Afghanistan Karzai bestätigt Friedensgespräche zwischen USA und Taliban

"Es läuft gut": Afghanistans Präsident hat erstmals offiziell Verhandlungen zwischen Amerika und den Taliban bestätigt. Die Friedensgespräche sollen den Abzug der US-Truppen beschleunigen - doch Einheimische fürchten, die Annäherung könne dem Land schaden.

Afghanischer Präsident Karzai: "Friedensgespräche haben begonnen, und es läuft gut"
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Afghanischer Präsident Karzai: "Friedensgespräche haben begonnen, und es läuft gut"


Kabul - Es waren nur ein paar Sätze, die Hamid Karzai auf einer Pressekonferenz in Kabul sagte - doch sie verdeutlichen eine bemerkenswerte diplomatische Annäherung: Erstmals hat Afghanistans Präsident Verhandlungen zwischen den USA und den radikal-islamischen Taliban über ein Ende des Krieges am Hindukusch bestätigt.

"Friedensgespräche haben begonnen, und es läuft gut", sagte Karzai an diesem Samstag. "Die ausländischen Militärs und vor allem die USA selbst führen die Verhandlungen."

Die US-Botschaft in Kabul hat Karzais Aussagen bislang nicht kommentiert. Zuletzt hatte US-Verteidigungsminister Robert Gates allerdings politische Verhandlungen mit den Taliban in Aussicht gestellt. Schon im Winter könne "die Möglichkeit einer Art politischer Gespräche oder Versöhnung" an Form gewinnen.

Nun wird klar: Die Vorbereitungen laufen längst. Die Friedensgespräche befinden sich laut Karzai in einem frühen Stadium. Es habe Vorgespräche gegeben, aber noch keine offiziellen Treffen, auch gebe es noch keine Agenda, sagte der afghanische Präsident, der schon zuvor offensiv für Verhandlungen mit den Taliban geworben hatte.

Neuer Kurs am Hindukusch

Die anlaufenden Friedensgespräche sind ein Indiz für den neuen Kurs der westlichen Verbündeten in Afghanistan. Der Krieg am Hindukusch dauert inzwischen fast zehn Jahre, eine militärische Lösung des Konflikts scheint ferner denn je. Besonders die USA drängen deshalb auf eine neue Strategie: Sie wollen ihre Truppen aus dem Land abziehen - und die Taliban womöglich in eine afghanische Regierung einbeziehen.

Für Verhandlungen mit den Taliban hatte Gates zuvor Bedingungen gestellt. Sie müssten ihre Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida kappen, sich zur afghanischen Verfassung bekennen und ihre Waffen niederlegen, forderte der US-Verteidigungsminister. Dann "können sie potentiell eine politische Rolle in der Zukunft des Landes erhalten". Die Taliban hatten bisher jegliche Verhandlungen bestritten - und den Abzug aller ausländischer Truppen als Vorbedingung genannt.

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In der afghanischen Bevölkerung werden die sich anbahnenden Friedensgespräche zum Teil skeptisch gesehen. Es gebe Befürchtungen, dass eine Annäherung zwischen den Taliban und dem Westen das Land zurückwerfe, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Die Taliban hatten das Land vor dem Einmarsch westlicher Truppen im Jahre 2001 mit eiserner Hand regiert und während dieser Zeit auch al-Qaida beherbergt.

Eine Annäherung ist indes schon länger zu beobachten. So wollen die Vereinten Nationen, die Taliban von ihrer Liste terroristischer Organisationen zu streichen, auf der auch das Terrornetzwerk al-Qaida aufgeführt ist. Der Vorstoß gilt Beobachtern als politische Geste, mit der Friedensgespräche beschleunigt werden sollen.

Afghanistan droht der Staatsbankrott

Während Karzai die Annäherung thematisiert, wird Kabul von neuen Ausschreitungen erschüttert. Am Samstag starben zwei Polizisten bei einem Anschlag von Selbstmordattentätern auf eine Polizeiwache. Die Angreifer hätten Uniformen der afghanischen Streitkräfte getragen und beim Betreten der Wache das Feuer eröffnet, berichten Augenzeugen. Einer der Selbstmordattentäter sei bei dem Angriff ebenfalls getötet worden.

Zudem leidet Afghanistans Regierung massiv unter Geldnot. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Finanzhilfen für das Land eingefroren. Grund ist die Beinahe-Pleite der Kabul-Bank. Der IWF hat einen Vorschlag der afghanischen Regierung zur Sanierung der angeschlagenen Kabul-Bank abgelehnt, die im Zentrum eines Korruptionsskandals steht.

Für die von ausländischen Finanzhilfen abhängige Regierung könnte das dramatische Folgen haben. Die Verantwortlichen werden "innerhalb eines Monats" Schwierigkeiten bekommen, ihre Rechnungen zu begleichen, zitiert der "Guardian" einen westlichen Offiziellen. Das Ausland fürchtet nun eine zusätzliche Destabilisierung.

ssu/dpa/dapd/Reuters



insgesamt 24 Beiträge
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moliebste 18.06.2011
1. "Staatsbankrott"
Ein Staatsbankrott kann nicht "drohen", denn er ist schon längst da - und zwar in umfassender Hinsicht. Nach 10 Jahren Kriegsbeteiligung der Willigen ist das allseits bekannte Ergebnis: Eine Korrupte Regierung, bis zum Hals in Drogengeschäften verwickelt. Die Streitkräfte der Willigen als Feldhüter der Drogenmafia. Afghanische Armee und Polizei eine Lachnummer und von Taliban unterwandert. Und eine Doppelherrschaft im Lande: Gegenregierungen der Aufständischen mittlerweile in über 90 % aller Provinzen. Das einzige, was jetzt noch "drohen" kann: Karzai geht das Geld aus. So what ?
Hannowald 18.06.2011
2. Erstaunlich!
Mit den Taliban verhandeln? Vor ein paar Jahren, als Kurt Beck SPD-Vorsitzender war (manch einer erinnert sich vielleicht), hat er anläßlich einer Reise nach Afghanistan den Vorschlag gemacht, mit den Taliban zu verhandeln. Alle sind über ihn hergefallen. Und nun?
mrpalme 18.06.2011
3. wie..
.. kann man denn ernsthaft mit den Taliban verhandeln. Und was soll dabei herauskommen? Dass dieser Haufen von Mördern und Verbrechern dort weiter tun und lassen kann was er will?
Horstino 18.06.2011
4. seltsames Völkchen
Die Afghanen sind schon ein seltsames Völkchen. Auf der einen Seite wollen sie eigentlich keinen einzigen fremden Soldaten in ihrem Land habe und haben bisher auch - anders als z.B. die Iraker - wenig Interesse daran gezeigt eine demokratische Zivilgesellschaft aufzubauen. Das Militär zieht wohl auch nur Taugenichtse und Halbkriminelle an. Also will sich kaum einer ander Sicherung und Befriedung seines Landes aktiv beteilligen (was die ausländische Präsenz dann überflüssig machen würde). Aber die Taliban will man dann doch nicht an der Macht haben.
Freiwirtschaftler 18.06.2011
5. Genau drei Möglichkeiten
"Unser Geld bedingt den Kapitalismus, den Zins, die Massenarmut, die Revolte und schließlich den Bürgerkrieg, der erfahrungsgemäß mit unheimlicher Schnelligkeit zur Barbarei zurückführt. ...Wer es aber vorzieht, seinen eigenen Kopf etwas anzustrengen, statt fremde Köpfe einzuschlagen, der studiere das Geldwesen..." Silvio Gesell (Geld oder Krieg) Es ist irrelevant, was die "hohe Politik" beschließt oder nicht beschließt. Wenn das Geld selbst fehlerhaft ist, gibt es keine wie auch immer geartete "Finanzpolitik", um den bevorstehenden Zusammenbruch des Zinsgeld-Kreislaufs aufzuhalten. Seit Herbst 2008 verbleiben genau drei Möglichkeiten: Das Ende mit Schrecken (finaler Atomkrieg) Der Schrecken ohne Ende (globale Liquiditätsfalle) Die Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft) "Genau drei Möglichkeiten" heißt: eine vierte gibt es nicht. Über die erste Möglichkeit gibt es nichts zu sagen, die zweite ist das Lieblingsthema aller Crash-Phantasten und die dritte ist wahrscheinlich. Der Crash-Phantast, der "zur Sicherheit" noch ein paar Goldklötzchen bunkert, weiß nicht, was es bedeutet, wenn in einer globalisierten Zinsgeld-Ökonomie mit über 6.500.000.000 Menschen der Geldkreislauf - und damit die Arbeitsteilung - mitgekoppelt zusammenbricht. Die Heilige Schrift bezeichnet dieses Ereignis als "Armageddon". Für die Beendigung der "Finanzkrise" und den anschließenden, eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation bedarf es der "Auferstehung der Toten". Als geistig Tote sind alle Existenzen zu bezeichnen, die vor lauter Vorurteilen nicht mehr denken können. Die Basis aller Vorurteile war (und ist noch) die Religion. "Man bedenke, es handelt sich nur um einen Roman. Die Wahrheit wird - wie stets - weit erstaunlicher sein." Arthur C. Clarke (Vorwort zu "2001") Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert: http://www.deweles.de/willkommen.html
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