Afghanistan Karzai hält Gespräche mit Taliban für sinnvoll

Afghanistans Außenminister Spanta hat SPD-Chef Beck wegen seines Vorstoßes, moderate Taliban in den Friedensprozess einzubinden, scharf attackiert. Präsident Karzai ist ganz anderer Meinung: "Afghanische Taliban sind immer willkommen, sie gehören zu diesem Land".


Kabul/Frankfurt am Main - Afghanistans Präsident Hamid Karzai hat sich nach eigenen Angaben wiederholt mit Vertretern der Taliban getroffen. Er habe die islamischen Milizionäre aufgefordert, ihre Waffen niederzulegen, sagte Karzai heute. "Afghanische Taliban sind immer willkommen, sie gehören zu diesem Land", so Karzai auf einer Pressekonferenz in Kabul. "Wenn sie umkehren, wenn sie bereuen, wenn sie in ihr eigenes Land zurück wollen, dann sind sie willkommen."

Afghanistans Präsident Karzai: Kontakte zu den Taliban
AP

Afghanistans Präsident Karzai: Kontakte zu den Taliban

Ausländische Extremisten dagegen müssten "vernichtet" werden, erklärte der afghanische Präsident. "Sie zerstören unser Leben, sie töten unser Volk, sie sind nicht willkommen, und es wird keine Gespräche mit ihnen geben", sagte Karzai - offenbar im Hinblick auf Extremisten aus dem Nachbarland Pakistan. Schon lange bestünden Kontakte zwischen der Regierung und den afghanischen Taliban. Er selbst habe mit Vertretern der Miliz gesprochen. Einzelheiten nannte Karzai nicht.

SPD-Chef Kurt Beck hatte sich vor einigen Tagen nach einem Besuch in Afghanistan für eine internationale Konferenz mit Beteiligung moderater Taliban ausgesprochen und damit nicht nur in Berlin eine lebhafte Debatte ausgelöst.

Gestern hatte der afghanische Außenminister Rangin Dadfar Spanta Beck für seinen Vorstoß scharf kritisiert. Spanta sagte im NDR, es gebe keine moderaten Taliban. "So eine Klassifizierung ist eine Erfindung von denjenigen, die von Afghanistan keine Ahnung haben." Spanta erklärte, genauso könne man vorschlagen, in Rheinland-Pfalz eine Koalition mit der "moderaten NPD" zu schließen.

Zwar seien in Afghanistan viele Menschen instrumentalisiert worden, die man wieder eingliedern solle. "Aber als militärische und politische Kraft sehe ich keine moderaten und nicht-moderaten Taliban." Seine Regierung suche seit geraumer Zeit nach moderaten Taliban-Kräften. "Wenn westliche Politiker so was haben, können sie uns die Adresse und Kontaktpersonen geben, damit wir uns mit ihnen auseinandersetzen können."

Beck verteidigte seine Idee zur Einbindung moderater Taliban-Anhänger in den Friedensprozess. Der afghanische Aussöhnungsprozess müsse auch Widerstandskräften offen stehen, die nicht dem harten Kern der Taliban angehören und der Gewalt abschwören, schrieb Beck in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Rundschau". Zugleich betonte er: "Terroristen müssen verfolgt und bestraft werden. Sie sind keine Verhandlungspartner."

Der SPD-Chef sieht in seinem Vorschlag keinen Widerspruch zur Strategie der Regierung in Kabul und der internationalen Schutztruppe Isaf: "Die afghanische Regierung bemüht sich darum, all jene Kräfte einzubinden, die der Gewalt abschwören. Auch die Isaf begleitet diesen Ansatz." Deren Sprecher habe jüngst erklärt, dass die große Mehrheit der Taliban aus unzufriedenen Männern bestehe, die "keine wirtschaftlichen Möglichkeiten haben und sich deshalb den Taliban anschließen", schrieb Beck. "Diese Männer muss man aus der Umklammerung des harten Kerns der Taliban lösen." Es gelte Brücken zu bauen zu all jenen, die sich an einer konstruktiven Lösung beteiligen wollen.

Dialog zwischen Bundestag und afghanischem Parlament

Seinen umstrittenen Vorstoß für eine Afghanistan-Konferenz sieht der SPD-Chef in der Tradition seiner Vorgänger. "Willy Brandt wurde für seine Ostpolitik, Gerhard Schröder für sein Nein zum Irakkrieg vom konservativen Lager zunächst harsch kritisiert." Mehr als nur einmal habe sich die SPD-Position im Nachhinein als richtig herausgestellt, schrieb Beck in dem Beitrag mit dem Titel "Dem Frieden verpflichtet".

Zum deutschen Engagement in Afghanistan sagte Beck: "Wir wollen helfen, wo wir können." Er könne sich vorstellen, dass der Deutsche Bundestag einen Dialog mit dem afghanischen Parlament beginne. Auch die Hilfe bei der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte will Beck aufstocken. "Beim Aufbau der Polizei in Afghanistan haben wir bereits mehr als 16.000 afghanische Polizisten ausbilden können", schrieb er. "Ich halte die Verstärkung dieses Ansatzes seitens des Bundes und der Länder für erforderlich."

Gestern waren im Bundeswehrstützpunkt in Masar-i-Scharif sechs Tornados der Luftwaffe eingetroffen. Sie sollen in den kommenden Monaten helfen, die Luftüberwachung und Aufklärung in ganz Afghanistan sicherzustellen. Der Bundestag hatte den zunächst bis Mitte Oktober befristeten Einsatz vor vier Wochen beschlossen. Der Auftrag lautet Luftaufklärung. An Kampfeinsätzen sollen sich die deutschen Piloten nicht beteiligen. Die Informationen sollen bei Bedarf auch an die Anti-Terror-Operation "Enduring Freedom" weitergegeben werden.

phw/AP/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.