbürger aus dem Wagen gezerrt. Die Polizei habe die Suche nach dem Mann aufgenommen. Auch die afghanische Ehefrau und der Schwager des Deutschen seien aus dem Auto geholt, jedoch nicht verschleppt worden.

Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" ist jedoch auch die Ehefrau und das gemeinsame Kind verschleppt worden. Die Zeitung beruft sich auf Rupert Neudeck, Vorsitzender der Hilfsorganisation Grünhelme. Die Familie sei auf dem Weg in das Dorf Toteschi in der Provinz Herat entführt worden. Dort sei eines der Hilfsprojekte der Grünhelme angesiedelt. Der Entführte habe früher für die Organisation gearbeitet. Inzwischen sei die Kooperation beendet. Für die Grünhelme habe er unter anderem beim Bau einer Grundschule mitgeholfen. Laut "SZ" handelt es sich um einen 42-jährigen Schreinermeister aus dem bayerischen Amberg.

Nach Angaben der afghanischen Polizei ist Harald K. zum Islam konvertiert. Er soll einen afghanischen Namen angenommen haben. Er soll außerdem versucht haben, die afghanische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Nach Informationen des ZDF handelt es sich bei dem Entführten um Harald "Harry" K., der eine Schreinerwerkstatt in der Provinz Herat betreibe. Der Deutsche sei vor Jahren in den Distrikt Gulran gezogen und habe dort eine Afghanin geheiratet.

Das Auswärtige Amt in Berlin geht nach eigenen Angaben den Hinweisen nach. "Wir bemühen uns um Aufklärung", sagte eine Sprecherin, ohne weitere Details zu nennen.

Die Taliban rücken in großer Zahl Richtung Norden vor
DER SPIEGEL

Die Taliban rücken in großer Zahl Richtung Norden vor

Die Grünhelme haben ihren Sitz in Köln. Der Verein wurde 2003 gegründet und orientiert sich an der Idee eines "Peace Corps": Ehrenamtliche Mitarbeiter vor Ort bauen in Kriegs- und Krisengebieten zerstörte Häuser, Schulen oder Infrastruktur wieder auf. Der Verein finanziert sich über private Spenden und Stiftungsgelder. Vorsitzender Neudeck hatte zuvor die humanitäre Organisation Cap Anamur gegründet.

In den vergangenen Monaten war es in Afghanistan immer wieder zu Entführungen von Ausländern gekommen.

Im Oktober war der Ingenieur Rudolf Blechschmidt nach rund drei Monaten Geiselhaft in Afghanistan freigekommen. Sein mit ihm entführter Begleiter war getötet worden. Die Entführer, die den radikalen Taliban zugerechnet wurden, hatten den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert.

Taliban rücken nach Norden vor

Immer mehr islamistische Gotteskrieger haben sich in den vergangenen Monaten auf den Marsch nach Norden gemacht. Westliche Geheimdienstler beobachten zwei Stoßrichtungen: Zum einen ziehen Taliban-Gruppen aus der Drogen-Provinz Helmand Richtung Kabul. Zum anderen bewegen sich Kämpfer aus Helmand und Kandahar in einem Bogen über westliche Provinzen wie Herat und Badghis in Richtung Kunduz, wo die Bundeswehr mit 400 Soldaten eines ihrer Wiederaufbauteams betreibt. Die Deutschen kommen so von zwei Seiten in die Zange.

Das Vorgehen der Gegner erinnert Militärs an die frühen neunziger Jahre. Auch damals begann die Taliban-Bewegung im Süden des Landes, wo fast nur Paschtunen leben. Die Koranschüler-Armee startete ihren Feldzug 1994 in Kandahar. Drei Jahre später stand sie vor Masar-i-Scharif, wo heute die Deutschen im Camp Marmal das Kommando über insgesamt neun Provinzen führen.

Masar-i-Scharif ist die zentrale Stadt des Nordens. Dort leben vor allem Tadschiken, Usbeken, Hazaras und Turkmenen, alle traditionell Feinde der Taliban. Aber in der Provinz Kunduz siedeln auch Paschtunen, weshalb sich die islamistischen Krieger in den neunziger Jahren dort leicht festsetzen konnten. Stammeszugehörigkeit ist im Beziehungsgeflecht der Afghanen traditionell das stärkste Bindemittel.

Mit Unterstützung der Paschtunen von Kunduz gelang den Taliban 1997 der Sturm auf Masar-i-Scharif. Sie eroberten das urbane Zentrum, verloren es vorübergehend, nahmen die Stadt dann jedoch wieder ein und hielten sie bis zum Einmarsch der Amerikaner und ihrer afghanischen Verbündeten im November 2001. Offenkundig wollen die Taliban die Strategie von damals wiederholen.

An die 300 Kämpfer sammelten sich im Oktober im Grenzgebiet der Provinzen Faryab und Badghis, die am westlichen Rand des deutschen Verantwortungsbereichs liegen. Sie überrannten Polizeiposten, besetzten einige Bezirke und blockierten die "Ring Road", die wichtigste Verkehrsader des Landes, die Kabul mit anderen Städten verbindet. Unterstützung erhielten sie von paschtunischen Siedlern und armen aus Pakistan und Iran zurückgekehrten Bürgerkriegsflüchtlingen. Ende Oktober startete der Gegenangriff. Angeführt vom deutschen General Dieter Warnecke, rückten etwa 900 afghanische Soldaten in die Provinz Badghis aus, begleitet von etwa 300 Deutschen und einer schnellen Eingreiftruppe aus gut 200 Norwegern.

Erstmals seit Beginn des Engagements in Afghanistan forderten die Deutschen in der Operation "Harekate Yolo-2" Luftunterstützung alliierter Kampfjets an. Ein gutes Dutzend Taliban-Kämpfer starb im Bombenhagel, etliche wurden von den afghanischen Kräften gefangen genommen. Die meisten konnten sich allerdings ins Hinterland absetzen.

Die Geheimdienste wollen schon von einem Plan der Taliban wissen, ihre alte Basis Kunduz zurückzuerobern. Die Taktik wäre vermutlich ähnlich wie im Süden. Sie versprechen armen Bauern Geld und Schutz für ihre Mohnfelder, sie schüchtern die Bevölkerung durch brutale Übergriffe auf vermeintliche Isaf-Kollaborateure ein und versuchen daneben, die Nato-Kräfte durch Anschläge zu schwächen und in ihre befestigten Feldlager zurückzudrängen.

hen/dpa/AFP/AP



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