Angst vor den Taliban Ex-Bundeswehr-Helfer wollen nach Deutschland

Dutzende Afghanen haben nach SPIEGEL-Informationen die Zufahrt zum größten Bundeswehrlager in Afghanistan blockiert, darunter ehemalige Angestellte der deutschen Truppe. Sie fürchten um ihre Leben.
Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (Archiv)

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (Archiv)

Foto: Michael Kappeler / dpa

Rund 150 Afghanen demonstrieren seit drei Wochen vor dem Bundeswehrlager Camp Marmal bei Masar-i-Scharif. Unter ihnen sind Dutzende Ex-Angestellte der Bundeswehr. Sie fordern, nach Deutschland gebracht zu werden, weil sie in Afghanistan wegen ihrer Arbeit für die Deutschen in Lebensgefahr seien und von den Taliban bedroht würden. Am Mittwoch haben sie vorübergehend die Zufahrt zu dem Feldlager blockiert, in dem derzeit rund 980 Deutsche stationiert sind.

"Wir wollen nach Deutschland", sagt Zalmai Nikbin, einer der Demonstrierenden, dem SPIEGEL. "Hier ist es für uns lebensgefährlich."

Bisher war Deutschland eher großzügig mit Ex-Ortskräften in Afghanistan verfahren. In den vergangenen Jahren sind mehr als 760 ehemalige afghanische Angestellte der Bundesregierung mit ihren Familien nach Deutschland gebracht worden, ingesamt rund 3240 Menschen, weil sie wegen ihrer Arbeit für die Deutschen in Afghanistan als gefährdet galten. Nicht alle von ihnen haben für die Bundeswehr gearbeitet. Manche waren für das Entwicklungsministerium, das Auswärtige Amt oder das Innenministerium tätig.

Anträge, nach Deutschland auszureisen, sind abgelehnt worden

Nikbin hatte jahrelang als Dolmetscher für die deutschen Soldaten gearbeitet. Unter den Demonstrierenden sind auch ehemalige Küchenhilfen, Putzkräfte und Wächter der Bundeswehr. Anträge, nach Deutschland auszureisen, sind abgelehnt worden, weil für diverse Ortskräfte laut Verteidigungsministerium keine konkrete individuelle Gefährdung festgestellt werden konnte. In zwei Fällen sei eine "latente Gefährdung" festgestellt worden, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums dem SPIEGEL. Allerdings habe des Bundesinnenministerium seine Zustimmung zur Aufnahme des Betroffenen nicht erteilt oder widerrufen.

Nach den Terroranschlägen von 11. September 2001 waren US-amerikanische und britische Truppen in Afghanistan einmarschiert, um zusammen mit afghanischen Oppositionellen das radikalislamistische Taliban-Regime zu stürzen, das Terroristen beherbergt hatte, die an den Anschlägen beteiligt waren. Der Einsatz wurde später von allen Nato-Mitgliedern, auch Deutschland, unterstützt. Zwischen 2002 und 2014 war die Bundeswehr in Afghanistan an der Nato-geführten Wiederaufbaumission beteiligt; seit 2015 unterstützen die deutschen Soldaten die afghanischen Sicherheitskräfte. Für ihre Arbeit in Afghanistan waren die ausländischen Streitkräfte auf die Unterstützung von Ortskräften angewiesen.

Die Nato-Länder haben ihre Truppen in Afghanistan zuletzt wieder aufgestockt. Denn die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch. Nach Einschätzung des US-Militärs kontrolliert die afghanische Regierung nur etwa 56 Prozent der 400 Bezirke des Landes, 14 Prozent werden von den Taliban beherrscht, und die anderen Bezirke sind umkämpft. In ihrem jüngsten Afghanistan-Jahresbericht stellte sich die Bundesregierung auf einen unabsehbar langen Einsatz ein.

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