Afghanistan-Kommandeur Petraeus Der Teflon-General muss ran

David Petraeus hat im Irak die Wende geschafft - jetzt erwartet Barack Obama von ihm das Gleiche in Afghanistan. Der neue US-Kommandeur für das Land gilt als intellektuell bewanderter Krieger. Sein Ruf hat keinerlei Kratzer, viele trauen nur ihm zu, den Höllenjob zu meistern.

AFP

Von , New York


Er hat den Mund gehalten. Einfach öffentlich nichts gesagt. Tagelang.

David Petraeus, 57, hat sich zurückgehalten, seit die Ausfälle seines Generalskollegen Stanley McChrystal bekannt geworden sind, des bisherigen US-Oberkommandierenden in Afghanistan. Kein Statement, keine Rüge - obwohl Afghanistan in seine Zuständigkeit als Chef des US-Zentralkommandos Centcom fällt. Nein, sagte sein Sprecher, Petraeus werde sich zur Sache nicht äußern.

Mittlerweile ist klar, weshalb. Als US-Präsident Barack Obama an diesem Mittwochabend McChrystal feuerte, machte er Petraeus umgehend zu dessen Nachfolger. Für den General ist das zwar dienstlich gesehen eine Degradierung, schließlich umfasste sein Auftrag beim Centcom alle US-Truppen im Nahen Osten und in Zentralasien, inklusive Afghanistan und Irak - doch sein neuer, enger gefasster Job ist zugleich unendlich viel größer.

Es ist ein Höllenjob. Und zwar nicht der erste in Petraeus' Karriere.

Von Januar 2007 bis September 2008 befehligte der Mann die ausländischen Truppen im Irak und war der Protagonist des "Surge": der US-Offensive, mit der Obamas Vorgänger George W. Bush den blutigen Bürgerkrieg im Land zu entscheiden suchte. Die Strategie wurde bald als "Petraeus-Doktrin" bekannt und hatte nach Einschätzung der meisten Experten letztlich Erfolg. Kurz: "Petraeus ist der Meister", sagt Andrea Mitchell, Korrespondentin von MSNBC.

Eloquent und unerschütterlich hat der General seinen Irak-Plan damals verteidigt, vor einem kritischen Kongress, vor den Präsidentschaftskandidaten im Herbst 2008, vor allem aber vor Obama, der die Strategie seinerzeit in Zweifel zog.

Jetzt erhofft sich ausgerechnet Obama von Petraeus, dass er ihn aus dem Afghanistan-Schlamassel befreit - mit auffallend ähnlichen Methoden wie damals im Irak. Im Football nennt man so was "Hail Mary Pass". Das ist ein weiter Schuss, wenn einem nichts anderes mehr möglich scheint in einer ausweglosen Situation.

Im Wortlaut: Der Rücktritt des Generals
McChrystal: "Es war mir eine Ehre"
Stanley McChrystal: "Heute Morgen hat der Präsident meinen Rücktritt als Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan angenommen. Ich unterstütze die Strategie des Präsidenten in Afghanistan sehr und fühle mich unseren Koalitionstruppen, unseren Partnerstaaten und dem afghanischen Volk zutiefst verpflichtet. Aus Achtung vor dieser Verpflichtung und aus dem Wunsch, einen Erfolg der Mission zu sehen, habe ich meinen Rücktritt eingereicht. Es war mir ein Privileg und eine Ehre, die Besten unseres Landes zu führen."
Obama: "Dies ist kein Strategiewechsel"
Barack Obama sagte, er habe das Rücktrittsgesuch mit Bedauern angenommen. Es sei schwierig, auf McChrystal zu verzichten. "Ich glaube, das ist die richtige Entscheidung für die nationale Sicherheit." Er begrüße Diskussionen unter seinen Mitarbeitern, werde allerdings keine "Spaltung" seiner Mannschaft tolerieren. McChrystal habe "das Vertrauen untergraben, das unser Team braucht". Sein Verhalten habe nicht den "militärischen Standards eines kommandierenden Generals" entsprochen. Die Entscheidung habe nichts mit persönlichem Beleidigtsein oder Streit über den Kurs zu tun: "Wir stimmen voll über die Strategie überein." Und: "Dies ist ein Personalwechsel, kein Strategiewechsel." In Afghanistan stünden "sehr harte Kämpfe bevor". Alles müsse sich darauf konzentrieren, erfolgreich zu sein. Die US-Soldaten und die verbündeten Truppen dürften durch nichts abgelenkt werden.
Karzai: "Gehofft, dass das nicht passiert"
"Wir hatten gehofft, dass dies nicht passiert", sagte der Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. "Aber die Entscheidung ist gefallen, und wir respektieren sie." Man freue sich darauf, mit dem Nachfolger zusammenzuarbeiten.

Als "Offizier und Gentleman" wird Petraeus gepriesen, als "militärischer Rockstar". Einer, den sich viele sogar als Präsident vorstellen könnten, so bekannt und beliebt er bis heute ist. Linke Protestgruppen wie MoveOn.org schmähten ihn zwar einst als "General Betray Us" ("General Betrüge-uns") und als Bushs Wasserträger. Doch ihn wirklich zu hassen - das schaffen selbst seine Kritiker nicht. Dazu ist Petraeus zu scharfsinnig, zu brillant und stets zu höflich. Sollte er sich je zu ähnlichen Tiraden versteigen wie McChrystal, so würde er nie zulassen, dass ein Reporter das alles mitschreibt. Zumal einer vom "Rolling Stone", einem Zentralorgan der Anti-Kriegs-Generation.

Kämpferisch, doch auch intellektuell, noch dazu technologisch versiert: Petraeus hat das Image, ein ebenso überkorrekter wie moderner Vordenker des Militärs zu sein. Er wirkt wie die Musterausgabe eines Hollywood-Generals - was vor allem zeigt, dass er sich auf PR versteht. Seine Irak-Strategie präsentierte er in Washington mit einer mehrtätigen Kampagne, flankiert von teuren Fernsehspots und gezielt platzierten Interviews. So sieht perfekte Öffentlichkeitsarbeit aus.

Es ist das genaue Gegenteil von dem, was McChrystal jetzt abgeliefert hat.

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Stanley McChrystal: Der asketische General
"Die beiden Generäle könnten verschiedener nicht sein", sagt NBC-Nachrichtenchef Brian Williams. McChrystal patzte in seiner Pressepolitik. Petraeus ist "der Teflon-General, der das Rampenlicht liebt", notiert der britische "Guardian".

Petraeus hat sich seine Qualitäten schon früh in seiner Karriere angeeignet. Aufgewachsen nördlich von New York als Sohn eines Einwanderers aus den Niederlanden, landete er an der Militärakademie West Point. Die Ausbildung schloss Petraeus mit allerlei Ehren und Preisen ab. Seine körperliche Ausdauer war legendär - 1991 wurde ihm bei einer Übung versehentlich in die Brust geschossen, und binnen weniger Tage wurde er wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Er hatte seine Ärzte mit 50 Liegestützen überzeugt. Petraeus überlebte Unfälle und Unglücke. Einmal verhedderte sich sein Fallschirm rund 20 Meter über dem Boden; er kam mit einem gebrochenen Becken davon.

Er machte in Princeton seinen Doktor. Seine Dissertation schrieb er über die militärischen Lektionen des Vietnam-Kriegs - eine ideale Vorbereitung für die späteren Herausforderungen. Der Irak war dann sein erster realer Fronteinsatz; zuvor war er nur mit diversen Friedenstruppen unterwegs gewesen. Er führte die legendäre 101st Airborne Division mit einem der größten, längsten Luftlandeangriffe der Militärgeschichte zum Erfolg. Nach der Invasion war er für die Besatzung und Befriedung von Mosul im Nordirak verantwortlich. Dort probierte er seine spätere Doktrin erstmals aus, jene Balance aus "hard power" und "soft power", aus militärischer Macht und diplomatischer Kunst.

"König David" nannten ihn die Iraker. "Wir wollen als eine Befreiungsarmee gesehen werden und nicht als eine Besatzungsarmee", sagte Petraeus dem "Boston Globe" damals.

Petraeus ließ die Häuser von früheren Gefolgsleuten Saddam Husseins stürmen, setzte sich aber auch mit den Stammesfürsten zusammen und engagierte sich beim Neubau von Schulen. So gewann Petraeus die Zivilbevölkerung langsam für sich. Seine Soldaten waren es, die 2003 Saddams Söhne fanden und töteten. Petraeus habe im Irak "eine historische Rolle gespielt", lobte ihn bei der Verabschiedung in Bagdad sein damaliger und heutiger Chef, Verteidigungsminister Robert Gates. "Die Geschichte wird Sie als einen der größten Feldherren unserer Nation anerkennen."

Darauf stützt sich nun auch Obamas Hoffnung. Wenn Petraeus auch noch den Krieg in Afghanistan zugunsten der westlichen Truppen wendet, er würde noch populärer. Rufe nach einer Präsidentschaftskandidatur gab es schon, er ließ sie bisher an sich abprallen. Eine weiterführende Karriere hatte er nie geplant - zumal er Gesundheitsprobleme hat. 2009 wurde er wegen Prostatakrebs behandelt, und erst vor zwei Wochen wurde er bei einem Auftritt vor dem Senat ohnmächtig.

Die US-Medien haben großen Anteil an seiner Verklärung zum Helden und Erlöser. "Kann dieser Mann den Irak retten?", fragte das Magazin "Newsweek" im Sommer 2004 auf seinem Titelblatt über einem Paradefoto von Petraeus in voller Kampfmontur. Die Antwort: Ja, er konnte.

Nächste Station: Afghanistan.

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Seite 1
semir, 23.06.2010
1.
Zitat von sysopDie Affäre um die Lästereien des einstigen Vorzeige-Generals Stanley McChrystal gefährdet den Einsatz der internationalen Truppen in Afghanistan. Was glauben Sie: Wie geht es weiter mit der Mission am Hindukusch?
Der Einsatz in Afghanistan ist nicht von einer Person abhängig.Weder Obama noch McChrystal haben etwas zu sagen - die wahren Herrscher sind diejenigen, die den Wahlkampf Obamas finanziert haben und im Hintergrund Anweisungen geben.
ray4901 23.06.2010
2. Die Militärs übernehmen die Politik
Zitat von sysopDie Affäre um die Lästereien des einstigen Vorzeige-Generals Stanley McChrystal gefährdet den Einsatz der internationalen Truppen in Afghanistan. Was glauben Sie: Wie geht es weiter mit der Mission am Hindukusch?
Für seine Militärkarriere scheint der Stan nicht das Richtige getan zu haben. Als Hoffnungsträger der Reps. 2012 könnte er weiter aufsteigen. Man stelle sich einen McCain im besten Alter vor, das wäre der Durchmarsch!
Vihaio 23.06.2010
3.
Zitat von sysopDie Affäre um die Lästereien des einstigen Vorzeige-Generals Stanley McChrystal gefährdet den Einsatz der internationalen Truppen in Afghanistan. Was glauben Sie: Wie geht es weiter mit der Mission am Hindukusch?
Wie bisher. Die westliche Truppenpräsenz wird, mit wechselnden Begründungen, aufrecht erhalten. Siehe Irak, Japan, Korea, Philippinen, Italien, Deutschland, Türkei etc. Siehe "Empire of Bases" (http://www.nytimes.com/2009/07/14/opinion/14iht-edjohnson.html) Es ist einfach zuviel Geld damit zu verdienen. "USA beherrschen zwei Drittel des Rüstungsmarkts" (http://www.welt.de/politik/article4479110/USA-beherrschen-zwei-Drittel-des-Ruestungsmarkts.html) Und noch sind zu viele Zeitgenossen Gefangene in Platos Höhle. Aber nicht mehr lange. "Council on Foreign Relations Warns U.S. Dollar and Debt at Tipping Point" (http://www.economicpolicyjournal.com/2010/06/council-on-foreign-relations-warns-us.html) Dann folgt die Evakuierung.
Stefanie Bach, 23.06.2010
4. Man muss reden
Zitat von VihaioWie bisher. Die westliche Truppenpräsenz wird, mit wechselnden Begründungen, aufrecht erhalten. Siehe Irak, Japan, Korea, Philippinen, Italien, Deutschland, Türkei etc. Siehe "Empire of Bases" (http://www.nytimes.com/2009/07/14/opinion/14iht-edjohnson.html) Es ist einfach zuviel Geld damit zu verdienen. "USA beherrschen zwei Drittel des Rüstungsmarkts" (http://www.welt.de/politik/article4479110/USA-beherrschen-zwei-Drittel-des-Ruestungsmarkts.html) Und noch sind zu viele Zeitgenossen Gefangene in Platos Höhle. Aber nicht mehr lange. "Council on Foreign Relations Warns U.S. Dollar and Debt at Tipping Point" (http://www.economicpolicyjournal.com/2010/06/council-on-foreign-relations-warns-us.html) Dann folgt die Evakuierung.
Dass Schröder Deutschland aus dem Irak-Krieg herausgehalten hat, wird sein Verdienst bleiben. Dass wir uns ansonsten in alle möglichen militärischen Auseinandersetzungen haben hineinziehen lassen ist bitter. Am Beispiel Afghanistan wird sehr deutlich, dass auch ein humanitär bemäntelter Militäreinsatz nur Menschenleben und Geld kostet. Sprache ist die Grundlage zur Verständigung mit anderen (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/).
KabulChris 23.06.2010
5.
Quote "Sprache ist die Grundlage zur Verständigung mit anderen." - dazu gehoeren immer 2 Parteien und kann nicht nur einseitig geschehen.
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