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24. Juni 2013, 16:09 Uhr

Abzug aus Afghanistan

Rette sich, wer kann

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Die Lage in Afghanistan wird immer prekärer - nicht mal mehr afghanische Diplomaten wollen in ihrer Heimat leben. Bis zu 100 Entsandte, die nach einem Auslandseinsatz an den Hindukusch zurückkehren sollten, haben sich jetzt abgesetzt.

Hamburg/Kabul - Insgesamt 105 afghanische Diplomaten sollten am Samstag im Außenministerium in Kabul ihren Dienst antreten. Ihre Entsendung ins Ausland war turnusmäßig vorbei, es war an der Zeit, in die Zentrale in Kabul zurückzukehren. Doch genau fünf sind bisher wieder aufgetaucht. Die anderen sind offensichtlich in den Ländern geblieben, in denen sie Dienst taten, darunter auch mehrere Mitarbeiter an afghanischen Botschaft in Berlin.

Aus Kreisen des afghanischen Außenministeriums hieß es nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen, die Mitarbeiter der Botschaften hätten mitgeteilt, sie würden in ihren jeweiligen Gastländern jeweils Asyl beantragen oder zumindest eine Verlängerung ihres Dienstes bis zur Präsidentenwahl im Frühjahr 2014 beantragen. "Sie haben die Hoffnung, dass dann mehr Klarheit besteht über die Zukunft unseres Landes", sagte ein Mitarbeiter des Ministeriums. "Ich habe das Gefühl, als habe der Exodus eingesetzt. Niemand will zurück nach Afghanistan." Man könne es den Leuten aber nicht übelnehmen, dass sie wegblieben, "bei der Lage im Land".

Die meisten Afghanen rechnen Umfragen zufolge damit, dass das Land in Chaos und Gewalt versinkt. Und dass ein Bürgerkrieg ausbricht, sobald die westlichen Truppen Ende 2014 abgezogen sind. Schon seit Monaten rüsten Taliban sowie verschiedene ethnische Gruppen auf, um sich auf einen Kampf um die Macht im Land vorzubereiten.

Ein hochrangiger Beamter sagte, Präsident Hamid Karzai wisse um die Lage und sei "völlig überfordert". Er sei bestürzt, dass afghanische Diplomaten die Rückkehr verweigerten. Allerdings habe er "keinerlei Strategie" und bringe "außer kurzfristigen emotionalen Ausbrüchen" nichts zustande. "Karzai tut nichts. Wir sitzen bei den Besprechungen und fragen, wie wir reagieren sollen, und er zuckt mit den Schultern."

Die meisten Afghanen glauben nicht an eine bessere Zukunft

Unter dem afghanischen Diplomatennachwuchs befinden sich viele Töchter und Söhne hochrangiger Politiker, deren Ziel es ebenfalls ist, so schnell wie möglich ins Ausland zu kommen und dort vorerst zu bleiben, bis die Lage in Afghanistan geklärt ist.

Auch Stiftungen und Organisationen, die Bildungsreisen und Konferenzen für Afghanen ins Ausland organisieren, sind zurückhaltend geworden in den vergangenen Wochen und Monaten. Sie wissen, dass immer häufiger Reiseteilnehmer abtauchen. Von einer von der Bundesregierung organisierten Reise für afghanische Lehrerinnen seien einige nicht nach Afghanistan zurückgekehrt, erzählt man sich in Kabul. Auch ein hochrangiger Beamter des afghanischen Außenministeriums meldete sich von einer Reise nach Kanada per Telefon und teilte mit, er werde nicht zurückkehren.

"Ich kann diesen Trend bestätigen", sagt Tinko Weibezahl, Leiter des Kabuler Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung. "In den vergangenen Monaten haben einige unserer qualifiziertesten Ansprechpartner das Land verlassen." Unter den Flüchtlingen seien vor allem "gut Ausgebildete, die noch vor einem Jahr deutlich optimistischer in die Zukunft schauten". Auch Minister, Abgeordnete und ranghohe Militärs versuchten, ihre Familien aus dem Land zu bringen.

Die Geschichte von einer hoffnungsvollen Zukunft eines Afghanistans, das auf eigenen Füßen steht, sicher und friedlich ist und demokratisch regiert wird, "ist eben nur eine Geschichte, die der Westen uns gerne erzählt", sagt ein ranghoher Mitarbeiter aus dem Präsidentenpalast in Kabul. "Diese Geschichte hat nur einen Haken: Die meisten Afghanen glauben sie nicht."

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