Staubig liegt Kabul am Fuße der Berge. Dicker Smog hängt über der Haupt­stadt Afgha­nis­tans. Ner­vös ist die Stadt, ängst­lich. Die An­schläge nehmen zu, seit Monaten, seit Jahren. Spe­zial­ein­hei­ten der Regie­rung gehen Tag und Nacht in Kom­mando-Operationen gegen Extre­misten vor, mehr noch, seit die Frie­dens­ver­hand­lungen zwischen den Ameri­kanern und den Taliban vor­erst ge­schei­tert zu sein scheinen.

Diese ant­worten darauf mit Gewalt: Allein am vergan­genen Diens­tag gab es Anschläge in Kabul. Den einen in der Nähe der US-Bot­schaft, den zweiten nörd­lich der Stadt bei einer Wahl­kampf­ver­anstal­tung von Präsi­dent Ghani, mindes­tens 26 Menschen starben. Am Don­ners­tag tötete eine Auto­bombe der Taliban 20 Menschen.

Bis vor Kurzem schien ein Frie­dens­abkom­men noch in greif­barer Nähe: Rund ein Jahr ver­handel­ten die USA mit den Taliban. Es ging um den Trup­pen­abzug der Ameri­kaner - im Gegen­zug sollten die Taliban sicher­stel­len, dass Afgha­nis­tan nie wieder zum Rück­zugs­ort für aus­ländi­sche Ter­ro­risten wird. Doch An­fang Sep­tem­ber brach Donald Trump die Ver­hand­lungen wegen eines An­schlags ab, bei dem ein US-Sol­dat starb. Wie es wei­ter­geht, ist nun offen.

Aber das Grund­problem bleibt: Weder die Regierung noch die Afgha­nen waren über­haupt in diese Gesprä­che ein­ge­bunden. Die USA ver­han­del­ten mit den Taliban, weil sie in­zwischen wie­der so mächtig ge­worden sind und weite Teile des Lan­des kontrol­lieren:

Bereits von 1996 bis 2001 haben die Extre­misten das Land regiert. Es war eine Zeit, an die viele Afgha­nen mit Schrecken zu­rück­denken. In der Frauen fast keine Rechte hat­ten, in der An­ders­denkende brutal unter­drückt wurden. Viele Afgha­nen, die sich in den ver­gange­nen 18 Jahren stück­weise kleine Frei­heiten er­kämpft haben, fürch­ten, diese wieder zu ver­lieren, wenn die USA und die Taliban doch noch ein Abkom­men schließen. Frauen­recht­lerin­nen, Intel­lek­tu­elle, An­hänger reli­giöser Min­der­heiten: Sie alle war­nen vor einer Rück­kehr in die Ver­gan­gen­heit - und haben Angst vor einem fal­schen Frieden.

Der Musiker

Auch Ahmad Sarmast, der im Dezem­ber 2014 fast durch einen Anschlag der Taliban starb. Er kor­rum­piere die afghanische Jugend, ließ die Gruppe nach dem Anschlag ver­lauten. Seit er 2010 das Afgha­nistan Natio­nal Insti­tute of Music in Kabul grün­dete, sehen ihn die Taliban als ihren Feind. Denn Kunst, gerade Musik, lehnen sie strikt ab.

Sarmast läuft an einem Sams­tag­morgen durch seine Musik­schule in Kabul, in der Nähe des High­way One, der großen Ring­straße, die sich durch ganz Afgha­nis­tan zieht. Über der Stadt dröhnen die Heli­kopter, an Check­points bilden sich Auto­schlan­gen. Sarmast setzt sich in seinem Büro unter die Fotos der großen Kon­zerte, die sein Orches­ter aus jungen Afghanen und Afgha­ninnen auf der gan­zen Welt gege­ben hat. Gerade dass Mäd­chen an seiner Schule stu­dieren, war ihm immer beson­ders wichtig.

Seine Familie hat ihn ange­fleht, das Land zu ver­lassen. Aber er will nicht gehen, will das Land nicht den Extre­misten über­lassen, will nicht noch einmal die Kunst sterben sehen, obwohl er immer wieder bedroht wird:

Afghanistan habe sich in den ver­gange­nen 18 Jahren weiter­ent­wickelt, sagt Sarmast. Die Bevöl­kerung, insbe­sondere die Jugend Afgha­nistans, sei heute viel auf­ge­schlos­sener für Ver­ände­rungen als 1996, erklärt er, wäh­rend er durch die Schule läuft. Vorbei an Räumen voller Instru­mente.

»Heute hat Afgha­nistan eine Ver­fassung. 1996 war Afgha­nistan ein Schlacht­feld ver­schiede­ner mili­täri­scher Frak­tionen. Aber heute haben wir eine starke Zen­tral­regie­rung. Das zeigt deut­lich, wie Afgha­nistan sich ver­ändert hat.«

Doch die Regie­rung ist nicht so stark, wie Sarmast hofft. Der Krieg in Afgha­nistan ist in den vergangen Jahren so blutig wie lange nicht mehr gewesen. Die Taliban sind auf dem Vor­marsch, nur noch 54 Prozent der Dis­trikte des Landes, so der Sigar-Report der USA vom An­fang diesen Jahres, kon­trol­liert die Regie­rung. Die Taliban haben mehr terri­toria­len Ein­fluss als zu jedem anderen Zeit­punkt seit 2001. Die großen Städte sind immer wieder Ziele von bruta­len An­schlä­gen. Zwischen 2015 und 2018 starben laut der afgha­nischen Regie­rung rund 28000 afgha­nische Sol­daten und Polizisten.

Ein Hazara-Kämpfer bewacht eine schiitische Moschee

Straßenszene in Kabul

Afghanischer Gebirgs­zug aus der Luft

Kurz nach dem Abbruch der Ge­spräche mit den Ame­ri­kanern schick­ten die Taliban eine Dele­gation nach Russ­land. Nach dem Tref­fen hieß es von russischer Seite, es sei not­wendig, die Gesprä­che zwischen den USA und den Taliban wieder­auf­zu­neh­men. Die Taliban seien bereit dazu.

Die Regierung in Kabul ließ hin­gegen ver­lauten, dass es einen Frie­den erst nach der Wahl am 28. September geben könnte. Doch die Taliban weigern sich nach wie vor, mit der Regierung direkt zu verhandeln. Sie sehen sie als illegitim an.

Der Schiit

In einer schiitischen Moschee am Rande Kabuls wartet der Rechts­ge­lehrte Dr. Zakir Husain Ershad. Er ist Hazara, Ange­höriger der schiitischen Min­der­heit Afgha­nistans. Er glaubt nicht an einen Frieden, glaubt, dass es immer weiter­gehen wird mit der Gewalt, deren Ziel die Hazara schon seit Langem sind. Tau­sende schlach­teten die Taliban während ihrer Herr­schaft ab.

Hinter den Toren der Moschee stehen Hazara mit Sturm­ge­weh­ren. Ershad setzt sich vor die Kanzel. Draußen schieben sich dunkle Wolken über den Himmel.

Die Sorge, dass sich ohnehin nicht alle Taliban an den mög­lichen Frieden halten werden, ist berech­tigt. Schon heute gibt es unter­schied­liche Taliban-Grup­pierun­gen. Die Extre­misten driften aus­einan­der - und dass alle Gruppen die Waffen nieder­legen würden, ist un­wahr­schein­lich. Viele Kom­man­deure haben eigene wirt­schaft­liche In­teres­sen. Und die stehen über dem Wunsch nach Frieden.

Die Frauenrechtlerin

Besonders große Sorgen machen sich Frauen im ganzen Land. Samina Ansari, Frauen­rechts­akti­vistin und ehe­malige Lehr­beauf­tragte für Gender­wis­sen­schaf­ten an der ameri­kani­schen Uni­versi­tät in Kabul, sitzt im Garten eines Freun­des, eine junge Frau, welt­offen und wort­gewandt. Eine Karriere wie ihre - unter den Taliban undenkbar.

Zwar will Präsident Ghani die Rechte der Frauen ver­tei­digen. Bereits im No­vember 2018 hat er in Genf einen Frie­dens­plan vor­ge­stellt, in dem er meh­rere Be­din­gun­gen stellte. Die Taliban müss­ten Teil einer demo­krati­schen Gesell­schaft werden, sie müssten die Ver­fas­sung ak­zep­tieren und spe­ziell die Rechte der Frauen.

Doch die Taliban ver­handel­ten mit den USA, mit Pakis­tan, Saudi-Ara­bien, den Emiraten, den Russen - nur eben nicht mit der afgha­nischen Regie­rung. Und erst recht nicht mit Frauen:

Andere Frauen­rechts­akti­vis­tin­nen, die in kon­ser­vati­veren Regionen leben, wer­den noch deut­licher als Ansari: In Kandahar, im Süden des Landes, sagt eine Akti­vistin, dass nun alle Frauen­rechte für den Frie­den geop­fert werden könnten. Im Norden, in der Pro­vinz Faryab, sagt eine andere, es sei ihre größte Angst, dass die Schulen für Mäd­chen ver­schwin­den, dass es kei­ner­lei Ent­wick­lung, keine weib­liche Mit­bestim­mung geben könnte. Dass Frauen wieder recht­lose Gebär­maschi­nen werden könnten.

Was kommt nun? Sollte Donald Trump die Gesprä­che mit den Taliban wieder­auf­neh­men und wirk­lich ein Abkom­men schlie­ßen, wäre es gut für die USA und gut für die Taliban - aber schlecht für Afgha­nis­tan, fürchten die Frauen, die Hazara und die Intel­lek­tuel­len im Land.

Dann droht eine weitere Runde im Kreis­lauf aus Krieg und Chaos, der seit Jahr­zehn­ten an­dauert.

Autor Fritz Schaap

Videos & Fotos Christian Werner

Grafik Anna-Lena Kornfeld

Layout Lorenz Kiefer

Programmierung Chris Kurt

Videoproduktion Pune Djalilehvand

Schlussredaktion Katrin Zabel

Dokumentation Rainer Szimm

Redaktion Lena Greiner, Jens Radü, Mathieu von Rohr

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