Afghanistan-Einsatz Obama gehen die Verbündeten von der Fahne

Royal Marines in der Provinz Helmand: Unterstützung für Einsatz dramatisch eingebrochen
REUTERS

Royal Marines in der Provinz Helmand: Unterstützung für Einsatz dramatisch eingebrochen

Von , Michael Braun, , , , und

4. Teil: Paris - Sarkozy beschränkt sich auf vorsichtiges Lavieren


"Nach nur neun Monaten erweist sich 2008 für die Soldaten der Internationalen Streitkräfte Isaf als das mörderischste Jahr seit dem Sturz der Taliban 2001", konstatierte das Magazin "Le Point" im vergangenen Herbst. "Das Jahr 2009 ist für die Internationalen Streitkräfte das mörderischste seit ihrer Ankunft Ende 2001 geworden", lautet die Meldung der Agentur AFP fast genau zwölf Monate später.

Knapper lässt sich das Dilemma auch der französischen Präsenz am Hindukusch kaum zusammenfassen: Selbst wenn die Verluste im Vergleich mit denen der Amerikaner (920) und Briten (233) geringer sind (das Engagement kostete Paris bisher 35 Menschenleben), mehren sich in Paris die Fragen nach dem Sinn des Einsatzes.

Der Vormarsch der Taliban, ihr geografisch wachsender Einfluss und das wenig überzeugende Spektakel der Präsidentschaftswahl, die Afghanistan eine weitere Amtszeit von Hamid Karzai bescherte, haben bei Opposition und Öffentlichkeit die Zweifel an der Effizienz des eigenen Einsatzes laut werden lassen, auch am Zustand ihrer Ausrüstung und Vorbereitung. Im kollektiven Gedächtnis geblieben sind die spektakulären Verluste im April dieses Jahres, als bei einem Hinterhalt der Taliban 60 Kilometer nördlich von Kabul zehn Franzosen getötet wurden.

Diese Woche gerät Staatschef Nicolas Sarkozy nun doppelt unter Druck: Einerseits weil Präsident Barack Obama, der zusätzliche US-Truppen nach Afghanistan schicken will, auch von den europäischen Alliierten vergleichbare Anstrengungen verlangen wird. Andererseits fordert die Sozialistische Partei (PS) eine klare Langzeitstrategie. "Die Regierung hat derzeit in der Afghanistan-Frage weder strategische Vision noch klare Ziele", rügten die PS-Vertreter unlängst bei einer Debatte im Senat. "Ihre Haltung beschränkt sich auf ein 'Weder-noch' - weder zusätzliche Aufstockung der Truppen, noch Rückzug."

"Keiner denkt an einen sofortigen Rückzug"

Tatsächlich hat sich Sarkozy bisher aufs Lavieren beschränkt: Seinem "Kumpel" Obama hatte der Amerika-freundliche Staatschef beim Nato-Gipfel in Straßburg weiteren Rückhalt gelobt, doch zugleich legte sich Sarkozy gegenüber seinen Landsleuten mit dem Versprechen fest, keine weiteren Soldaten in die Gefahrenzone zu entsenden.

"Keiner denkt an einen sofortigen Rückzug", bekräftigte auch Außenminister Kouchner, während Kabinettskollege Hervé Morin die gefährlichen Konsequenzen eines Abzugs in Afghanistan für Europa beschwörte: "Wir müssen den Franzosen erklären: Wenn wir Afghanistan den Taliban überlassen, dann würde der Terrorismus auch uns bedrohen", orakelte der Verteidigungsminister. Zugleich verwies er auf eine "Bilanz, die so negativ nicht ist" und meinte damit die Einschulungsquote von Mädchen oder die Verbesserungen der Infrastruktur. Zugleich musste Morin aber einräumen: "Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert."

Manche UMP-Honoratioren, wie Josselin de Rohan, machen dafür in erster Linie das schlappe militärische Durchgreifen der anderen europäischen Alliierten verantwortlich. "Es sind Praktiken", so der Vorsitzende des Senatsausschusses für Außen-, Europa- und Verteidigungspolitik, "die die Aufgabe des Kommandierenden der Isaf erschweren", grollte Rohan und sprach von Truppenteilen, die nach 18.00 Uhr ihre Standorte nicht verlassen dürften oder Befehl hätten, bei Feuerüberfällen nicht zurückzuschießen, um einen Gegenschlag der Taliban zu vermeiden. Mit derartigen Anweisungen, so der wortgewaltige Senator würden die Europäer "in den Augen der Amerikaner zu wenig verlässlichen Verbündeten."

Paris will sich bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte profilieren

Das ist nun ein Eindruck, den Staatschef Sarkozy auf jeden Fall vermeiden will. In der Klemme zwischen außenpolitischer Solidarität gegenüber Barack Obama und der innenpolitischen Kritik wird Paris nicht die gewünschten 1500 Soldaten zusätzlich nach Afghanistan schicken, stattdessen will sich Frankreich vermehrt bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte profilieren, das versicherte Sarkozy bei einem Telefongespräch seinem Amtskollegen Obama.

Zu diesem Zweck werden statt Militärs vorerst Gendarmen nach Afghanistan entsandt; das jüngste Kontingent von 57 Mann traf vergangene Woche vor Ort ein. Die Gruppe von insgesamt 150 Mann soll ihre Polizeikollegen vor Ort begleiten und ausbilden, mit dem Ziel die "afghanische Polizei voranzubringen zu mehr Ethik und Professionalismus". Angesichts der lokalen Verhältnisse eine hochgelegte Leistungsmarke.

Die Malaise über den französischen Einsatz hat die symbolische Geste gegenüber dem amerikanischen Freund nicht beendet, eher im Gegenteil. Auch Mitglieder der konservativen Regierungspartei UMP wollen mittlerweile die Anwesenheit der französischen Truppen nicht als Endlos-Mandat sehen. "Wir dürfen keinesfalls zur einer Besatzungsarmee werden und müssen uns klare zeitliche Ziele setzten", sagt Senatspräsident Gérard Larcher. Und fordert eine "Abzugsstrategie" wie die der Amerikaner im Irak. Die weitere Anwesenheit der Franzosen schätzt Larcher auf "vier bis fünf Jahre".

Dass die Debatte auch nach Obamas Ansprache weitergeht, ist jedenfalls ausgemacht: Am 16. Dezember steht die Regierung erneut auf dem Prüfstand - dann steht Afghanistan bei den Abgeordneten der Nationalversammlung auf der Tagesordnung.

insgesamt 5463 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SaT 08.11.2009
1. abziehen oder ewig weiterkämpfen
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
2. Westlich und Islam ...
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
3. Nur Siegen?
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden "Sie " diesen Krieg auch gewinnen, "wir " Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton, 08.11.2009
4. Ist die Haltung der D Feigheit vor dem Feinde?
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77, 08.11.2009
5.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.