Afghanistan Ehepaar Guttenberg auf Weihnachtstrip ins Kriegsgebiet

Verteidigungsminister Guttenberg ist zum Blitzbesuch bei den Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gereist - mit dabei ist seine Gattin Stephanie. Das Duo preist den Einsatz der Deutschen im Krisengebiet. Aus gutem Grund: In Berlin wird heftig über das umstrittene Mandat debattiert.

REUTERS

Aus Kunduz berichtet


Kunduz - Es ist ein Überraschungsbesuch mit Symbolwert: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist gemeinsam mit Ehefrau Stephanie bei den deutschen Soldaten in Afghanistan eingetroffen. Am Montagmorgen landeten die Guttenbergs und die Ministerpräsidenten David McAllister aus Niedersachsen und Wolfgang Böhmer aus Sachsen-Anhalt in Kunduz. Der vorweihnachtliche Besuch - eine Art Dankeschön für den Dienst der deutschen Soldaten - war aus Sicherheitsgründen geheim gehalten worden.

Am Morgen traf die Delegation zuerst in Masar-i-Scharif ein, später folgte der Besuch im Feldlager in Kunduz. Mit der Reise setzt Guttenberg sein sehr persönliches Ziel der regelmäßigen Besuche im Krisengebiet fort. Alle zwei Monate und damit so oft wie kein anderer Verteidigungsminister vor ihm flog der Politiker zu den Soldaten am Hindukusch. Mit den Besuchen will Guttenberg der Truppe den politischen Rückhalt für die gefährliche Mission beweisen und den 5000 Bundeswehrsoldaten auch die gesellschaftliche Anerkennung für den Einsatz zeigen.

Bei den Soldaten wird der CSU-Politiker auch wegen solcher Gesten geschätzt. "Es ist ganz wichtig, dass man gerade in der Weihnachtszeit jenen Anerkennung und Unterstützung gibt, die Tausende Kilometer von der Heimat entfernt einen harten Dienst absolvieren", sagte der Minister nun vor den Soldaten. "Es ist eine Frage des Herzens."

In der kurzen Rede versprach Guttenberg, dass die Bundeswehr im Zuge der anstehenden Reform schneller auf die Nöte der Soldaten reagieren könne. Er ermunterte sie, sich weiter an ihn zu wenden. In der Vergangenheit hatte Guttenberg nach Besuchen sehr rasch auf Klagen, beispielsweise wegen mangelhafter Ausrüstung, reagiert. "Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund", sagte er jetzt wieder.

Dieses Mal allerdings ist der Aufwand bei dem Besuch besonders groß: Nach einem gemeinsamen Essen mit Soldaten in Kunduz und einem Briefing über die Lage durch den Kommandeur des Lagers folgt anschließend die Aufzeichnung einer Talkshow mit dem Moderator Johannes B. Kerner in Masar-i-Scharif. Dazu hat Kerner mit viel Aufwand ein ganzes Fernsehstudio nach Afghanistan fliegen lassen.

Guttenberg ist der erste deutsche Minister, der seine Ehefrau mit ins Einsatzgebiet nimmt. Im Frühjahr war bereits der damalige Bundespräsident Horst Köhler in Begleitung seiner Ehefrau zu einem Truppenbesuch in Nordafghanistan.

Stephanie zu Guttenberg plant einen Besuch in einem Lazarett und ein Treffen mit Soldatinnen. Sie habe sich seit langem "als Ehefrau, als Mutter und auch als Bürgerin ein Bild von der Lage vor Ort" machen wollen, sagte sie: "Die Soldaten riskieren hier jeden Tag ihr Leben, auch für unsere Sicherheit, dafür will ich mich bedanken." Der Besuch sei "kein spaßiger Ausflug, das ist bitterer Ernst".

Westerwelle wirbt für Fortsetzung des Mandats

Die Reise kommt passend zum Beginn der Diskussion um das neue Afghanistan-Mandat für die Bundeswehr. Am Wochenende hatte das Auswärtige Amt allen Bundestagsabgeordneten ein 109-seitiges Dossier mit dem Titel "Fortschrittsbericht" über den Stand der deutschen und der internationalen Bemühungen in Afghanistan zugesandt. Am Donnerstag will Außenminister Guido Westerwelle mit einer Regierungserklärung für die Fortsetzung des bisherigen Mandats von 5000 Soldaten und einer Reserve von 350 Mann werben.

Intern hat sich die Bundesregierung bereits vor Wochen geeinigt, dass das Mandat für 2011 verlängert werden soll. Die Bundeswehr hatte in den vergangenen Monaten ihr Konzept radikal verändert und dem der USA angepasst. Die Deutschen setzen nun voll auf die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte und operieren mit mehr Kräften denn je außerhalb der sicheren Lager. Durch das Training soll erreicht werden, dass die Afghanen ab 2014 die Sicherheitsverantwortung selbst übernehmen und dann die internationalen Soldaten langsam abziehen können.

Die Bilanz der Regierung bietet erstmals eine realistische und deswegen recht kritische Bilanz der Afghanistan-Mission. Wie erwartet peilt Berlin das Ziel an, das deutsche Kontingent ab Ende 2011 zu reduzieren, wenn es die Lage denn zulässt. Vor allem Außenminister Westerwelle, der den kriegsmüden Deutschen im Wahlkampf eine "Abzugsperspektive" versprochen hatte, drängt vehement darauf. Guttenberg hingegen jongliert gar nicht erst mit Jahreszahlen für einen Abzugsbeginn. Zu gut weiß er, dass die Lage weiterhin prekär ist.

Zurückhaltende Lageberichte

Das neue Mandat ist umstritten. Indem eine Abzugsvision - oder zumindest eine Vorlage dafür - formuliert wird, kommt die Regierung der SPD entgegen. Die Sozialdemokraten machen ihre Zustimmung von einem klaren Plan für den deutschen Rückzug abhängig. Seit Beginn der Afghanistan-Mission, die erstmals von Rot-Grün unter Gerhard Schröder (SPD) und Joschka Fischer (Grüne) beschlossen worden war, setzen die Bundesregierungen auf eine breite Mehrheit im Parlament für den Einsatz. Diese Linie setzt Schwarz-Gelb fort.

Bei ihrer Beschreibung der Lage wählte die Bundesregierung bewusst den vorsichtigen Ton der US-geführten Nato-Schutztruppe Isaf. Unzweifelhaft war das Jahr 2010 das bislang blutigste. Aus Sicht des Militärs ist dies jedoch eine Folge des massiven Truppenzuwachses von mehr als 30.000 US-Soldaten und einem so entschlossenen Vorgehen der Nato-Einheiten gegen die Taliban wie nie zuvor. In dem Dossier heißt es, man habe 2010 nur die "Voraussetzung dafür geschaffen", eine Trendwende zu erreichen. Ob dies gelingt, werde sich aber erst 2011 zeigen.

Ebenso zurückhaltend beschreibt der Report auch die Lage im Bundeswehrgebiet im Norden Afghanistans. Dort sei die Sicherheitslage zwar "deutlich besser als in anderen Landesteilen", gleichwohl habe sie sich seit 2006 kontinuierlich verschlechtert. Positiv erwähnt der Bericht, dass die Bundeswehr nach ihrem Strategiewechsel im Herbst 2010 "beachtliche Anfangserfolge" erzielt habe. "Ob aber hier tatsächlich eine Trendwende eingeleitet wurde, wird sich ab Frühsommer 2011 zeigen", heißt es in dem Bericht.

Die Formulierung spiegelt die Stimmung in Kunduz wider. Im November hatte die Bundeswehr gemeinsam mit afghanischen und amerikanischen Einheiten sowie lokalen Milizen bei ihrer ersten Großoperation in der Taliban-Hochburg Chahar Darreh, nur wenige Kilometer westlich des Feldlagers, erstaunlich schnell die Oberhand gewonnen. Bei der Operation "Halmazag", zu Deutsch "Blitz", hatten die Taliban erbittert gegen die Eindringlinge gekämpft, sich dann aber zurückgezogen. Nun haben Bundeswehr und Afghanen mehrere kleine Basen in der Region etabliert.

Der Regierung das Leben nach den Taliban zeigen

Offen sprechen die Kommandeure in Kunduz von einem Erfolg, sie mahnen aber auch vor zu schnellem Siegesjubel. "Die Operation war nur der erste Schritt", sagt etwa der Kommandeur der neu geschaffenen deutschen Task Force Kunduz, "nun müssen wir aber vor allem der afghanischen Regierung zeigen, dass das Leben nach den Taliban besser ist als vorher". Im Jargon des Oberkommandeurs der Isaf-Truppen beginnt nun die sogenannte "hold phase" der Mission, das Halten des Gebiets und die Stabilisierung der Sicherheit.

Es sind vor allem zivile Missionen, die die Einwohner von Chahar Darreh überzeugen sollen. Mit Hilfe des Auswärtigen Amts wird derzeit bereits intensiv an der Stromversorgung in dem ärmlichen Gebiet gearbeitet. Noch ein Transformator fehlt, dann sollen viele Dörfer seit Jahren erstmals wieder regelmäßig Strom haben. Parallel stellte die Organisation "Kinderberg" mehrere mobile Krankenstationen auf, um die medizinische Versorgung sicherzustellen. Die afghanische Armee versucht gleichzeitig, einstige Mitläufer der Taliban auf ihre Seite zu bringen, diese sollen später als Dorfmilizen für die Sicherheit der Region sorgen.

So überrascht viele in Kunduz von dem Anfangserfolg ausgerechnet in der einstigen "No-Go-Area" Chahar Darreh sind, so wenig wollen sie das Wort "Abzug" oder auch nur "Teilrückzug" hören. "Wenn ich mir etwas wünschen könnte, hätte ich gern noch mehr Männer als die 5000", sagt ein ranghoher Kommandeur, "es gibt noch viele Gebiete, die wir erobern und halten müssen." Die Debatte um die Reduzierung, sie wirkt vor allem für die in den heftigen Gefechten eingesetzten Einheiten weltfremd. "Wir haben hier noch viel zu tun, wir brauchen noch eine ganze Weile", sagt ein anderer Militär.

Als ob es eines Beweises für die Zerbrechlichkeit des Friedens in Chahar Darreh bedurft hätte, erschütterte am Freitagmorgen eine heftige Explosion Kunduz. Beladen mit Sprengstoff raste ein Polizei-Jeep, den die Taliban zuvor gestohlen hatten, ins Tor einer Basis der afghanischen Armee - unweit eines deutschen Vorpostens in der Gegend. Die Explosion riss einen anderthalb Meter tiefen Krater in die Straße. Nur durch Glück, heißt es bei der afghanischen Nationalarmee, habe es nur Verletzte gegeben. Mit solchen Attacken muss auch die Bundeswehr jederzeit rechnen.

Die Taliban jedenfalls haben mindestens noch drei Polizeiwagen als mögliche Tarnung für tödliche Ladung in ihrer Hand.



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Seite 1
Gandhi, 25.07.2010
1. Wie oft soll dieser Krieg
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
denn noch gewonnen werden? Wie oft sollen wir uns denn noch anhoeren muessen, dass jetzt die entscheidenden 6 Monate kommen? Dass, wenn "wir" alles richtig machen, der Krieg dann gewonnen ist. Ich kann es schon gar nicht mehr hoeren. Das Einzige, was diesen Krieg beendet, ist ein Ereignis, bei dem eine grosse Menge Soeldner sich aus dieser Welt verabschieden. Dann wird der politische Druck so gross, dass das Gerede davon, dass Freiheit und Demokratie in Afghanistan die Opfer wert sind, untergeht im Protest. Die Afghanen sollen ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Probleme loesen. Von aussen koennen deren Probleme auch nicht in 10 oder 20 Jahren geloest werden.
ayamo, 25.07.2010
2. Titel
Plain and simple? Ein militärischer Sieg? Auf gar keinen Fall. Irgendein schaler Verhandlungsfrieden mit den Taliban wäre allerdings auch nicht ideal, da diese sich nicht an solche Verträge/Vereinbarungen halten.
kleenermann 25.07.2010
3.
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Wie oft soll diese Frage noch gestellt werden? Nein, man kann ihn nicht gewinnen.
edgarzander 25.07.2010
4. Wo ist der Aha-Effekt?
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Enthüllungen? Ich hätte mir da ein bischen mehr erwartet und war nach dem Durchlesen des Artikels irgendwie enttäuscht. Ist doch alles inzwischen mehr oder weniger bekannt...
machorka-muff 25.07.2010
5. red herring
der westen kann und braucht in afghanistan nicht zu gewinnen: abmarsch! die sache mit der enthüllung brisanter kriegsdokumente riecht faul - wahrscheinlich der nächste verarschungs coup der cia.
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