Afghanistan-Einsatz Blutiger Juli für US-Truppen

Es ist ein trauriger Rekord: Der Juli ist für die US-Truppen in Afghanistan der verlustreichste Monat seit Beginn der Offensive vor neun Jahren. Und die Nato rechnet mit weiteren Angriffen. Während nun die ersten ausländischen Soldaten abziehen, erstarken die Taliban.

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Amsterdam/Kabul - Die Bomben explodierten am Donnerstag im Süden Afghanistans und rissen drei US-Soldaten in den Tod. Der Tag markierte damit einen traurigen Höhepunkt für die US-Truppen am Hindukusch: Allein in diesem Monat starben 63 Soldaten, es ist damit der verlustreichste Monat seit Beginn des Einsatzes am Hindukusch vor neun Jahren.

Immer mehr tote Soldaten, immer mehr Verwundete: US-Präsident Barack Obama muss eine immer schwierigere Mission in Afghanistan verteidigen. Erst am Donnerstag unterzeichnete er ein Gesetz über die Finanzierung der Truppenverstärkung - 59 Milliarden Dollar sind vorgesehen für 30.000 zusätzliche Soldaten. Nach der kurzfristigen Aufrüstung soll ab Sommer 2011 dann mit dem Abzug der Truppen begonnen werden.

Doch es wird eng für Obama, der für Dezember eine umfassende Übersicht und Bewertung seiner Afghanistan-Strategie angekündigt hat. Sein Abzugsversprechen wird von der US-Öffentlichkeit zunehmend als unrealistisch beurteilt. Denn im Herbst sind Parlamentswahlen in Afghanistan, die Nato geht davon aus, dass die Extremisten im Land dann noch stärker angreifen werden.

Zudem steht er durch die Veröffentlichung von Tausenden Militär- Geheimdokumenten aus Afghanistan durch die Internetplattform WikiLeaks unter Druck. SPIEGEL, "New York Times" und "Guardian" hatten diese vorab erhalten, analysiert und ausführlich darüber berichtet.

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Protokoll-Ausrisse: Der Wortlaut des Krieges

Während die USA ihre Truppen verstärken, ziehen andere ihre Armee ab. Die niederländischen Soldaten verlassen Afghanistan am Sonntag nach vier Jahren. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen lobte ihren Einsatz als "Maßstab für andere". Die Armeeführung der Niederlande fand ebenfalls lobende Worte für das erfolgreiche Engagement, doch es gibt auch viel Kritik.

Gegner des Abzugs bemängeln, dass die Niederländer ihre Mission nicht zu Ende gebracht hätten. Rasmussen hatte darum gebeten, den Afghanistan-Einsatz um ein Jahr zu verlängern - darüber zerbrach im Februar die Regierung in Den Haag. Es blieb beim Abzugstermin für die 1950 niederländischen Soldaten. Sie werden nun durch Soldaten aus den USA, aus Australien, Singapur und der Slowakei ersetzt.

Zynische Glückwünsche kamen von den Taliban - sie feierten den niederländischen Abzug. "Wir möchten den Bürgern und der Regierung der Niederlanden von ganzem Herzen dazu gratulieren, dass sie den Mut hatten, diese unabhängige Entscheidung zu fällen", sagte Taliban-Sprecher Kari Jusuf Ahmadii in einem am Donnerstag veröffentlichten Gespräch mit der niederländischen Zeitung "Volkskrant".

Experten warnen, der Abzug bringe die bislang erzielten Fortschritte in Gefahr. "Man zieht nicht ab, wenn beginnt, Erfolg zu haben," sagt der Leiter des Haager Zentrums für Strategische Studien, Rob de Wijk. Der Chef der niederländischen Soldatengewerkschaft Acom, Jan Kleian, sagt, obwohl mehr als 24 Niederländer bei dem Einsatz starben, wollten die Soldaten gar nicht abziehen. "Sie wollen beenden, was sie begonnen haben; die Mission ist nicht erfüllt." Auch der Präsident der Soldatengewerkschaft AFMP, Wim van den Berg, plädiert für ein langfristiges Engagement: "Es dauert 20 oder 30 Jahre, Sicherheit in ein solches vom Krieg erschüttertes Land zu bringen."

Doch der Einsatz ist auch in anderen europäischen Ländern und den USA umstritten - ein Einsatz über 20 Jahre würde wohl große Proteste bewirken. Obama steht ein viel näheres Datum bevor: 2012 bewirbt er sich um eine Wiederwahl als Präsident. Bis dahin soll die Lage in Afghanistan unter Kontrolle sein.

kgp/apn/AFP/ddp

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Gandhi, 25.07.2010
1. Wie oft soll dieser Krieg
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
denn noch gewonnen werden? Wie oft sollen wir uns denn noch anhoeren muessen, dass jetzt die entscheidenden 6 Monate kommen? Dass, wenn "wir" alles richtig machen, der Krieg dann gewonnen ist. Ich kann es schon gar nicht mehr hoeren. Das Einzige, was diesen Krieg beendet, ist ein Ereignis, bei dem eine grosse Menge Soeldner sich aus dieser Welt verabschieden. Dann wird der politische Druck so gross, dass das Gerede davon, dass Freiheit und Demokratie in Afghanistan die Opfer wert sind, untergeht im Protest. Die Afghanen sollen ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Probleme loesen. Von aussen koennen deren Probleme auch nicht in 10 oder 20 Jahren geloest werden.
ayamo, 25.07.2010
2. Titel
Plain and simple? Ein militärischer Sieg? Auf gar keinen Fall. Irgendein schaler Verhandlungsfrieden mit den Taliban wäre allerdings auch nicht ideal, da diese sich nicht an solche Verträge/Vereinbarungen halten.
kleenermann 25.07.2010
3.
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Wie oft soll diese Frage noch gestellt werden? Nein, man kann ihn nicht gewinnen.
edgarzander 25.07.2010
4. Wo ist der Aha-Effekt?
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Enthüllungen? Ich hätte mir da ein bischen mehr erwartet und war nach dem Durchlesen des Artikels irgendwie enttäuscht. Ist doch alles inzwischen mehr oder weniger bekannt...
machorka-muff 25.07.2010
5. red herring
der westen kann und braucht in afghanistan nicht zu gewinnen: abmarsch! die sache mit der enthüllung brisanter kriegsdokumente riecht faul - wahrscheinlich der nächste verarschungs coup der cia.
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