US-Strategie für Afghanistan Rückzug vom Rückzug

Eigentlich steht das Abkommen mit den Taliban kurz vor dem Abschluss. Nun erkennt US-Präsident Trump, dass nicht nur die Afghanen, sondern auch die Amerikaner alles verlieren könnten, wenn es zustande kommt.

Afghanistan: Noch ist nicht klar, wann der Truppenabzug der US-Armee stattfinden wird.
Omar Sobhani/ REUTERS

Afghanistan: Noch ist nicht klar, wann der Truppenabzug der US-Armee stattfinden wird.

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Der Vertrag mit den Taliban war bis auf geringfügige Details verhandelt. Dann ließ sich US-Präsident Donald Trump in einem seiner Golf-Resorts in New Jersey zum ersten Mal persönlich und detailliert über die Gespräche mit den militanten Fundamentalisten ins Bild setzen. Sein Chefunterhändler Zalmay Khalilzad, ein in den USA ausgebildeter Afghane aus Mazar-e-Sharif und Karriere-Diplomat, war angereist. Das Treffen fand in größerer Runde statt, Militärs und Kongressabgeordnete waren anwesend.

Seither ist Trump wie ausgewechselt.

Ging es ihm seit fast einem Jahr um den schnellstmöglichen Truppenabzug, heißt es plötzlich: "Wir sind nicht in Eile." Einen Zeitplan gäbe es nicht, versichert Trump jetzt. Die Hast der Amerikaner, einen schnellen Erfolg zu produzieren, hatte ihre Verhandlungsposition stark geschwächt. Die Taliban dagegen hatten Zeit und schienen ihre Forderungen durchzukriegen.

Trump muss aus den eigenen Reihen Druck erhalten haben, Afghanistan nicht im Chaos zu verlassen, vermuten Beteiligte in Kabul und Deutschland. Steuerzahlern und Veteranen sei es schwerlich zu erklären, wenn das Land künftig wieder von den Taliban regiert würde und damit quasi der Zustand von 2001 vor dem Einmarsch der USA wieder hergestellt sei. Der Verlust von Tausenden gefallenen Soldaten und einer Billion Dollar Steuergelder allein für militärische Ausgaben in diesem längsten Krieg der US-Geschichte wären vergebens gewesen.

Beobachter fürchten einen erneuten Bürgerkrieg

Am vergangenen Donnerstag war erneut ein US-Soldat in den Kämpfen umgekommen. Es war bereits der dritte getötete Amerikaner in diesem August. Gleichzeitig kämpfen sich die Taliban überall im Land in Bezirke und Städte vor wie gerade im Norden in Faryab und Kunduz.

Die Taliban wollen den baldigen, vollständigen Abzug ausländischer Truppen erreichen. Dieser sollte nach bisherigem Stand zwischen sechs Monaten - so die Forderung der Taliban -, nach US-Planungen spätestens aber in 18 Monaten abgeschlossen sein. Im Gegenzug wollten die Fundamentalisten garantieren, dass Afghanistan nie wieder als Basis für international operierende Terroristen genutzt würde. Zu diskutieren waren zudem der Waffenstillstand und "Friedensgespräche zwischen den afghanischen Kriegsgegnern" sowie ein sogenannter innerafghanischer Dialog. Völlig unklar blieb bisher aber, wie dieser zweite Teil abgesichert werden würde. Die Furcht von Beobachtern ist, dass die Waffen trotz Zusagen keineswegs schweigen dürften und es erneut zum Bürgerkrieg kommt.

Von einem totalen Abzug ist Trump inzwischen aber weit entfernt. Die Rede ist nur noch von einer "Reduzierung", bisher waren es 14.000 Soldaten. Vor allem sogenannte Terror-Bekämpfungstruppen sollen bleiben. "Wir gehen runter auf 8600 (Truppen) und machen die Entscheidung, wie es weitergeht, davon abhängig, was passiert", sagte Trump am Donnerstag in Fox News Radio.

Gibt es doch keinen "Deal"?

Das Hauptproblem ist die Verweigerung der Taliban, einen dauerhaften Waffenstillstand zuzusagen. Auf diesem bestehen die Amerikaner aber. Die Islamisten wollen jedoch verhindern, dass der amtierende Präsident Ashraf Ghani die für Ende September geplanten Präsidentschaftswahlen abhalten könnte und damit Tatsachen schaffen. Die Fundamentalisten streben deshalb eine gemeinsame Übergangsregierung an, die dann den Waffenstillstand verkündet. Dann wären sie mindestens Teil der Macht, wenn sie diese nicht schon übernommen hätten.

Achtmal hatten sich die Taliban und Trumps Sonderbotschafter Zalmay Khalilzad bereits für Verhandlungsrunden in Doha getroffen. Die aktuelle neunte sollte die letzte sein. Seit Khalizads Besuch in den USA am 16. August wurde täglich die Unterschrift des Vertrags erwartet. Trump hatte Khalilzad eine Frist bis zum 1. September gesetzt, um am Freitag überraschend zu sagen: "Wir müssen Afghanistan beobachten, ich bin nicht sicher, ob dieser Deal überhaupt zustande kommt."

insgesamt 18 Beiträge
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Deep Thought 01.09.2019
1. Die USA ernten, was sie in den 1970er Jahren gesät haben...
Afghanistan hat seinerzeit die UDSSR zur Hilfe gegen die muslimischen Extremisten namens Taliban zur Hilfe gerufen. Der üble "Berater" Brzezinski des damaligen Präsidenten drängte darauf, die Mujaheddin Afghanistans mit rund 5 Mrd USD zu unterstützen, u.a. mit hochmodernen "Stinger"-Raketen, mit welchen sie reihenweise sowjetische Kampfhubschrauber vom Himmel holten, dazu gaben die USA panzerbrechende Waffen und logistische Hilfe sowie Satellitenaufklärung an die islamistischen Eiferer. Tatsächlich wurden die UDSSR-Truppen geschlagen, aber die islamistischen Extremisten hatten "dank" der USA gelernt, daß sie mit modernen WAffen auch die USA schlagen konnten. Das passierte dann auch in Form der Taliban, die im Grunde erst durch den früheren Stellvertreterkrieg gegen die UDSSR durch die US-Unterstützung sowie die spätere massive Unterstützung durch die wahabistischen Diktaturen in SA. UAE, Bahrain und Katar jetzt plötzlich den USA den Garaus machten. Die alte, primitive Aussenpolitik der USA hat eben noch NIE langfristigen Erfolg gehabt: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" ist die dümmste anzunehmende Politische Strategie, die überhaupt möglich ist. Und so haben die USA inzwischen den gesamten Nahen Osten in Schutt und Asche und Millionenfaches Leid "dank" der US-Kriegsverbrechen wie Krieg gegen den Irak, Krieg gegen Afghanistan und Krieg gegen Libyen angerichtet. Es lohnt sich sehr, die Bücher von Peter Scholl-Latour dazu zu lesen....
Koda 01.09.2019
2. Ja wie??? Der Artikel klingt nach Biggest Dealmeker faces reality
Also kann er doch nicht immer große Deals abschließen, oder? Oder kann es sein, dass es etwas Anderes ist, Weltpolitik zu machen oder Gebäude zu bauen oder Casinos in den Sand zu setzen...?
Nils Melzer 01.09.2019
3. Liest hier auch jemand UNAMA?
Die Berichte der UN Assistance Mission in Afghanistan, Stichwort Kulalgo-Killings? ""Der Westen und seine afghanischen Verbündeten töten mehr Zivilisten, als dies Taliban und IS machen." Zu diesem Fazit kam Emran Feroz auf Grundlage eines UNAMA-Berichts im Mai 2019. Schon vorher gab es immer wieder Beispiele dafür." Nach Recherchen von Thomas Ruttig, Journalist beim Afghanistan Analyst Network sollten die USA so schnell wie möglich verschwinden, wenigstens die CIA.
wunsiedel 01.09.2019
4. Deep thought
Wie können Sie von einer US-Regierung annehmen, differenziert nachzudenken. Und dann auch noch Scholl-Latour anführen. Das ist doch alles viel zu kompliziert.
jolly.jumper 01.09.2019
5. Vietnam-Syndrom
Vietnam scheint sich zu wiederholen. Nur gut, dass diesmal die Russen und Chinesen die Islamisten nicht unterstützen, sonst hätten die USA samt der Verbündeten schon längst die Flucht ergriffen wie Anno 1975 in Vietnam. So reicht es vielleicht noch für ein paar Jährchen, bis die Taliban (also Pakistan) wieder die Macht ergreifen. War alles vergebens, die ganzen Opfer und so. Vom Geld ganz zu schweigens: Gone with the wind.
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