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01. Dezember 2009, 15:52 Uhr

Afghanistan-Einsatz

Obama gehen die Verbündeten von der Fahne

Von , Michael Braun, , , , und

US-Präsident Barack Obama fordert von seinen Alliierten, bis zu 10.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Doch das Engagement für den Einsatz am Hindukusch nimmt bei den Nato-Staaten rapide ab. SPIEGEL ONLINE analysiert die Stimmung in den wichtigsten Partnerländern.

Wenn Barack Obama am Dienstagabend Ortszeit in der US-Kaderschmiede Westpoint die lang erwartete Truppenaufstockung für Afghanistan verkündet, wird er nicht nur dem als korrupt geltenden afghanischen Präsidenten Hamid Karzai ins Gewissen reden. Auch seine westlichen Alliierten wird der US-Präsident dann noch einmal ins Gebet nehmen: Bis zu 10.000 zusätzliche Soldaten will er von den anderen Mitgliedern der Isaf-Schutztruppe fordern - zusätzlich zu den 30.000 Mann Verstärkung, die die USA selbst schicken wollen. Schon für Freitag erwarte er, dass die Nato eine "signifikante Zahl" neuer Truppen für Afghanistan ankündigt, sagte ein hochrangiges Mitglied der US-Administration noch am Dienstag.

Besonders Europa hat das Weiße Haus dabei im Blick. Doch schnellen auf dieser Seite des Atlantiks die Finger der Freiwilligen nicht gerade in die Höhe. Der inzwischen ins neunte Jahr gehende Afghanistan-Einsatz ist in den meisten Ländern zutiefst unpopulär. Die Mehrheit der Europäer will nicht noch mehr Soldaten an den Hindukusch schicken, sondern sehnt sich nach Abzug. Selbst die militärverliebten Briten würden Umfragen zufolge ihre Truppen am liebsten bald heimholen. Das dämpft die Bereitschaft der europäischen Regierungschefs, sich für die neue US-Strategie zu engagieren.

Diplomaten halten Obamas Wunsch nach bis zu 10.000 zusätzlichen Mann daher für reichlich ambitioniert. Bislang sieht es so aus, als komme mit Glück die Hälfte davon zusammen. Selbst der britische Premierminister Gordon Brown, der mit gutem Beispiel voranging, hat bloß 500 Soldaten angeboten. Zu den weiteren Willigen zählen Spanien, Italien, Polen, die Slowakei, die Türkei, Georgien sowie außerhalb Europas Südkorea.

Es handelt sich jedoch in der Regel eher um kleinere Beiträge, addiert ergeben sie nicht mehr als ein paar tausend - eine magere Ausbeute neben den 30.000 GIs. Obama dürfte das kaum reichen, denn er steht daheim unter starkem Druck. Es könne nicht angehen, dass die Welt zuschaue, wie das amerikanische Militär in Afghanistan die ganze Arbeit mache, schimpfte der unabhängige Senator Bernie Sanders noch am Wochenende. Derzeit stehen in Afghanistan 68.000 Amerikaner und 42.000 Soldaten der übrigen 42 Isaf-Nationen.

Viele Politiker sind nicht bereit, den hohen innenpolitischen Preis für die Ausweitung der ungeliebten Auslandsmission zu zahlen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy winkt bislang ab, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hält sich bedeckt. Die Niederländer denken sogar bereits über den Abzug nach - ebenso wie die Kanadier, deren Premier Stephen Harper am Wochenende das angepeilte Abzugsdatum 2011 noch einmal bekräftigte.

Zum Leidwesen der Nato-Partner wird das Thema nicht von allein verschwinden: Am Donnerstag beraten die Nato-Außenminister in Brüssel über Afghanistan. Dort werden die USA, unterstützt von Großbritannien, ihren Appell wiederholen. Spätestens bis zur Truppenstellerkonferenz in London am 28. Januar sollen die Angebote stehen. Die Berliner Koalition wird dann auch Farbe bekennen müssen. Intern wird bereits eine deutliche Ausweitung des Bundeswehr-Mandats erwogen - auch wenn Merkel eine Zusage so lange wie möglich hinauszögern möchte.

SPIEGEL ONLINE analysiert, wie Obamas Truppenforderung bei den Nato-Partnern aufgenommen wird:

Berlin - Merkel pokert bis zum Schluss

Von Deutschland sind kurz nach Verkündung der neuen US-Strategie keine substantiellen Zusagen an die Nato zu erwarten, das hat die Regierung bereits klargemacht. Sie werde die Vorstellungen der USA zur Kenntnis nehmen, sagte Merkel am Dienstag nach einem Treffen mit dem pakistanischen Ministerpräsidenten Yousuf Raza Gilani in Berlin. "Wir werden uns aber in diesen Tagen nicht entscheiden." Vorerst wird im Bundestag am 13. Dezember das bisherige Bundeswehrmandat mit einer Obergrenze von 4500 Soldaten, das zurzeit in Afghanistan voll ausgeschöpft wird, verlängert. Schon jetzt kündigte die SPD an, dass sie einer möglichen Erhöhung nicht zustimmen wird.

Die Regierung von Angela Merkel hat sich intern allerdings schon darauf eingestellt, dass sie spätestens nach der großen Afghanistan-Konferenz am 28. Januar in London sowohl das Soldaten-Mandat als auch andere Hilfsleistungen aufstocken muss. Zu frühe Zusagen wird es allerdings nicht geben, das Ringen um mehr Soldaten wird mittlerweile im Kanzleramt als Poker gesehen, bei dem man nicht zu früh zucken darf. Erst mal soll also abgewartet werden, wer was bietet.

Bei den Soldaten folgt die Bundesregierung mit einer wahrscheinlichen Aufstockung nicht nur Rufen der Nato, sondern vor allem den Nöten der Bundeswehr, sich im Norden Afghanistans angemessen zu verteidigen. Für den Standort Kunduz fordern Offiziere bis zu 1000 Soldaten mehr, aktuell sind dort 1100 stationiert. Folglich wird in Berlin bereits ein Mandat von bis zu 6500 Soldaten vorbereitet. Zusätzliche Kräfte werden auch dringend beim Polizei- und Armeeaufbau gebraucht.

Für die Bundesregierung könnte die neue Strategie der USA jedoch böse Überraschungen bereithalten. So drängt Isaf-Oberkommandeur Stanley McChrystal seit längerem auf die Auflösung der regionalen Zuständigkeiten, welche die Arbeit der Bundeswehr auf den Norden beschränkt. Fällt diese Einteilung weg, muss die Bundesregierung einen Einsatz der Deutschen in allen Landesteilen, inklusive des umkämpften Südens, fürchten.

London - Brown spielt Obamas Chefassistenten

Die britische Regierung hat Obamas Truppenforderung in ein Dilemma gestürzt. Premier Gordon Brown fühlt sich zwar gezwungen, dem Ruf Großbritanniens gerecht zu werden und sich als treuester Verbündeter der USA zu erweisen. Der Labour-Politiker kennt aber auch die Stimmung in der Bevölkerung. Die Unterstützung für den Auslandseinsatz ist jüngst dramatisch eingebrochen, Umfragen zufolge wollen zwei Drittel der Briten ihre Truppen binnen Jahresfrist aus Afghanistan abziehen. Auch unter Labour-Hinterbänklern ist der Einsatz zunehmend umstritten. Die hohen Verluste der britischen Soldaten in der umkämpften Provinz Helmand sind ein Preis, der inzwischen vielen zu hoch ist.

Daher probt Brown nun den Spagat. Er war einer der ersten Alliierten, die Obama mehr Truppen anboten. Das Angebot, das britische Kontingent um 500 auf 9500 aufzustocken, kam angesichts der öffentlichen Afghanistan-Skepsis überraschend. Doch sah Brown die Chance, sich Obama zu empfehlen und den Druck auf die anderen Nato-Partner zu erhöhen. Obendrein schwang sich der Brite auch noch zum obersten Cheerleader der Mission auf - mit dem Angebot, die Afghanistan-Truppenstellerkonferenz Ende Januar in London abzuhalten. Der US-Präsident zeigte sich dankbar für so viel britische Schützenhilfe: Am Tag vor seiner Grundsatzrede beratschlagte er sich mit Brown in einer Videokonferenz - fast wie in alten Zeiten, als noch George W. Bush und Tony Blair gemeinsam Krieg führten.

Brown scheint diese unerwartete Renaissance der "special relationship" zu genießen. Gleichzeitig jedoch ist er sich sehr bewusst, dass er im Frühjahr eine Wahl zu bestehen hat. Daher sendet er seit Wochen indirekt die Botschaft an die Wähler, dass der Countdown zum britischen Abzug bereits laufe. Er nennt nie einen konkreten Zeitplan, aber immer häufiger fällt das Wort "Handover" - Übergabe. Schon nächstes Jahr würden die ersten Provinzen unter die alleinige Kontrolle von afghanischen Einheiten gestellt, wiederholt Brown immer wieder. Auch drängt er die afghanische Regierung bei jeder Gelegenheit dazu, die Ausbildung der eigenen Armee und Polizei zu beschleunigen. Ohne die Aussicht auf den "Handover", weiß der Premier, würden Öffentlichkeit und Parteifreunde sehr bald die Geduld verlieren.

Auf der Afghanistan-Konferenz sollen nach Browns Willen nicht nur Truppenzusagen gemacht werden, sondern auch überprüfbare Ziele für die afghanische Selbstverwaltung vereinbart und Exit-Strategien diskutiert werden.

Paris - Sarkozy beschränkt sich auf vorsichtiges Lavieren

"Nach nur neun Monaten erweist sich 2008 für die Soldaten der Internationalen Streitkräfte Isaf als das mörderischste Jahr seit dem Sturz der Taliban 2001", konstatierte das Magazin "Le Point" im vergangenen Herbst. "Das Jahr 2009 ist für die Internationalen Streitkräfte das mörderischste seit ihrer Ankunft Ende 2001 geworden", lautet die Meldung der Agentur AFP fast genau zwölf Monate später.

Knapper lässt sich das Dilemma auch der französischen Präsenz am Hindukusch kaum zusammenfassen: Selbst wenn die Verluste im Vergleich mit denen der Amerikaner (920) und Briten (233) geringer sind (das Engagement kostete Paris bisher 35 Menschenleben), mehren sich in Paris die Fragen nach dem Sinn des Einsatzes.

Der Vormarsch der Taliban, ihr geografisch wachsender Einfluss und das wenig überzeugende Spektakel der Präsidentschaftswahl, die Afghanistan eine weitere Amtszeit von Hamid Karzai bescherte, haben bei Opposition und Öffentlichkeit die Zweifel an der Effizienz des eigenen Einsatzes laut werden lassen, auch am Zustand ihrer Ausrüstung und Vorbereitung. Im kollektiven Gedächtnis geblieben sind die spektakulären Verluste im April dieses Jahres, als bei einem Hinterhalt der Taliban 60 Kilometer nördlich von Kabul zehn Franzosen getötet wurden.

Diese Woche gerät Staatschef Nicolas Sarkozy nun doppelt unter Druck: Einerseits weil Präsident Barack Obama, der zusätzliche US-Truppen nach Afghanistan schicken will, auch von den europäischen Alliierten vergleichbare Anstrengungen verlangen wird. Andererseits fordert die Sozialistische Partei (PS) eine klare Langzeitstrategie. "Die Regierung hat derzeit in der Afghanistan-Frage weder strategische Vision noch klare Ziele", rügten die PS-Vertreter unlängst bei einer Debatte im Senat. "Ihre Haltung beschränkt sich auf ein 'Weder-noch' - weder zusätzliche Aufstockung der Truppen, noch Rückzug."

"Keiner denkt an einen sofortigen Rückzug"

Tatsächlich hat sich Sarkozy bisher aufs Lavieren beschränkt: Seinem "Kumpel" Obama hatte der Amerika-freundliche Staatschef beim Nato-Gipfel in Straßburg weiteren Rückhalt gelobt, doch zugleich legte sich Sarkozy gegenüber seinen Landsleuten mit dem Versprechen fest, keine weiteren Soldaten in die Gefahrenzone zu entsenden.

"Keiner denkt an einen sofortigen Rückzug", bekräftigte auch Außenminister Kouchner, während Kabinettskollege Hervé Morin die gefährlichen Konsequenzen eines Abzugs in Afghanistan für Europa beschwörte: "Wir müssen den Franzosen erklären: Wenn wir Afghanistan den Taliban überlassen, dann würde der Terrorismus auch uns bedrohen", orakelte der Verteidigungsminister. Zugleich verwies er auf eine "Bilanz, die so negativ nicht ist" und meinte damit die Einschulungsquote von Mädchen oder die Verbesserungen der Infrastruktur. Zugleich musste Morin aber einräumen: "Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert."

Manche UMP-Honoratioren, wie Josselin de Rohan, machen dafür in erster Linie das schlappe militärische Durchgreifen der anderen europäischen Alliierten verantwortlich. "Es sind Praktiken", so der Vorsitzende des Senatsausschusses für Außen-, Europa- und Verteidigungspolitik, "die die Aufgabe des Kommandierenden der Isaf erschweren", grollte Rohan und sprach von Truppenteilen, die nach 18.00 Uhr ihre Standorte nicht verlassen dürften oder Befehl hätten, bei Feuerüberfällen nicht zurückzuschießen, um einen Gegenschlag der Taliban zu vermeiden. Mit derartigen Anweisungen, so der wortgewaltige Senator würden die Europäer "in den Augen der Amerikaner zu wenig verlässlichen Verbündeten."

Paris will sich bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte profilieren

Das ist nun ein Eindruck, den Staatschef Sarkozy auf jeden Fall vermeiden will. In der Klemme zwischen außenpolitischer Solidarität gegenüber Barack Obama und der innenpolitischen Kritik wird Paris nicht die gewünschten 1500 Soldaten zusätzlich nach Afghanistan schicken, stattdessen will sich Frankreich vermehrt bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte profilieren, das versicherte Sarkozy bei einem Telefongespräch seinem Amtskollegen Obama.

Zu diesem Zweck werden statt Militärs vorerst Gendarmen nach Afghanistan entsandt; das jüngste Kontingent von 57 Mann traf vergangene Woche vor Ort ein. Die Gruppe von insgesamt 150 Mann soll ihre Polizeikollegen vor Ort begleiten und ausbilden, mit dem Ziel die "afghanische Polizei voranzubringen zu mehr Ethik und Professionalismus". Angesichts der lokalen Verhältnisse eine hochgelegte Leistungsmarke.

Die Malaise über den französischen Einsatz hat die symbolische Geste gegenüber dem amerikanischen Freund nicht beendet, eher im Gegenteil. Auch Mitglieder der konservativen Regierungspartei UMP wollen mittlerweile die Anwesenheit der französischen Truppen nicht als Endlos-Mandat sehen. "Wir dürfen keinesfalls zur einer Besatzungsarmee werden und müssen uns klare zeitliche Ziele setzten", sagt Senatspräsident Gérard Larcher. Und fordert eine "Abzugsstrategie" wie die der Amerikaner im Irak. Die weitere Anwesenheit der Franzosen schätzt Larcher auf "vier bis fünf Jahre".

Dass die Debatte auch nach Obamas Ansprache weitergeht, ist jedenfalls ausgemacht: Am 16. Dezember steht die Regierung erneut auf dem Prüfstand - dann steht Afghanistan bei den Abgeordneten der Nationalversammlung auf der Tagesordnung.

Rom - Kein Protest gegen Afghanistan-Mission

Italien ist mit etwa 3000 Soldaten in Afghanistan engagiert - doch ist das im Land merkwürdigerweise kein Thema, ebensowenig wie die Frage, welche Strategie denn nun die USA und ihre Verbündeten dort verfolgen sollen. Dass italienische Soldaten in Kabul und Kunduz auf Mission sind, bemerkt die Öffentlichkeit eigentlich nur, wenn ein Anschlag der Taliban Opfer fordert. Im September starben sechs italienische Soldaten in Kabul bei einem Bombenanschlag auf ihre Panzerspähwagen; in den folgenden Tagen war die Betroffenheit enorm, kannten die Medien kein anderes Thema. Doch nach der Beerdigung kehrte sofort wieder Ruhe ein.

Im Parlament hatten sich unmittelbar nach dem Anschlag sowieso die Regierung genauso wie die Opposition zur Fortsetzung der Mission bekannt. Ja mehr noch: Berlusconi stellte den USA gar eine - im Moment noch nicht näher bezifferte - Aufstockung des italienischen Kontingents in Aussicht. Im Gegenzug soll die Zahl der italienischen Soldaten, die auf Uno-Mission an der Südgrenze des Libanon im Einsatz sind, verkleinert werden. Der Armeechef sagt, Italien könne noch bis zu 4000 Soldaten auf Auslandseinsätze schicken, es sei nur eine Frage des Geldes.

Die rechtspopulistische Lega Nord, Juniorpartner in der Regierung Berlusconi, hatte zwar unmittelbar nach dem Anschlag gefordert, Italien müsse sich früher oder später aus Afghanistan zurückziehen. Doch kaum waren die toten Soldaten beerdigt, machte Lega-Nord-Chef Umberto Bossi einen Rückzieher. Seitdem ist wieder Ruhe in Rom, seitdem scheint es in Italiens am Thema völlig desinteressierten Medien wieder so, als sei das Land in Afghanistan gar nicht dabei - wenigstens bis zum nächsten tödlichen Attentat auf italienische Soldaten.

Warschau - Eilfertige Aufstockung der Truppen

Wieder einmal prescht Warschau voran. Als eines der ersten Länder in Europa verspricht Polen, sein Truppenkontingent in Afghanistan von knapp 2000 auf 3000 Soldaten aufzustocken - noch bevor Washington darum überhaupt offiziell gebeten hat. Diese Eilfertigkeit Washington gegenüber hat Warschau vor allem bei den Franzosen und Deutschen in der Vergangenheit einen miesen Ruf eingetragen: Polen sei das "trojanische Pferd" der Amerikaner in einer Europäischen Union hieß es, als Warschau sich vor dem Irak-Krieg an die Seite von Präsident George W. Bush stellte und später sogar eine eigene Besatzungszone zwischen Euphrat und Tigris bezog.

Die Geschichte - so verteidigte sich Warschau damals gegen die Anwürfe - habe gelehrt, dass sich Polen neben der EU lieber auch auf einen starken Partner jenseits des Atlantiks verlassen solle. Die Regierung Bush nahm die Willfährigkeit der Polen dankend an, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld stellte das Land gar als Vorreiter eines "neuen Europa" hin. Doch heute haben sich die Bedingungen radikal geändert. Barack Obama will das noch von seinem Vorgänger in Osteuropa geplante Raketenabwehrsystem nicht bauen. Bei Redzikowo in Nordpolen wären Schächte für zehn Abwehrraketen ausgehoben worden. Doch jetzt hat Polen das Gefühl, "von der geostrategischen Landkarte" im Weißen Haus verschwunden zu sein. Und das macht viele nervös in dem etliche Male geteilten, überfallenen und besetzten Land.

Die Regierung Donald Tusk mit ihrem amerikanophilen Außenminister Radek Sikorski stockt die Truppen am Hindukusch nun auf, um wieder ins Gespräch zu kommen in Washington. Allerdings sieht sie sich wachsenden Zweifeln in der Bevölkerung gegenüber. 76 Prozent befürworten in Umfragen eine Truppenabzug aus Afghanistan. Polen habe in der Vergangenheit eher den "trojanischen Esel" gegeben, scheinen viele zu glauben. Zu willfährig sei man den Forderungen nachgekommen, ohne jemals Gegenleistungen erhalten zu haben: Noch nicht einmal die Visumspflicht bei der Einreise in die USA ist für Polen gelockert. Darüber verhandelt Warschau schon seit Jahren.

Und dass Polen ein besonderes Gewicht in der außenpolitischen Planung Amerikas hat, lässt sich auch nicht erkennen. Der Warschauer Amerika-Experte Grzegorz Kostrzewa-Zorbas empfiehlt seinen Landsleuten, die Hoffnung fahren zu lassen, von den USA Entgegenkommen für militärische Hilfe zu erwarten - zumal unter dem Friedensnobelpreisträger Barack Obama: "Wir müssen europäische Prioritäten setzen", schreibt Kostrzewa-Zorbas: "Polen sollte die Politik der Nato immer aktiver mitgestalten, dazu gehört auch, eine innere Koalition für eine Afghanistan-Strategie zu entwickeln."

Ottawa - Genug vom Krieg

Kanadas Verteidigungsminister Peter MacKay ist ein mächtiger Mann, in Amt und Gestalt. Wenn er über den Afghanistan-Einsatz spricht, klingt er nicht nuanciert wie US-Präsident Barack Obama, er klingt entschlossen. "Die Zukunft Afghanistans liegt in den Händen der Nato", sagte MacKay im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE voriges Jahr. "Die Taliban und Terrororganisationen sind wie Krebs - sie wuchern, und sie bedrohen Menschenleben, auf der ganzen Welt. Wir Kanadier haben diese globale Verantwortung erkannt. Wenn die Welt uns ruft, dann stehen wir bereit."

Kaum ein Land hat die Mission am Hindukusch so lange so entschlossen unterstützt wie Kanada. Fast 3000 seiner Soldaten dienen derzeit dort, vor allem im umkämpften Süden des Landes, etwa der Schlüsselstadt Kandahar. 133 Tote hatten die Kanadier bislang zu beklagen, nur amerikanische und britische Soldaten starben in größerer Zahl. "Es gibt internationale Verpflichtungen, denen wir uns alle stellen müssen", sagt MacKay. "Kanada nimmt seine Rolle ernst."

Diese Rolle wollen aber immer weniger Kanadier spielen. Sie haben genug vom Kämpfen und Sterben. Beim Halifax Security Council, einer hochkarätigen Transatlantikkonferenz des German Marshall Fund im November, reckten Demonstranten vor der Tür Schilder mit der Aufschrift "Kanada raus aus der Nato". Weniger als die Hälfte der Bürger unterstützt den Einsatz in Meinungsumfragen noch. Für Aufregung sorgen derzeit zudem Behauptungen eines kanadischen Ex-Diplomaten, Soldaten seines Landes hätten die Folterung von Afghanen toleriert. Die Regierung und das Militär weisen die Vorwürfe wütend zurück, die Opposition fordert Aufklärung.

Der konservative Premierminister Stephen Harper - MacKays Chef - möchte nun einen Schlussstrich unter den Afghanistan-Einsatz ziehen, neue US-Strategie hin oder her. 2011 sollen Kanadas Soldaten weitgehend abziehen. Harper sagt, er spüre bei seinen Parlamentariern keine Bereitschaft mehr, das Kampfmandat zu verlängern. Bis zu 800 Soldaten könnten jedoch bleiben, um Wiederaufbauprojekte zu schützen. "Wir untersuchen jetzt, wie sich Kanada auf eine zivile Rolle und Entwicklungshilfe konzentrieren kann", sagt Harper.

Tiflis - Strategische Anbiederung an die Nato

173 Mann hat der georgische Verteidigungsminister Batscho Alachaia im Morgengrauen auf dem Flugfeld der Militärbasis Wasiani antreten lassen. Ihre Kampfanzüge und Schirmmützen in Tarnfleck ähneln jenen von US-Einheiten. Kein Wunder: In den vergangenen Monaten sind die Georgier von US-Militärausbildern intensiv trainiert worden, Präsident Michail Saakaschwili sucht die Streitkräfte nach amerikanischem Vorbild zu reformieren.

Verteidigungsminister Alachaia hat es sich nicht nehmen lassen, die Kompanie der zweiten georgischen Infanterie-Brigade persönlich zu verabschieden. Mit Handschlag, schließlich geht es in einen Kampfeinsatz an den Hindukusch. Die Männer sollen französischem Kommando unterstellt werden und in Kabul Dienst tun. Bis zum kommenden Frühjahr will Verteidigungsminister Batscho Achalaia das Kontingent auf 800 Mann aufstocken. Teile der Kampftruppen sollen dann auch gemeinsam mit US-Einheiten an der Grenze zu Pakistan Taliban jagen. Alachaia gibt sich siegesgewiss: "Unsere Soldaten sind gut trainiert und instruiert, das gibt uns Zuversicht für einen erfolgreichen Abschluss der Mission."

Seit dem Jahr 2004 beteiligt sich das kleine Georgien regelmäßig an Militäroperationen der Nato, obwohl das Land selbst kein Mitglied der Allianz ist - es aber gleichwohl gern wäre. Wenn nun das westliche Militärbündnis seine Truppen in Afghanistan aufstocken will, kann es sich auf einen gewichtigen georgischen Beitrag verlassen. Zu gern sieht die Führung in Tiflis eigene Verbände Seit an Seit mit Nato-Truppen kämpfen - und sucht gleichzeitig so um die Gunst der USA und Europas zu buhlen. So dienten vor Jahren bereits georgische Abteilungen in Kabul und im Kosovo. In den Irak entsandte Georgien gar bis zu 2000 Mann - ein enormes Kontingent für einen Staat, dessen Landstreitkräfte gerade einmal 20.000 Soldaten unter Waffen haben.

Das Militärengagement wird in Russland mit großer Skepsis verfolgt. Moskau fürchtet, dass georgische Einheiten nicht nur im Antiterror-Kampf in Afghanistan von der Ausbildung durch US-Marines profitieren könnten, sondern auch im Falle einer möglichen erneuten Konfrontation mit Russland sowie Südossetien oder Abchasien. Solche Befürchtungen wurden zuletzt durch Äußerungen des US-Diplomaten Alexander Vershbow verstärkt, der im Oktober Georgien besuchte. Derzeit, so Vershbow, liege der amerikanische Fokus auf Training und Ausbildung der Georgier für den Einsatz in Afghanistan. In den kommenden Jahren aber werde "dies die Basis für eine Modernisierung von Georgiens Verteidigungsfähigkeiten legen".

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