Afghanistan Deutscher Nato-General kritisiert zögerliche Aufstockung der Truppen

"Wir brauchen mehr Truppen in Afghanistan" - die Appelle der Kommandeure stoßen bei vielen Nato-Staaten auf taube Ohren. Die Zögerlichkeit rächt sich, meint der deutsche General Ramms: Der Einsatz werde so nur unnötig verlängert. Heftig kritisiert der Nato-Offizier auch die Bundeswehr.


Köln - Der deutsche Nato-General Egon Ramms beklagt einen schwerwiegenden Mangel an Isaf-Soldaten in Afghanistan. Die zögerliche Bereitschaft der Nato-Staaten, ausreichend Soldaten zur Verfügung zu stellen, führe zu einer unnötigen Verlängerung des Einsatzes, sagte der Befehlshaber der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (Isaf) im niederländischen Kommandozentrum Brunssum am Sonntag im Deutschlandfunk.

US-Soldat unter Feuer in der Provinz Helmand (Archivbild vom 18. Mai): Seargeant William Bee blieb unverletzt
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US-Soldat unter Feuer in der Provinz Helmand (Archivbild vom 18. Mai): Seargeant William Bee blieb unverletzt

Es gebe derzeit keine Reservekräfte, die die Nato-Kommandeure in Afghanistan notfalls einsetzen könnten. Insgesamt fehlten zwischen 5000 und 6000 Soldaten. Die Situation werde sich noch verschlimmern, wenn die USA einen Teil ihrer Truppen wie geplant im Herbst abzögen, betonte Ramms.

Zuletzt hatte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel an die Verbündeten appelliert, sich stärker zu engagieren: "Es hat schon viele weitere Truppenzusagen gegeben. Aber ich bin noch nicht zufrieden, denn wir brauchen noch mehr", sagte de Hoop Scheffer. Die Bundesregierung wird bei der im Herbst anstehenden Mandatsverlängerung ihr Kontingent voraussichtlich um etwa tausend Mann erhöhen. Derzeit sind in Afghanistan rund 3500 deutsche Soldaten stationiert - damit ist die Obergrenze erreicht.

Kritik an Polizeiausbildung

Ramms griff auch die Arbeit der Bundeswehr an, indem er heftige Kritik an der Polizeiausbildung in Afghanistan übte. Sie bleibe etwa zweieinhalb Jahre hinter der Ausbildung der afghanischen Armee zurück, sagte der ranghöchste Nato-Offizier der Bundeswehr. Es fehle noch an ausländischen Ausbildern. Außerdem müsse die Ausbildung US-Maßstäben folgen und nicht, wie lange geschehen, deutschen Prinzipien.

Deutschland hatte den Wiederaufbau der Polizei seit 2002 koordiniert. Mitte 2007 übernahm die europäische Polizeimission Eupol die Aufgabe, Deutschland bleibt daran maßgeblich beteiligt. Die Ausbildung sei von Anfang an nicht mit dem Schwung aufgenommen worden wie etwa das Training afghanischer Soldaten, klagt Ramms. "Wir haben zu wenig Ausbilder im Land gehabt, wir haben die Bedeutung der Polizei zu spät erkannt."

Ramms sprach sich im Deutschlandfunk dafür aus, den Kontakt der Isaf-Soldaten zur afghanischen Bevölkerung zu verstärken. "Der Schlüssel zum Erfolg beim Kampf gegen die Taliban liegt bei der Bevölkerung", sagte der General. Es habe sich gezeigt, dass dort, wo Zivilbevölkerung und Soldaten einen guten Kontakt hätten, die Isaf über Anschlagsplanungen der Taliban besser informiert werde.

Blutigster Tag des Jahres für Isaf-Truppen

Am Samstag waren bei Bombenanschlägen und Gefechten in Afghanistan nach Militärangaben sechs ausländische Soldaten ums Leben gekommen. Damit war dies laut Nachrichtenagentur AFP der bislang blutigste Tag des Jahres für die internationalen Einheiten am Hindukusch.

Vier Soldaten der US-geführten Koalitionstruppen starben demnach bei einem Rebellenangriff nahe der Stadt Kandahar im Süden des Landes. Zuerst sei eine Bombe explodiert, dann hätten die Islamisten die Soldaten unter Beschuss genommen, teilte das Kommando der Koalitionstruppen mit. Ein weiterer Koalitionssoldat sei zuvor bei einer ähnlichen Attacke in der südwestlichen Provinz Farah gestorben.

Ein polnischer Soldat der Isaf fiel einem Bombenangriff in der östlichen Provinz Paktika zum Opfer, wie die Schutztruppe und das polnische Verteidigungsministerium mitteilten. Bei dem Angriff seien vier weitere Nato-Soldaten verletzt worden. Seit Jahresbeginn wurden damit bislang 99 ausländische Soldaten in Afghanistan getötet, davon alleine 32 im Juni.

Angriff aus Pakistan

Ebenfalls am Samstag wurden Nato-Truppen in Afghanistan aus Pakistan heraus mit Artilleriegeschützen beschossen. Die Soldaten erwiderten das Feuer. Drei Artillerieladungen seien auf einem Stützpunkt der Isaf-Truppe und der afghanischen Armee in Paktika eingeschlagen, teilte die Schutztruppe mit. Sie seien offensichtlich nicht gezielt auf die Einheiten abgeschossen worden. Die Nato habe zur Selbstverteidigung ebenfalls Artillerie eingesetzt und die pakistanische Armee über den Vorfall informiert.

Die Isaf steht in engem Kontakt mit dem pakistanischen Militär, um eine Eskalation in Fällen dieser Art zu vermeiden. Die Regionen auf der pakistanischen Seite werden von den Taliban als Rückzugsgebiete genutzt.

phw/AFP/Reuters

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