Afghanistan-Einsatz "Deutschland kann mehr leisten"

Kanadas Verteidigungsminister macht Druck auf die deutsche Regierung: Die Bundeswehr muss im Süden Afghanistans kämpfen, fordert Peter MacKay im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Die Deutschen seien zu mehr in der Lage, als sie jetzt tun - und die Soldaten wollten das auch.


SPIEGEL ONLINE: Kanadische Politiker üben scharfe Kritik an der deutschen Entscheidung, nicht mehr Truppen in den umkämpften Süden Afghanistans zu schicken. Halten Sie die Deutschen für Feiglinge?

Bundeswehr in Afghanistan: Der Druck auf die Mitgliedstaaten steigt
DDP

Bundeswehr in Afghanistan: Der Druck auf die Mitgliedstaaten steigt

Peter MacKay: Ich halte die Deutschen keineswegs für Feiglinge. Sie leisten einen sehr wichtigen Beitrag in Afghanistan. Aber unsere Rollen dort sind verschieden. Die Deutschen haben in Afghanistan insgesamt sogar mehr Truppen als wir. Doch sie sind vor allem im Norden des Landes stationiert, in der Nähe Kabuls. Unsere Truppen hingegen sind im Süden, in Kandahar – wo einige der heftigsten Kämpfe in Afghanistan toben. Die ganze Kritik dreht sich vor allem um die Lastenverteilung, um den Unterschied zwischen Kampfeinsatz und Nicht-Kampfeinsatz.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen also nicht länger ein, die "Drecksarbeit" zu übernehmen …

MacKay: Ich verstehe, dass Truppenentsendungen in Deutschland innenpolitisch schwer durchzusetzen sind. Aber es gibt eben auch internationale Verpflichtungen, denen wir uns alle stellen müssen. Kanada nimmt seine Rolle ernst, wir haben mehr als 80 Tote in Afghanistan zu beklagen. Wir kritisieren andere Länder nicht dafür, dass sie nicht im Süden kämpfen. Wir weisen nur darauf hin, dass der Druck auf einzelne Mitgliedstaaten steigt, wenn es keine Möglichkeit gibt, die gefährlichsten Aspekte dieser Mission besser zu verteilen. Wir wollen keine Zwei-Klassen-Nato. Alle Mitgliedstaaten müssen beitragen, was sie können.

SPIEGEL ONLINE: Konkret: Sie wollen mehr deutsche Truppen im Süden Afghanistans?

MacKay: Aber natürlich. Wir wünschen uns auch mehr französische Truppen, spanische Truppen, italienische Truppen im Süden. Sehen Sie: Die Rumänen haben dort gekämpft, Esten, Dänen. Alles Länder, die wohl weniger militärische Kapazitäten haben als die Deutschen.

SPIEGEL ONLINE: In der deutschen Öffentlichkeit ist so ein Einsatz aber extrem unpopulär. Was würden Sie den deutschen Bürgern sagen?

MacKay: Auch Deutschland profitiert von einem stabilen Afghanistan, das nicht länger Terrorismus exportiert. Es liegt in unserem ureigenen Interesse, diese Gefahr einzudämmen. Das bedeutet letzten Endes, die Leben junger Frauen und Männer zu opfern - für einen Militäreinsatz, der sich auf ein Mandat des Uno-Sicherheitsrates stützen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie enttäuscht, dass Angela Merkel diese Argumente nicht entschiedener vorträgt?

MacKay: Sie ist eine sehr starke Unterstützerin der Nato-Mission in Afghanistan, sie hat echte Leadership gezeigt. Ich bewundere generell die Stärke der Deutschen – wie sie ihr Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut haben, belegt das. Ich denke einfach, dass die Deutschen in Afghanistan mehr leisten können. Sie sind zu mehr in der Lage. Und die deutschen Soldaten wissen das vielleicht besser als irgendjemand sonst. Sie wollen mehr leisten, das ist mein Eindruck.

SPIEGEL ONLINE: Viele Deutsche sagen aber, dass unsere Geschichte uns davon abhält, in Kampfhandlungen verstrickt zu werden.

MacKay: Jedes Land hat seine Geschichte. Deutschland, genau wie Kanada, hat wirklich die Möglichkeit, für das Gute in der Welt einzutreten. Mein Eindruck ist, dass die Deutschen in jüngerer Zeit stolzer auf ihr Land sind, auf ihre eigene Identität. Sie erkennen, dass Deutschland eine sehr einflussreiche internationale Macht ist. Und Teil dieser Rolle ist eben manchmal der Einsatz von Gewalt, um Frieden zu sichern oder Frieden herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert denn, wenn nichts passiert? Wenn also auch in einem Jahr nicht mehr Nato-Truppen im Süden Afghanistans stehen?

MacKay: Die Zukunft Afghanistans liegt in den Händen der Nato. Und die Taliban und Terrororganisationen sind wie Krebs – sie wuchern und sie bedrohen Menschenleben, auf der ganzen Welt. Wir Kanadier haben diese globale Verantwortung erkannt. Wenn die Welt uns ruft, dann stehen wir bereit.

Interview: Gregor Peter Schmitz



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