Afghanistan Europäer wehren Forderungen nach weiteren Truppen ab

Die Nato beißt mit ihrer Forderung nach mehr Truppen für Afghanistan bei den großen Bündnispartnern vorerst auf Granit: Nach Deutschland gaben auch Italien, Frankreich und Spanien zu erkennen, dass sie keine weiteren Soldaten schicken wollen. Die Bündnispartner sicherten sich Hilfe im Notfall zu.


Riga - Weder Deutschland noch Italien, Frankreich oder Spanien boten bei einem zweistündigen Abendessen zum Auftakt des Nato-Gipfels in Riga an, zusätzliche Soldaten in das instabile Afghanistan zu schicken. Der italienische Ministerpräsident Romano Prodi sagte nach dem Treffen: "Unsere Position bleibt absolut unverändert, so wie die von Frankreich, Spanien und Deutschland."

Fordern Verstärkung: Britische Truppen in der gefährlichen Provinz Helmand
REUTERS

Fordern Verstärkung: Britische Truppen in der gefährlichen Provinz Helmand

Vertreter Frankreichs sagten, das Land könne "auf Anfrage und im Einzelfall" Soldaten auch über die eigentlich vorgesehene Region hinaus einsetzen, falls dies erforderlich sei.

Der spanische Verteidigungsminister José Antonio Alonso erklärte, im Notfall werde sein Land mit Medizinern und Rettungshubschraubern helfen. Es habe "keinen Sinn", die im Westen Afghanistans stationierten spanischen Soldaten in den Süden abzukommandieren, und damit die Sicherheit in ihrem ursprünglichen Wirkungsgebiet zu verschlechtern.

Gegenseitige Unterstützung im Notfall

Nach Angaben eines Nato-Vertreters sagten aber alle 26 Mitglieder der Militärallianz zu, "sich im Notfall gegenseitig zu unterstützen". Ein Notfall sei dann gegeben, wenn das Leben von Soldaten in Gefahr sei, sagte der Beamte. Konkret müssten die Kommandeure vor Ort entscheiden, sagte der Beamte. In jedem Fall müsse aber mit dem Land, dessen Truppen um Hilfe gebeten würden, Rücksprache gehalten werden.

"Einige wenige Nationen" erklärten sich nach seinen Angaben zudem bereit, zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Welche Länder dies seien, wollte er nicht sagen. Kanada, Dänemark und die Tschechische Republik seien aber nicht gemeint, sagte er.

Insgesamt 26.000 der 32.000 Isaf-Soldaten seien nun flexibler einsetzbar als vorher, wobei es dabei nicht unbedingt um die geographischen Einsatzmöglichkeiten gehe.

Zudem hätten einige Staaten zugesagt, ihre Mittel für Entwicklungshilfe und Wiederaufbau "zum Teil erheblich" aufzustocken. Es habe ein "klares langfristiges Bekenntnis" für den Einsatz in Afghanistan gegeben, unterstrich der Nato-Vertreter.

Die neue Nato-Eliteeinheit NRF ist nach den Worten von Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer voll einsatzfähig. "Wir werden die Nato-Reaktionstruppe für voll funktionsfähig erklären", sagte De Hoop Scheffer bei der offiziellen Eröffnung des Gipfels in Riga. Dies bedeutet, dass die Nato nun feste Zusagen von den Mitgliedstaaten hat, dass zum 1. Januar 2007 wie geplant 25.000 Soldaten für die schnelle Eingreiftruppe zur Verfügung stehen werden.

USA, Kanada und Großbritannien drängen

Die USA, Kanada und Großbritannien hatten vor Beginn des Gipfels mehr Solidarität der Nato-Partner mit ihren Soldaten gefordert, die im umkämpften Süden und Osten Afghanistans stationiert sind. "Ein Angriff auf einen von uns ist ein Angriff auf alle", erklärte US-Präsident George W. Bush kurz vor der Eröffnungszeremonie in der lettischen Nationaloper. Der britische Premierminister Tony Blair betonte, die Isaf-Truppen müssten in der Lage sein, "da hinzugehen, wo der Bedarf am größten ist".

Die Nato hatte vor dem Gipfel in Riga rund 2500 zusätzliche Soldaten für Afghanistan gefordert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte jedoch bereits vorher angekündigt, dass sie die Bundeswehr nicht stärker als bisher in dem Land einsetzen wolle. Deutschland ist mit rund 2800 Soldaten der drittgrößte Truppensteller in Afghanistan.

Am zweiten Tag des Nato-Gipfels in Riga werden sich die Mitgliedsländer heute erneut mit dem Einsatz des Militärbündnisses in Afghanistan befassen. Nach den Worten von Nato-Sprecher James Appathurai erwartet Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer von dem Gipfel eine Verständigung darauf, dass sich die Alliierten jederzeit und an jedem Ort in Afghanistan in Notsituationen gegenseitig helfen.

Bei einem Bombenanschlag auf eine Nato-Patrouille in Afghanistan sind zwei Soldaten getötet worden, wie ein Militärsprecher mitteilte. Ein weiterer Soldat und ein Dolmetscher wurden verletzt. Die Explosion ereignete sich südlich von Kabul in der Provinz Logar. Zur Nationalität der Toten und Verletzten wurden keine Angaben gemacht.

jaf/AFP/rtr



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.