Afghanistan-Konferenz "Die Menschen sind zu oft enttäuscht worden"

Ziviler Wiederaufbau soll die Wende in Afghanistan bringen. Doch wer soll aufbauen? Und wie? Die Debatte wurde bislang kaum geführt, sagt die Orientalistin Almut Wieland-Karimi im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie empfiehlt den Alliierten, Exil-Afghanen für den Job anzuwerben.

Markt in Kabul: "Exil-Afghanen in den Aufbau der Zivilgesellschaft einbinden"
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Markt in Kabul: "Exil-Afghanen in den Aufbau der Zivilgesellschaft einbinden"


SPIEGEL ONLINE: Sie raten den Teilnehmern der Londoner Afghanistan-Konferenz, den Afghanen besser zuzuhören. Was meinen Sie damit?

Wieland-Karimi: Afghanistan verfügt ja über eine aktive Zivilgesellschaft. Auf deren Debatten müssen wir mehr hören. Vor allem in den großen Städten diskutieren Intellektuelle, Journalisten und Stammesvertreter lebhaft, wie das Land am besten regiert und organisiert werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vorschläge kursieren dabei?

Wieland-Karimi: Freie Wahlen wurden von den westlichen Mächten immer als wichtigste Errungenschaft dargestellt. Doch der letzte Wahlgang mit seinen Unregelmäßigkeiten und Betrugsvorwürfen hat viele frustriert. Nun ist sowohl aus Taliban-Kreisen als auch dem Umfeld von Staatspräsident Hamid Karzai der Vorschlag zu vernehmen, zudem eine Loya Jirga abzuhalten - eine traditionelle große Stammesversammlung. Diese ist gar in der afghanischen Verfassung vorgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich so eine Versammlung vorstellen?

Wieland-Karimi: Eine Loya Jirga bildete die Grundlage für den Staat Afghanistan im 18. Jahrhundert. Heute wäre sie wohl eine Mischform aus traditionellen und modernen Elementen. Teilnehmen würden insbesondere regionale Vertreter und Stammesfürsten. Sie könnten etwa debattieren, ob das derzeitige Präsidialsystem in einem traditionell eher dezentralisierten Staat wie Afghanistan funktionieren kann. Eine denkbare Alternative wäre, die Macht föderaler zu verteilen und Afghanen ihre regionalen Gouverneure selbst wählen zu lassen. Bislang darf der Präsident diese ernennen.

SPIEGEL ONLINE: Würde Präsident Karzai eine solche Idee denn unterstützen? Sie könnte seine Macht bedrohen.

Wieland-Karimi: Das kommt darauf an, wie sie präsentiert wird. Empfindet Karzai jede Debatte über eine neue Staatsordnung als eine Initiative der westlichen Mächte, ihn an den Rand zu drängen? Oder erscheint sie wie ein Vorschlag aus der afghanischen Zivilgesellschaft, dem er sich nicht so leicht verweigern kann?

SPIEGEL ONLINE: In den USA heißt es, die Amerikaner wollten wieder mit den Taliban reden. Wie soll das funktionieren?

Wieland-Karimi: Alle reden immer von "den Taliban", doch es handelt sich dabei um keine homogene Gruppe. Sicher, es gibt Taliban-Kämpfer, die eine ideologische Agenda verfolgen und Afghanistan zum Rückzugsort für Terrorgruppen wie al-Qaida machen wollen. Doch viele der derzeitigen Taliban-Kämpfer sind junge Männer unter 25 Jahren, die einfach keinen Job haben. Denen bieten die Taliban Geld, Arbeit und Ernährung, das macht sie so attraktiv. Diese Männer könnte man als "moderate Taliban" bezeichnen, sie haben keine ideologische Agenda. Diese könnten durchaus für Angebote der afghanischen Regierung und des Westens aufgeschlossen sein.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich beziffern, wie viele Taliban als "moderat" anzusehen sind?

Wieland-Karimi: Seriöse Schätzungen sind schwierig. Doch wir wissen, dass 70 Prozent der afghanischen Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind. Wir müssen die "hearts and minds" vor allem der jungen Männer erreichen. Sie brauchen Arbeit, das muss der Schwerpunkt unseres Dialogs sein. Wir sollten Fortschritte bei Projekten im Land nicht einfach daran messen, wie viele Tausend Kilometer Straßen wir gebaut haben oder wie viele Krankenhäuser - sondern eher, wie vielen dieser jungen Männer wir Arbeitsplätze vermittelt haben.

SPIEGEL ONLINE: Zu Beginn des Nato-Einsatzes in Afghanistan 2002 war der Enthusiasmus in der dortigen Zivilgesellschaft riesig. Ist der nicht längst verflogen?

Wieland-Karimi: Nicht unbedingt. Junge Afghanen sehnen sich noch immer nach Arbeit und Zukunftsperspektiven, genau wie ihre Altersgenossen in anderen Ländern. Es stimmt aber, dass der Enthusiasmus in der Zivilgesellschaft in den vergangenen acht Jahren stark abgenommen hat. Die Menschen sind einfach zu oft enttäuscht worden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Ihre Vorschläge in London mit auf der Tagesordnung stehen?

Wieland-Karimi: Es gibt sehr gute Überlegungen. Das Problem ist immer die Umsetzung. Die afghanische Zivilgesellschaft muss im Fokus stehen. Wenn ein Dorf militärisch befriedet ist, müssen also zivile Helfer dort Aufbauarbeit leisten. Die Frage ist: Welche Zivilisten können das erledigen?

SPIEGEL ONLINE: Könnte diese Aufgabe nicht auch das Militär übernehmen? Etwa Soldaten, die im Umgang mit den Einheimischen besonders geschult sind?

Wieland-Karimi: Das halte ich für keine gute Idee. Es muss eine Koordination von Militärs und zivilen Helfern geben - aber beide Seiten sollten sich auf das konzentrieren, was sie am besten können. Ein guter Vorschlag ist, die Exil-Afghanen stärker in die zivile Aufbauarbeit einzubinden. Amerika, wo rund eine halbe Million Exilanten aus Afghanistan leben, hat das bereits vorgemacht. Wenn ein ziviler Helfer die Landessprache beherrscht und mit kulturellen Eigenarten vertraut ist, ist dies ein Riesenvorteil. Auch in Deutschland leben etwa 100.000 Exil-Afghanen - wir sollten versuchen, diese Gruppe für zivile Aufbauhilfe zu gewinnen. Leider hat die deutsche Regierung dies bislang kaum versucht.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

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akolyth2 23.01.2010
1. Zusammenarbeit
Dies ist vollkommen undenkbar. Eine Erhöhung der Militärpräsenz und eine Ausweitung der militärischen Maßnahmen in Zahl, Intensität und Härte sind die einzigen angezeigten Mittel.
Panslawist 23.01.2010
2.
Zitat von sysopÜber die richtige Strategie des Westens in Afghanistan wird intensiv diskutiert. Dazu gehören auch die Möglichkeiten, wie man künftig mit dem Widerstand im Lande umgeht. Soll im Rahmen einer Gesamtstrategie auch mit den Taliban zusammengearbeitet werden?
Gestern Russlands Mahnung zur Bekämpfung der Finanzierung des Terrorismus und heute die Frage nach einer Zusammenarbeit mit den Taliban. Der geneigte Forist mag sich an meine Voraussage bezüglich des kommenden Konflikts zwischen der Nato auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite erinnern. Ein möglicher Konflikt zwischen Pakistan und Indien wird der beginn für den grossen Kriegt sein.
Peter Uhlemann 23.01.2010
3.
Zitat von sysopÜber die richtige Strategie des Westens in Afghanistan wird intensiv diskutiert. Dazu gehören auch die Möglichkeiten, wie man künftig mit dem Widerstand im Lande umgeht. Soll im Rahmen einer Gesamtstrategie auch mit den Taliban zusammengearbeitet werden?
Eindeutig ja. Um diesen unseligen Krieg endlich zu beenden und zu einer Lösung zu kommen, mit der alle leben können, müssen alle Kräfte in Afghanistan eingebunden werden, auch die "Taliban". Die "Taliban" zu vernichten wird nicht gelingen, nicht heute, nicht morgen, nicht in 100 Jahren.
natterngesicht 23.01.2010
4.
Zitat von sysopÜber die richtige Strategie des Westens in Afghanistan wird intensiv diskutiert. Dazu gehören auch die Möglichkeiten, wie man künftig mit dem Widerstand im Lande umgeht. Soll im Rahmen einer Gesamtstrategie auch mit den Taliban zusammengearbeitet werden?
Ja was denn sonst? Schließlich gibt es genug gemäßigte Taliban. Der Westen kann nichts von oben bestimmen, die einheimischen Politiker und Eliten sind zuständig. Und dazu gehören nun mal die Taliban (übersetzt heißt Taliban: Theologe, jemand der sich in Glaubensdingen anstrengt bzw bemüht. Quasi ein Theologiestudent. "Freedom & democracy" ist nur eine andere Theologie. Der Islam hat natürlich bessere Karten bei den Einheimischen.)
natterngesicht 23.01.2010
5.
Zitat von Peter UhlemannEindeutig ja. Um diesen unseligen Krieg endlich zu beenden und zu einer Lösung zu kommen, mit der alle leben können, müssen alle Kräfte in Afghanistan eingebunden werden, auch die "Taliban". Die "Taliban" zu vernichten wird nicht gelingen, nicht heute, nicht morgen, nicht in 100 Jahren.
Wer die Taliban vernichten will, der will die meisten Afghanen vernichten. Warum sollte das jemand wollen, außer vielleicht Bush, der wußte, wer oder was böse ist.
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