Afghanistan Diebe erschießen deutschen Entwicklungshelfer

Tödlicher Angriff in Afghanistan: Diebe haben einen deutschen Mitarbeiter der Welthungerhilfe erschossen. Der ältere Mann war nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen erst seit wenigen Tagen im Einsatz - ein Kollege: "Es hätte jedem von uns passieren können. Es läuft einem ein Grausen den Rücken runter."

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Kabul - Erst Anfang des Monats war der Entwicklungshelfer nach Afghanistan gekommen, erfuhr SPIEGEL ONLINE bei der Welthungerhilfe in Afghanistan. Jetzt sei der ältere Mann mit einer Inspektionsreise in den umliegenden Dörfern der Provinz Sari Pul beauftragt gewesen. "Er war ein sehr erfahrener Mitarbeiter, der schon früher in Afghanistan im Einsatz war", sagte ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Afghanistan.

Aufgrund seiner Erfahrung sei er für diese Aufgabe eingesetzt worden. Auch in anderen Ländern hatte der Helfer Erfahrungen gesammelt. Die Kollegen seien tief betroffen von dem Todesfall. "Es hätte jedem von uns passieren können, weil wir hier nicht nur hinter dem Schreibtisch sitzen. Es läuft einem ein Grausen den Rücken runter", sagte ein Kollege.

Schon kurz nach der Tat, die sich gegen 13 Uhr Ortszeit ereignet hatte, waren mehr als 100 Polizisten zum Tatort in der nordafghanischen Provinz Sari Pul ausgeschwärmt. Sie sollten alle Häuser in der Gegend durchsuchen und die Täter aufspüren, die den deutschen Entwicklungshelfer erschossen haben, sagte Sayed Mohammad Iqbal Munib, Gouverneur der Provinz.

Suche nach den Tätern

Bis zum Abend aber fehlte von den Tätern jede Spur. Afghanische Behörden gingen davon aus, dass das Attentat keinen politischen Hintergrund hatte. Das afghanische Innenministerium machte "bewaffnete Diebe" für den Angriff verantwortlich. Gouverneur Munib sagte, die vier Entwicklungshelfer seien beraubt worden. Die Attentäter hätten anschließend die drei Afghanen freigelassen und den Deutschen erschossen. Seine Leiche hätten sie auf der Straße liegen lassen.

Die Entwicklungshelfer wurden nach Angaben afghanischer Behörden während ihrer Autofahrt von zwei Bewaffneten gestoppt. "Sie zerrten sie aus den Autos, durchsuchten sie und raubten die Afghanen aus", sagte Vizeprovinzgouverneur Qamarudin Shikeb. "Den Deutschen führten sie in einige Entfernung und töteten ihn mit zwei Kugeln." Die Leiche sei in die Provinzhauptstadt Sari Pul gebracht worden.

Lokale Sicherheitskräfte berichteten jedoch nach den Vernehmungen der afghanischen Helfer, die mit dem Deutschen reisten, dass die Einheimischen konkret wegen ihrer Arbeit für eine westliche Organisation beschimpft worden seien. Der Angriff wirkt anhand der dieser Erkenntnisse eher wie ein Fanal gegen die Helfer aus dem Ausland.

Bewusst hatte die Welthungerhilfe bei ihren Projekten in Afghanistan darauf gesetzt, möglichst wenige Ausländer einzusetzen. So sollte verhindert werden, dass die Arbeit der Helfer als das Werk von Fremden verstanden werden könnte. Zudem sollten so möglichst viele Afghanen Arbeit finden.

In der internationalen Helfer-Gemeinde wurde die Blut-Tat schockiert aufgenommen. Umgehend veröffentlichte eine Sicherheitsagentur, welche alle in Afghanistan agierenden Nichtregierungs-Organisationen berät, eine dringliche Warnung für den gesamten Norden Afghanistans aus. "Wir wissen bisher nicht viel über den Hintergrund des Todes," sagte ein Mitarbeiter der Agentur, die seit Jahren in vielen Regionen Afghanistans aktiv ist. Anders als die afghanischen Behörden wollte er einen gezielten Angriff gegen internationale Helfer nicht ausschließen.

Außenminister Steinmeier tief betroffen

Das Auswärtige Amt bestätigte den Tod am Abend nachdem ein Isaf-Arzt der Isaf die Leiche des Mannes in der Provinzhauptstadt Sari Pul identifiziert hatte. Minister Steinmeier zeigte sich bestürzt. "Noch sind die Hintergründe der Tat nicht aufgeklärt, aber sie erfüllt uns mit Trauer und Entsetzen", sagte er. "In dieser schweren Stunde sind unsere Gedanken bei der Familie des Opfers, ihr gilt jetzt unser ganzes Mitgefühl", so der Minister.

Steinmeier betonte, dass es sich bei dem Opfer um einen Menschen gehandelt habe, "der sein Leben in den Dienst des Wiederaufbaus Afghanistans und der Hilfe für seine Menschen gestellt hat". Die Bundesregierung wird dem Minister zufolge alles daran setzen, die Hintergründe dieser schrecklichen Tat aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Es ist der erste deutsche Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 in Afghanistan getötet wurde. In der mehr als 40-jährigen Geschichte der Deutschen Welthungerhilfe sei es das erste Mal, dass ein deutscher Mitarbeiter im Ausland getötet worden sei, sagte Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe.

Die Deutsche Welthungerhilfe ist nach eigenen Angaben bereits seit 1980 in Afghanistan aktiv. Seit 2003 zählen zu den Arbeitsschwerpunkten der Wiederaufbau der ländlichen und kommunalen Infrastruktur, die Ernährungssicherung, die Stärkung der Zivilgesellschaft sowie der Umwelt- und Erosionsschutz. Derzeit sind rund 30 Deutsche dort im Einsatz.

Erst im letzten Jahr starben zwei deutsche Journalisten

Seit September 2003 beteiligt sich die Welthungerhilfe am sogenannten Nationalen Solidaritätsprogramm der afghanischen Regierung zur Stärkung des ländlichen Raums. Im Rahmen dieses Programms war auch der getötete Deutsche unterwegs. Es betreut Infrastrukturmaßnahmen: Brunnen- und Brückenbau, Einrichtung von Krankenstationen.

In Nordafghanistan kommt es immer wieder zu terroristischen Angriffen. Als großes Problem gelten allerdings auch kriminelle bewaffnete Banden. Im Jahr 2004 waren fünf Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" im Nordwesten Afghanistans getötet worden. Im vergangenen Jahr hatten Unbekannte zwei deutsche Mitarbeiter der Deutschen Welle in Afghanistan umgebracht.

In Südafghanistan wurden unterdessen bei einem Selbstmordattentat gegen einen Nato-Konvoi in der Nähe von Kandahar mehrere Zivilisten getötet. Die Zahl der Opfer ist bislang unbekannt, wie Polizeichef Hesmatullah Alizai sagte. Zuvor hatte es in der Provinz Kandahar bereits einen anderen Selbstmordanschlag auf einen Nato-Konvoi gegeben. Verletzte hatte die Allianz aber nicht zu beklagen, wie ein Isaf-Sprecher sagte.

mit AP/Reuters/dpa/AFP



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