Afghanistan-Konferenz Der König will nicht mitschachern

Morgen beginnt in Bonn die Uno-Konferenz über Afghanistans Zukunft: Die Emissäre des Hoffnungsträgers der US-Regierung, Ex-König Zahir Schah, fordern die Entsendung eine Uno-Schutztruppe und stoßen bei der Nordallianz auf entschiedenen Widerstand.


Bleibt in Rom: Afghanistans Ex-König Zahir Schah
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Bleibt in Rom: Afghanistans Ex-König Zahir Schah

Rom - Mohammed Zahir Schahs Warnungen fruchteten nicht. Jeden seiner zahlreichen Besucher, ob aus Washington oder New York, London oder Berlin, hatte der 87-jährige Ex-König, den die USA und ihre Verbündeten als Galionsfigur für den afghanischen Neuanfang auserkoren haben, über Wochen beschworen: "Die Nordallianz darf nicht in Kabul einmarschieren!" Man müsse verhindern, dass das Machtvakuum der Nach-Taliban-Zeit von den Kriegsherren aus dem Norden gefüllt werde.

Den Führern der Nordallianz habe er das Versprechen abgehandelt, sich mit ihm zusammenzusetzen, ehe sie die afghanische Hauptstadt stürmen, behauptet Zahir Schah. Kabul sollte nach seiner Vorstellung "demilitarisiert", die Machtfrage "in einem politischen Prozess" gelöst werden, an dem alle Volksgruppen des Landes teilhaben. Es kam bekanntlich ganz anders. Unbeeindruckt von amerikanischem Druck und geheimer Zusagen an den Ex-Monarchen zogen die Nordallianz-Truppen in Kabul ein. Und der Westen und sein König sorgen sich nun, wie es weitergehen soll. "Hoffentlich", stöhnte Zahir Schah-Sohn Wais, "gibt es nun nicht weiteres Blutvergießen."

Strenge Sicherheitsvorkehrungen: Das Gästehaus der Bundesregierung in Bonn
AP

Strenge Sicherheitsvorkehrungen: Das Gästehaus der Bundesregierung in Bonn

Das zu verhindern ist, vor allem anderen, die Aufgabe der Uno-Afghanistan-Konferenz, die morgen in Bonn beginnt. Aber längst nicht alle Machtträger des bettelarmen Landes, das seit Jahrzehnten von Krieg und Bürgerkrieg heimgesucht wird, werden auf dem Bonner Petersberg präsent sein. Mancher Warlord der Nordallianz hat schon im Vorfeld klargemacht, dass er seine neue Macht freiwillig kaum wieder abgeben wird.

Auch Zahir Schah, der Hoffnungsträger des Westens, hat sein streng bewachtes Häuschen im Norden Roms, wo er seit 28 Jahren auf ein politisches Wunder in seiner Heimat wartet, nicht verlassen wollen. Vergeblich haben die Amerikaner und ihre Alliierten versucht, ihn zum Bonn-Trip zu überreden.

"Vier Pfeiler müssen Afghanistan tragen", trug US-Diplomat James Dobbins dem greisen Exilanten vor: Die Nordallianz, die "Zypern-Gruppe" - so werden die Exil-Afghanen, die dem Iran nahe stehen, genannt - die in der "Peschawar-Gruppe" vereinten Pakistan-freundlichen Paschtunen und schließlich seine Anhänger, die Königstreuen. So schnell wie möglich müsse "Seine Majestät" nun mit den anderen ein gemeinsames Konzept finden.

Die Königstreuen fordern Uno-Schutztruppen

Er dürfe sich nicht als Mitspieler einbringen, hielt Zahir Schah dagegen. Er müsse eine "persona super partes" sein, ein Vermittler, der von allen Seiten akzeptiert werde. Einige Getreue werde er schicken, aber er selbst bleibe dem Gefeilsche fern.

Flughafen Kabul: Die Delegation der Nord-Allianz vor dem Abflug nach Bonn
AFP

Flughafen Kabul: Die Delegation der Nord-Allianz vor dem Abflug nach Bonn

Dafür kommen seine Vertreter mit den größten Erwartungen nach Bonn. Binnen zwei, drei Tagen, so hofft der Königsclan, müsse auf dem Petersberg ein "Exekutivkomitee" installiert werden, das so lange die Führung des Landes übernehmen soll, bis über den Stammesrat "Loya Jirga" eine provisorische Regierung und ein Staatsoberhaupt für den Übergang gewählt werden können. Dabei steht ein zentraler Streitpunkt schon vorher fest: Die mögliche Stationierung einer internationalen Schutztruppe mit Uno-Mandat.

Nach Meinung der Königstreuen ist die Präsenz von amerikanischen oder Uno-Truppen eine unverzichtbare Voraussetzung für den friedlichen Aufbau eines afghanischen Staates. Andernfalls seien die Machtgelüste der Nordallianz nicht zu bremsen. "Was nach dem Abzug der Sowjets geschah, darf sich nicht wiederholen", warnt der Koordinator des Ex-Königs, Hamid Sidiq, in einem SPIEGEL-Interview.

Damals waren die Mudschahidin-Gruppen, kaum dass sie gemeinsam die sowjetischen Besatzer in die Flucht geschlagen hatten, übereinander hergefallen. Zehntausende von Toten waren die Folge, erst der Terror der Taliban-Koranschüler stoppte das Morden, Plündern und Vergewaltigen jener Horden.

"Dass diese Menschen mit Blut an den Händen Afghanistan aus purem Egoismus erneut zu einem Schauplatz für Gruppen-Kriege und Stammeskämpfe machen", so der Vertraute des Kabuler Ex-Königs, dürfe "die internationale Gemeinschaft nicht noch einmal zulassen."

Dagegen steht jedoch der Machtanspruch der Sieger von Kabul. Zwar hat Nordallianz-Außenminister Abdullah Abdullah versichert, dass alle ethnischen Gruppen "in fairer und gerechter Weise" an der Macht beteiligt werden sollen. Aber er hat gleich hinzugefügt: Wichtiger als ein breites Regierungsbündnis sei zunächst der Wiederaufbau des Landes. Fremde Truppen brauche man dabei nicht. Die Nordallianz könne "die Lage recht gut selbst kontrollieren".

Schon der Stationierung britischer Truppen auf dem Flughafen Bagram bei Kabul hat die Nordallianz vehement widersprochen. Und Englands Außenminister Straw versicherte sogleich, englische Soldaten blieben "nicht länger als unbedingt notwendig."



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