Afghanistan Effektive Drogenbekämpfung à la Taliban

Aus Angst vor Drogenbaronen will Verteidigungsminister Struck das Bundeswehrkontingent am Hindukusch aufstocken. Er fürchtet Racheaktionen auch gegen deutsche Soldaten, wenn die britische Armee mit ihrem Feldzug gegen den Schlafmohnanbau beginnt. Doch eins ist klar: So effektiv wie die Taliban werden die Briten nicht sein.


Mohnanbau in Afghanistan: Unter den Taliban fast völlig zum Erliegen gekommen
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Mohnanbau in Afghanistan: Unter den Taliban fast völlig zum Erliegen gekommen

Hamburg - In den neunziger Jahren war Afghanistan der Hauptlieferant für Heroin in die ganze Welt. Doch im letzten Jahr ihrer Herrschaft in Afghanistan hatten die Taliban ein radikales Programm gegen den Drogenanbau beschlossen - und umgesetzt. Mit der Folge, dass die weltweite Heroinproduktion um zwei Drittel zurückging. Das berichtet die britische BBC unter Berufung auf eine neue Studie, die der Kriminologe Graham Farrell von der Loughborough Universität erstellt hat.

Allerdings verweist der Professor darauf, dass trotz des Erfolgs, den die Taliban in der Drogenbekämpfung erzielten, deren Methode nicht in anderen Ländern angewandt werden könne. Von Rechtsstaatlichkeit im westlichen Sinne gab es im Talibansystem keine Spur.

Die Methode der früheren afghanischen Herrscher ging so: Im Juli 2000 verbot das Regime den Anbau von Schlafmohn, aus dem das Heroin hergestellt wird. Missetäter wurden mit harten Strafen belegt. Wer dennoch beim Anbau der Pflanze erwischt wurde, kam mit geschwärztem Gesicht ins Gefängnis, manch einer wurde als Übeltäter öffentlich durch die Straßen getrieben.

Das perfide aber offensichtlich effektive an der Methode war, dass nicht nur die schuldigen Bauern bestraft wurden. Bestraft wurden auch die jeweilige Dorfgemeinschaft und lokale religiöse Führer. Sie hatten auf Taliban-Anweisung dafür zu sorgen, dass die Gesetze gegen den Drogenanbau in ihrem Gebiet umgesetzt werden. Schafften sie das nicht, wurden sie ebenso dafür zur Rechenschaft gezogen wie der Schlafmohnbauer selbst. Der Studie zufolge wirkte das so gut, dass der Rohstoff für Heroin nahezu überhaupt nicht mehr in Afghanistan angebaut wurde und das Heroin-Angebot weltweit um 65 Prozent abnahm.

Nach dem Ende des Taliban-Regimes im Jahr 2001 war es damit schlagartig vorbei. Der Schlafmohn blüht wieder üppig auf zahllosen Feldern.

Was der britische Forscher allerdings in seiner Studie vergisst, ist der wahre Grund für das radikale Drogenverbot durch die Gotteskrieger. Keineswegs richtete sich ihr Hauptaugenmerk auf das Drogenverbot durch den Koran, sondern mehr auf ein lukratives Geschäft. Bevor die Taliban nämlich den Anbau im Jahr 2000 unter Strafe stellten, konfiszierten ihre Schergen die gesamte Ernte des Vorjahrs und lagerten das Rohopium in gesicherten Hallen. Als nach dem Verbot der Weltmarktpreis für die Droge rasch nach oben schoss, verkauften die Taliban das Opium zu einem horrenden Preis und finanzierten so neue Waffen und Ausrüstung für ihre Truppen.

Britischen Soldaten in Afghanistan versuchen gegenwärtig so viel Schlafmohnfelder wie möglich abzubrennen und damit die Ernten zu vernichten. Nun rechnen die Militärs mit Racheakten der Drogenbarone, weil sie deren lukratives Geschäft stören. Der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck fürchtet, dass sie dabei wenig Rücksicht darauf nehmen werden, welche Uniform die Soldaten tragen und dass deshalb auch die deutschen Einheiten in Kundus bedroht sind.

Bei der neuen britischen Initiative gegen den Opium-Anbau bleibt nur zu hoffen, dass die Soldaten von Drogenexperten besser beraten werden als die Vereinten Nationen (Uno) nach der Befreiung von den Taliban. Die Uno-Aktionen gegen den Drogenanbau waren damals mehr als kontraproduktiv. Mitten in der Wachstumsphase rasierten Mitarbeiter der Uno die Blüten der Mohnpflanzen im großen Stil ab, ließen aber die Felder stehen. Dadurch jedoch schlug die robuste Pflanze doppelt aus und bescherte den Bauern doppelte Ernte. Noch heute erinnern sich die Bauern im Süden und Norden Afghanistans mit Freude an diese Form der Drogenbekämpfung.



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