Afghanistan Bezirks-Gouverneur läuft zu Taliban über

Es ist der bisher ranghöchste zivile Überläufer: Die Taliban sehen in dem bisherigen Bezirks-Gouverneur Kasi Abdul Hai bereits einen "großen Dschihad-Kommandeur", sein Vorgesetzter "eine leistungsschwache Person". Bei neuen Gefechten starben Dutzende Menschen.


Kabul - Ein hochrangiger Offizieller soll im Norden Afghanistans zu den radikal-islamischen Taliban übergelaufen sein. Kasi Abdul Hai "verschwand am Dienstag und es wird angenommen, dass er sich den Taliban im Distrikt angeschlossen hat", sagte der Gouverneur der Provinz Sar-i-Pul, Abdul Dschabber Hakbin, am Donnerstag. Die Taliban bestätigten, dass Hai die Seiten gewechselt habe. Sie nannten den Überläufer einen "großen Dschihad-Kommandeur".

Hai ist bisher Gouverneur des Bezirks Kohistanat. Bei ihm handelt es sich um den bislang ranghöchsten zivilen Überläufer, von dessen Fall man weiß. Er war von 2004 bis 2008 Senator in der Meschrano Dschirga, dem Oberhaus des Parlaments in Kabul. Später wurde er zum Verwaltungschef seines Heimatdistriktes ernannt. Provinzgouverneur Hakbin sagte mit Blick auf Hai: "Er war eine leistungsschwache Person, und wir waren im Begriff, ihn zu entlassen."

Bei einem Taliban-Angriff im Norden sind nach Angaben eines lokalen Politikers unterdessen am Mittwoch zehn Polizisten getötet worden. 16 weitere seien von den Rebellen gefangengenommen worden. Die Polizeitruppe wurde den Angaben vom Donnerstag zufolge während eines Einsatzes angegriffen.

Gefechte werfen Frage nach Sicherheit in Afghanistan auf

Ein Sprecher des Innenministeriums bestätigte zwar, dass es Opfer unter den Polizisten gegeben habe. Die Rebellen hätten jedoch keine Polizisten in ihrer Gewalt. In den betroffenen Bezirk seien Truppen und Hubschrauber verlegt worden. Immer mehr Anschläge in jenen Gebieten Afghanistans, die eigentlich als friedlich galten, heizen die Diskussionen über die Sicherheitslage nach dem Abzug der internationalen Truppen an: Am Mittwoch haben die radikal-islamischen Taliban den Leiter der unabhängigen afghanischen Wahlkommission der Provinz Kundus erschossen. Die Wahl gilt als Test für die Sicherheitslage in Afghanistan vor dem Abzug der internationalen Truppen. Die ausländischen Kampftruppen sollen das Land bis Ende 2014 verlassen. Danach sind die 350.000 afghanischen Sicherheitskräfte weitgehend auf sich allein gestellt.

Die Bundeswehr war im vergangenen Herbst aus Badachschan abgezogen und hatte ihr Feldlager in der Provinzhauptstadt Feisabad an die Afghanen übergeben. Mobile deutsche Einheiten unterstützten aber auch danach noch afghanische Sicherheitskräfte, die in Wardudsch von Taliban-Kämpfern bedrängt wurden.

Bei Gefechten in der südafghanischen Provinz Helmand wurden nach offiziellen Angaben derweil 40 Taliban-Kämpfer getötet. Afghanische Sicherheitskräfte hätten Aufständische bei einem dreitägigen Einsatz aus dem Bezirk Sangin vollständig vertrieben, teilte die Provinzregierung am Donnerstag mit. Sechs Monate lang hätten die Taliban erfolglos versucht, Sangin komplett zu erobern. Helmand gehört zu den unsichersten Provinzen in Afghanistan.

mia/Reuters/dpa

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herrdainersinne 19.09.2013
1. Auf die Frage....
warum die Bundeswehr in Afghanistan ist, heißt es, Afghanistan solle nicht wieder zum Rückszugsort für Terroristen werden - und man will Afghanistan in die Lage versetzen die entstehende Demokratie zu verteidigen.... Sehr witzig. ...-1. Leben die "Terroristen" dort - und wurden von den USA für den Kampf gegen Russland bewaffnet-und sogar ausgebildet, 2. interessieren die sich für die ihnen vom Westen aufgezwungene "Demokratie" nur solange, wie wir die Clanchefs ordendlich bezahlen - und den Drogenanbau dort nicht stören..... Afghanistan ist Taliban Land - und wird es auch bleiben...... Uns warum auch nicht ? Das sind primitive Kulturen - die in Clan und Stammesstrukturen leben. Warum sollten wir die zur Demokratie überreden ?
markushatt 20.09.2013
2. Auf Kurz oder Lang
Gehört der Taliban wieder das Land. Das war bereits vor der Invasion klar. Afghanistan ist das neue Vietnam. Nach den Anschlägen vom 11.9 aber ein in Kauf genommenes Risiko. Mal ein Fazit, wo stehen wir jetzt? Terrorismus bekämpft? - Nein Freiheit dem afghanischen Volk? - Nein Drogenhandel bekämpft? - Nein Gewalt und tote Zivilisten? - Ja Hass für ein halbes Jahrhundert geschührt? - Ja Infrastruktur für Drogenhandel geschaffen? - Ja Rein gar nichts, außer Gier, rechtfertigt diesen Krieg. Die halbe westliche Welt kämpft in Afghanistan nur für Ressourcen. Da haben wir uns ja eine schöne Welt gemacht.
Tillmann Schmalzried 20.09.2013
3. Taliban-Mythos und Warlordgesellschaft
Die Verhältnisse in der Provinz Sar-i Pul sind ein Spiegel Nordafghanistans. Das Überlaufen eines entmachteten Distriktvorstehers zeigt das wieder einmal im Detail. Übrigens war diese Provinz ursprünglich eines der wenigen Gebiete Nordafghanistans, das immer wieder Aufstände gegen die Taliban-Herrschaft machte. Fast jede nordafghanische Provinz ist ein Flickenteppich von Volksgruppen und die Ethnisierung des Afghanistan-Konflikts schon während der 80er Jahre hat dazu geführt, daß Kommandeure der wichtigsten Widerstandsparteien und gegen sie aufgestellte Kommandeure von der Zentralregierung neugebildeter Milizen um Macht und Einfluß kämpften. Nicht die Talibanisierung, sondern die Warlordisierung Afghanistans ist das Problem, das auch jetzt wieder droht. Schließlich hat das ISAF-Regionalkommando Nord unter der Leitung der Bundeswehr nicht die Mittel bereit gestellt bekommen, die Milizen zu entwaffnen und die illegalen Märkte, auf denen sie fußen, auszutrocknen (Drogen-, Waffen-, Menschenhandel etc.). Stattdessen schloß sie politische bzw. Nichtangriffs-Pakte mit den wichtigsten Warlords oder deren lokalen Stellvertretern: Dostum, Atta, Mohaqeq, Fahim ... Wer die Taliban ins Feld führt, um ein notwendiges Engagement gegen die Grundübel eines jahrzehntelang in eine Warlordgesellschaft verwandeltes Land abzulehnen bzw. mit demselben Anliegen von primitiver Kultur spricht, hat nicht verstanden, worum es geht oder will es nicht verstehen.
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