Afghanistan Erbitterter Kampf um Taliban-Bastion

Kundus ist die letzte wichtige Stadt in Nordafghanistan, die noch von den Taliban gehalten wird. Verzweifelt wehren sie sich gegen die Angriffe der mit den USA verbündeten Nordallianz.


Afghanistan: Soldaten der Nordallianz auf einem Hügel südlich von Kabul
REUTERS

Afghanistan: Soldaten der Nordallianz auf einem Hügel südlich von Kabul

Talokan - "Es gibt etwa 20.000 Taliban in Kundus, viele von ihnen Araber, und sie versuchen auszubrechen", sagte ein Sprecher der Allianz. "Sie sind verzweifelt. Sie haben gesehen, was mit Arabern passiert, wenn die Nordallianz sie in die Finger bekommt."

Der Vertreter der Allianz in Tadschikistan, Said Ibrahim Hikmat, sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir haben sie aufgefordert, ihre Waffen niederzulegen, aber sie wollen sich nicht ergeben."

Die Nordallianz hat innerhalb von wenigen Tagen die Taliban aus fast allen Teilen Nordafghanistans vertrieben. Die Taliban sprechen dagegen von einem strategischen Rückzug. Kundus ist die letzte Stadt, die die Taliban und die mit ihnen verbündete al-Qaida-Organisation von Osama Bin Laden noch im Norden des Landes halten.

Zahlreiche Ausländer - darunter Pakistaner, Tschetschenen und Araber - kämpfen für die al-Qaida. Viele von ihnen sind nach den Siegen der Nordallianz getötet oder zusammengeschlagen worden. Am Dienstag waren zahlreiche arabische und pakistanische Kämpfer aus der belagerten Stadt ausgeflogen worden.

Al-Qaida-Anführer bei Bombenangriff getötet?

Hikmat bestätigte Berichte nicht, nach denen die Nordallianz schwere Verluste bei einer versuchten Einnahme von Kundus erlitten habe. Seinen Angaben zufolge sind 29 Kämpfer der Allianz getötet worden. "Es gab gestern Kämpfe und heute wurden sie bombardiert", sagte er. "Es gibt für sie keine Möglichkeit zu entkommen - keine Möglichkeit, sich freizukämpfen, und keine Chance, sich zurückzuziehen."

Auch Kampfflugzeuge der Amerikaner sollen Taliban-Stellungen in der Umgebung Kundus angegriffen haben. Die Taliban-Hochburg Kandahar soll ebenfalls bombardiert worden sein. Dabei wurden nach einer Meldung der unabhängigen Nachrichtenagentur AIP acht Zivilisten getötet und 22 verletzt. US-Bomber zerstörten im Taliban-kontrollierten Teil Afghanistans angeblich ein Gebäude, in dem sich mehrere Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida befanden. Sie sollen bei der Attacke getötet worden sein.

Im Osten Afghanistans gab es Berichte über einen Sturz der Taliban in Dschalalabad. Der stellvertretende Uno-Gesandte Francesc Vendrell sagte, die Stadt sei "eindeutig nicht in der Hand der Taliban, aber es ist etwas verwirrend festzustellen, in wessen Hand sie sich befindet". Auch Nordallianz-Kommandeur Said Hussein Anwari sagte, der Status von Dschalalabad sei unklar. Die Provinzen Paktika, Paktia und Teile der Provinz Logar sind nach seinen Angaben in der Hand paschtunischer Gruppen, die sich gegen die Taliban erhoben haben.

Bush erneuert Kampfansage

US-Präsident George W. Bush bekräftigte unterdessen seine Kampfansage an die Taliban und an al-Qaida. Es sei das gemeinsame Ziel der USA und Russlands, den Terrorismus überall auf der Welt auszurotten, sagte Bush am Donnerstag bei einem Auftritt mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin in der High School von Crawford in der Nähe seiner Ranch im Bundesstaat Texas.

Die erste Forderung der USA an Afghanistan sei mit der Freilassung der internationalen Helfer erfüllt worden, sagte Bush. Jetzt gehe es noch um al-Qaida und ihre Helfer. "Täuschen Sie sich nicht, (...) al-Qaida wird zur Rechenschaft gezogen. (...) Wir werden nicht einhalten, bis wir das erreicht haben."

Das vierte Gipfeltreffen mit Putin habe die Regierungen der USA und Russlands enger zusammengebracht, sagte Bush. Putin sei ein "starker Partner im Kampf gegen den Terrorismus" und ein Mann, der gemeinsam mit den USA die Welt sicherer machen werde. "Wir stimmen nicht in jeder Frage überein, aber ich respektiere ihn und mag ihn als Menschen."

Der russische Präsident nannte Bush einen "Mann, der tut, was er sagt". Wenn der Kurs des gegenseitigen Vertrauens fortgesetzt werde, seien Lösungen in den umstrittenen Fragen gewiss möglich.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.