Afghanistan Karzai hofiert Warlord Dostum als Wahlhelfer

Er gilt als blutrünstigster Milizführer: Kurz vor der Wahl in Afghanistan kehrt Abdul Raschid Dostum nach Kabul zurück. Doch statt mit einer Gefängniszelle rechnet der General mit einem Regierungsposten. Schamlos nutzt Präsident Karzai Kriegsverbrecher wie ihn zum Erhalt seiner Macht.

Berlin/Kabul - Der Empfang am frisch renovierten Flughafen der afghanischen Hauptstadt war ganz nach dem Geschmack des Generals. Hunderte usbekische Anhänger empfingen Abdul Raschid Dostum, als er mit einem gecharterten Jet der Fluggesellschaft Kam Air aus der Türkei in Kabul landete. Jeder wollte ihn anfassen, den Mann, der sein Alter von 55 Jahren fast so geheim hält wie ein Popstar. Einige schafften es, ihn zu küssen.

Dostum war in seinem Element. Er inszeniert sich gerne als Volksheld und Militärchef zugleich.

Dostum bei seiner Ankunft in Kabul: Kabinett der Kriegsverbrecher?

Dostum bei seiner Ankunft in Kabul: Kabinett der Kriegsverbrecher?

Foto: AP

Vom Flughafen rauschte Dostums langer Konvoi von gepanzerten Jeeps gefolgt von Pick-ups mit vermummten Kämpfern nach Sherpur, ins feinste Viertel von Kabul. Hier besitzt Dostum eine der vielen stillosen, aber sündhaft teuren Villen. Artig bedankte sich Dostum dort öffentlich beim Präsidenten Hamid Karzai und der türkischen Regierung, die sich sehr für seine Rückkehr eingesetzt hätten.

Dann musste der bullige General, dessen markanter Schnauzbart und buschige Augenbrauen mittlerweile ziemlich ergraut sind, schon wieder weg - zum Tee mit Karzai.

Die beiden hatten sich einiges zu erzählen. Dostums Rückkehr aus dem Exil, in das ihn Karzai nach einem brutalen Übergriff auf einen Rivalen im Herbst 2008 gezwungen hatte, soll dem Präsidenten am Donnerstag die Stimmen der Usbeken im Norden Afghanistans sichern. Indem er den Warlord zurück nach Kabul gebeten hat, pokert der Präsident schamlos um seine Macht: Er postiert um sich ein Kabinett ruchloser Verbrecher.

Der Werdegang General Dostums illustriert den Machthunger Karzais - aber auch die Hilflosigkeit des Westens. In den vergangenen Monaten holte Karzai eine ganze Reihe von Kriegsverbrechern in sein Team, allen voran seinen Kandidaten für den Posten des Vizepräsidenten: Marschall Mohammed Fahim ist einer der brutalsten Generäle der Nordallianz, ihm werden Dutzende Kriegsverbrechen vorgeworfen, zudem gilt er als Kopf mehrerer Entführerbanden. Für Karzai soll der Tadschike nun aber die Stimmen seiner Volksgruppe sichern. Für Tausende von Wahlzetteln ist Karzai die Vergangenheit egal.

Die Liste der zweifelhaften Persönlichkeiten in Karzais Team ist lang. Nach und nach sicherte sich der Präsident im Stile des afghanischen Basar-Deals mit dem Angebot von Posten an Kriminelle, Kriegsverbrecher und sogar international verpönte Drogenbarone einen wohl sicheren Vorsprung bei den Wahlen. Ob Karzai beim ersten Wahlgang gewinnen kann, lässt sich schwer absehen. Gleichwohl ist durch die Hilfe der dubiosen Wahlhelfer der Abstand zu seinem einzigen ernstzunehmenden Konkurrenten, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, inzwischen groß.

General Dostum gilt in Afghanistan als starker Mann. Westliche Diplomaten übersetzen diese schmeichelhafte Formel etwas drastischer. Der General, so die nur hinter vorgehaltener Hand geäußerte Einschätzung, habe "das Blut von Tausenden Afghanen" an seinen Händen. Konkret gilt es erwiesen, dass Dostum im Jahr 2001 Hunderte gefangene Taliban-Kämpfer massakrieren ließ, nachdem er in Nordafghanistan auf der Seite der amerikanischen Truppen den Kampf gegen die Koranschüler gewonnen hatte.

Das Massaker an den Taliban ist eine der brutalsten Geschichten Afghanistans. Bis zu 1500 der Kämpfer ließ Dostum in die Wüste bringen und dort in Seecontainer sperren. Einige starben durch die Kugeln, die Dostums Männer auf die Container schossen. Die meisten aber verdursteten qualvoll in der Hitze der Wüste. Jahre später ließ Dostum die Überreste der Toten sorgsam ausgraben, nachdem internationale Ermittler und Menschenrechtler Interesse gezeigt hatten, das brutale Abschlachten der Opfer aufzuklären.

Leise Kritik der Staatengemeinschaft

Die Vorwürfe haben in den vergangenen Wochen neue Aufmerksamkeit erhalten. Nachdem die Bush-Regierung keine Ermittlungen gegen den Ex-Verbündeten angestrengt hatte, will Präsident Obama den Vorfall zumindest prüfen. Am Montag wurden Uno und US-Regierung etwas deutlicher. "Unser Sonderbeauftragter hat in der Vergangenheit wiederholt erklärt, dass das Land mehr kompetente Politiker und weniger Kriegsherren braucht, um voranzukommen", sagte Aleem Siddique, Sprecher des Uno-Einsatzes am Hindukusch laut der Nachrichtenagentur Reuters. Auch ein US-Regierungsvertreter äußerte in Washington "schwere Bedenken" gegen Dostums Rolle. Der Ruf des Generals werfe die Frage auf, ob er nicht für massive Menschenrechtsverletzungen strafrechtlich verfolgt werden müsse.

Dostum selbst erklärte zuletzt recht dreist, er habe mit der Tötung der Taliban nichts zu tun gehabt. ''Ich habe allen meinen Soldaten sehr klare Anweisungen gegeben, die Gefangenen gut zu behandeln", schrieb Dostum in einer Stellungnahme. Zynisch setzte er hinzu, dass ein solches Massaker "militärisch unvorstellbar" sei.

Karzai stört weder dies noch der letzte Ausfall Dostums. Erst vergangenes Jahr tönte er, mit Dostum könne erstmals ein afghanischer Warlord vor Gericht gestellt werden. Im Februar 2008 hatte der trinkfreudige General einen Rivalen überfallen, ihn vergewaltigt und sich ein wildes Gefecht mit der Polizei geliefert. Die harschen Worte Karzais wichen schon damals einem Kompromiss. Statt eines Prozesses gab es Hausarrest, und Karzai bot aus Angst vor Dostums Anhängern im Norden an, der General solle doch ins Exil gehen - offiziell aus gesundheitlichen Gründen.

Die Wahl in Afghanistan

Nun aber braucht Karzai den Warlord. Bereits im Sommer verkündete er eine Art Amnestie für Dostum und setzte ihn als Stabschef der Armee ein. Der Posten ist symbolisch, doch als Gegenleistung sollte Dostum seinen Leuten klarmachen, dass sie für Karzai stimmen. Beobachter schätzen, dass Dostum mit den Usbeken im Norden rund zehn Prozent der Gesamtstimmen kontrolliert. Als diese in den letzten Tagen drohten, sie würden nur bei Rückkehr ihres Helden parieren, musste Dostum ins Flugzeug nach Kabul steigen. Schon heute will er im Norden mit dem Einpeitschen beginnen.

Der Westen sieht der Rückkehr des Taliban-Schlächters und der Positionierung der anderen Warlords ziemlich machtlos zu. Man sei "besorgt" über die Rückkehr Dostums, ließen die USA eilig mitteilen. Hinter den Kulissen hatten US-Diplomaten heftig auf Karzai eingeredet, den General nicht nach Kabul zurückkehren zu lassen - doch der Präsident zeigte sich stur. Auch die Uno in Kabul erneuerte ihre Zweifel an einer zukünftigen Rolle Dostums wie auch Fahims in einer zukünftigen Regierung. Dass dieser Protest Folgen zeitigt, glaubt jedoch kaum jemand.

Gewinnt Karzai die Wahl, wird die Staatengemeinschaft sich überlegen müssen, wie sie mit den Kriegsverbrechern in Karzais künftigem Kabinett umgehen will. Werde Fahim tatsächlich Vizepräsident, spotten Diplomaten, müsse er sich bei Auslandreisen gut überlegen, wohin er fahre. Diverse Statten, allen voran die USA, würden den kräftigen Milizenchef zu gern festnehmen lassen - doch das zöge einen Disput nach sich. Wahrscheinlicher ist, dass Karzai einen Weg findet, seine zweifelhaften Wahlhelfer international nicht sichtbar werden zu lassen.

Ins Ausland reist der Präsident so oder so am liebsten allein.