Armee gegen Taliban Die lange Schlacht um Kunduz

Blitzartig haben die Taliban Kunduz erobert. Nun prahlen sie mit erbeuteten Waffen und Fahrzeugen, ermorden Regierungskräfte. Die Gegenoffensive wird zur Bewährungsprobe der afghanischen Armee.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Armee gegen Taliban: Die lange Schlacht um Kunduz

Armee gegen Taliban: Die lange Schlacht um Kunduz

Foto: STRINGER/AFGHANISTAN/ REUTERS

Afghanistans Regierung rechnet mit tagelangen Kämpfen zur Rückeroberung der Provinzmetropole Kunduz von den Taliban - und hat die Bevölkerung entsprechend vorgewarnt. "Wir können uns nur langsam vorkämpfen, da sich die Taliban überall in der Stadt eingenistet haben und wir keine Zivilisten bei unserer Operation töten wollen", sagte Verteidigungsminister Massoum Stanekzai in der Hauptstadt Kabul. Für Nachfragen hatte er nicht viel Zeit, schließlich sei man in einer Notlage.

Am Morgen begann die afghanische Armee vom Flughafen im Süden der Stadt eine Offensive zur Rückeroberung. Seit Montagnachmittag waren Hunderte Spezialkräfte nach Kunduz geflogen worden, auch auf dem Landweg sind Einheiten unterwegs. Laut Augenzeugen aber kamen die Truppen nur schleichend voran. Bisher eroberten sie lediglich einige Kilometer der Straße zurück, die von Süden in die Stadt führt, und brachten das Hauptquartier der Polizei wieder unter ihre Kontrolle.

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Erobertes Kunduz: Terroristen im Rotkreuz-Jeep

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In der Stadt allerdings haben weiter die Taliban das Sagen. Augenzeugen berichteten, Hunderte Kämpfer seien auf den Straßen, von der Armee sei nichts zu sehen. "Wir haben große Angst, dass sie irgendwann von Haus zu Haus gehen und nach Verrätern suchen", sagte ein junger Mitarbeiter einer ausländischen Entwicklungshilfeagentur. Er habe sich mit seiner Familie in einem kleinen Raum in seinem Gehöft versteckt. Von draußen hört er die Gesänge der Taliban, die mit Lautsprecherwagen herumfahren.

Die Schlacht um Kunduz wird ein Test für die Leistungsfähigkeit der afghanischen Truppen, die seit Jahren von ausländischen Trainern beraten und mit Milliarden von der internationalen Staatengemeinschaft gestützt werden. "Wenn sie Kunduz nicht schnell zurückerobern können, muss man die Lage hier neu überdenken", warnt ein westlicher Diplomat in Kabul. "Der Einmarsch hat symbolische Wirkung für das ganze Land".

Brutale Jagd auf Regierungskräfte

Von der Offensive der Taliban waren die afghanischen Sicherheitskräfte offenkundig völlig überrascht worden, viele der Einheiten waren wegen des traditionellen Eid-Festes bei ihren Familien. Das Personal in der Stadt gab schnell auf. Statt zu kämpfen, zogen sich fast alle Posten nach dem Einmarsch der Radikalislamisten am frühen Montagmorgen umgehend aus dem Stadtzentrum zurück. Selbst Jeeps und Waffen wurden liegen gelassen, berichten Einwohner.

Die Anwohner berichteten SPIEGEL ONLINE per Telefon, die Taliban hätten sich in der Stadt massiv aufgerüstet. "Sie haben alle Posten der Polizei und der Armee geplündert, nahmen Jeeps, Waffen und Munition mit", sagte ein Kioskbesitzer. Auch die Zentralen der Uno, des Roten Kreuzes und der deutschen Entwicklungshilfeagentur GIZ seien noch am Montag geplündert worden. Seitdem würden die Taliban-Kämpfer stolz mit Uno-Jeeps und Armee-Fahrzeugen durch die Stadt fahren.

Laut Augenzeugen verhalten sich die Kämpfer gegenüber den meisten Zivilisten trotzdem erstaunlich diszipliniert. "Sie sagen der Bevölkerung immer wieder, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, nur die Regierung in Kabul sei ihr Feind", so ein Augenzeuge. Auf Regierungsmitarbeiter sei allerdings rücksichtslos Jagd gemacht worden. In den Straßen liegen demnach an vielen Stellen Leichen von erschossenen Polizisten und Beamten. Die Krankenhäuser meldeten bisher rund 170 Verletzte und mehr als zehn Todesopfer.

Westlicher Luftangriff in den Morgenstunden

Bisher halten sich die ausländischen Militärs zurück, offiziell sind die Nato-Truppen nicht mehr zum Kämpfen, sondern nur zur Beratung der Afghanen im Land. Doch es gibt Ausnahmen: Am Dienstagmorgen beschoss ein US-Kampfjet eine Kolonne mit Armeefahrzeugen, welche die Taliban zuvor erbeutet hatten. Der Einsatz wurde in einer Notlage beschlossen: Da unter den Fahrzeugen auch ein Panzer war, der den Flughafen und die dortige Armeebasis hätte beschießen können, gab man in Kabul grünes Licht für den Angriff.

Bei der Offensive wollen die internationalen Kräfte die Afghanen eigentlich nur beraten und mit Luftbildern von Drohnen taktisch unterstützen. Dazu flog am Dienstag auch ein kleines Team der Bundeswehr nach Kunduz. Laut dem Verteidigungsministerium waren die Deutschen "zu Abstimmungsgesprächen" am Flughafen: Man wolle "verstehen, wie die afghanische Armee gedenkt, die Hoheit über die Stadt zurückzugewinnen".

Ein Kampfeinsatz der Bundeswehr gilt jedoch als ausgeschlossen.


Zusammengefasst: Die Gegenoffensive in Kunduz läuft, Regierungstruppen wollen die Stadt von den Taliban zurückerobern. Doch das könnte dauern, die staatlichen Einheiten kommen nur äußerst langsam voran. Unterstützt werden sie vom Westen nur beratend, Luftangriffe gibt es nur in Ausnahmefällen. In der Stadt haben die Taliban viele Fahrzeuge von NGOs erobert und töten Regierungsvertreter - die übrige Zivilbevölkerung wird aber bisher offenbar verschont.

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