Afghanistan-Konferenz in Bonn Die Sprengkraft der Armut

Milliarden sind nach Afghanistan geflossen - aber eine stabile Zivilgesellschaft gibt es immer noch nicht. Wenn das Land nicht ein Opfer der Taliban werden soll, fordert der Chef von Save the Children, Thomas Heilmann, muss der Westen mehr in den Aufbau von unten investieren.

Mats Lignell/ Save the Children

Afghanistan ist ohne Hilfe von außen noch nicht überlebensfähig. Das liegt nicht nur daran, dass die Taliban auch in zehn Jahren militärisch nicht besiegt werden konnten. Vielmehr ist die Wurzel der Radikalität leider nicht beseitigt: Das Land ist bitterarm, hat ein unterentwickeltes Gesundheits- und Bildungssystem, und die ohnehin schwache Wirtschaftsleistung basiert nahezu ausschließlich auf der Nachfrage der ausländischen Truppen, Berater und Hilfsorganisationen.

52 Milliarden Euro sind seit 2001 nach Afghanistan geflossen. Wirtschaftlich bedeutend ist daneben nur der Drogenanbau, der vor allem Terrorgruppen finanziert. Es gibt EU-Projekte, Bauern zu motivieren, andere Nutzpflanzen anzubauen. Ihnen fehlt bislang allerdings breite Durchschlagskraft - insbesondere wegen Geldmangels.

Die Folgen des Abzugs werden dramatisch sein: 97 Prozent des offiziellen afghanischen Bruttoinlandsprodukts speisen sich aus internationaler Hilfe. Wenn diese Geldquelle versiegt, werden unzählige Jobs verschwinden. Jobs, die vor allen Dingen für junge ausgebildete Afghanen eine Lebensgrundlage bilden. 70 Prozent der 30 Millionen Afghanen sind unter 25 Jahren. Im vergangenen Jahr bewarben sich 140.000 Studenten um gerade einmal 18.000 Studienplätze. Diejenigen, die ein Studium abgeschlossen haben, stehen schon heute oft genug auf der Straße - in einem Land dessen Arbeitslosenquote bei 40 Prozent liegt. Alle diese Fakten hat Save the Children in dem Report "Afghanistan in Transition" für die Konferenz zusammengetragen. Wenn die internationalen Truppen 2014 abziehen, wird die Situation sich noch verschärfen.

Ökonomische Zeitbombe tickt

Diese tickende ökonomische Zeitbombe müssen die Delegierten bei der Afghanistan-Konferenz in Bonn dringend entschärfen. Wenn ihnen das nicht gelingt, drohen wichtige Fortschritte und wertvolle Erfolge zunichte gemacht zu werden:

  • Konnten 2001 gerade mal eine Million Kinder eine Grundschule besuchen, sind es heute mehr als sieben Millionen.
  • Jedes dritte Schulkind ist ein Mädchen. Dieser Fortschritt ist enorm, da zu Zeiten der Taliban Bildung für Mädchen und Frauen verboten war.
  • 85 Prozent der afghanischen Bevölkerung haben Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Auch das ist ein großer Erfolg, bedenkt man, dass 2001 gerade einmal neun Prozent der Afghanen überhaupt Zugang zu medizinischen Dienstleistungen besaßen.

Die bisherigen Erfolge reichen dennoch bei weitem nicht aus, um Afghanistan nachhaltig zu stabilisieren. Keines der acht Uno-Millenniums-Entwicklungsziele wird erreicht werden. Die Hälfte aller Kleinkinder unter fünf Jahren ist untergewichtig, mehr als 16 Prozent sogar schwer mangelernährt. Noch immer können fünf Millionen Kinder nicht zur Schule gehen, der Großteil von ihnen sind Mädchen. In den höheren Stufen (Klasse 10 bis 12) findet man nur vier Prozent Mädchen unter den Schülern.

Vor allem auf dem Land gibt es zu wenige weibliche Lehrkräfte. Das hält immer noch viele Eltern davon ab, ihre Töchter zur Schule zu schicken. Oft sind Schulen zu weit weg, um einen sicheren Schulweg zu garantieren. Die Folgen sind von Provinz zu Provinz unterschiedlich - beispielsweise können in Urusgan nur 0,3 Prozent der Frauen lesen und schreiben.

Bevölkerung braucht einen "Aufbauplan von unten"

Eine funktionierende Verwaltung, gute Lehrer, ausgebildete Ärzte wünscht sich die Mehrheit der Afghanen - längst keine Selbstverständlichkeit für viele, besonders in den abgelegenen Regionen des Landes. Dorthin ist in den vergangenen zehn Jahren kaum ein Euro geflossen.

Schwerpunkt der internationalen Hilfe waren nämlich bislang vor allem unruhige, militärisch umkämpfte Gebiete. Friedliche Provinzen wie Bamyan und Ghor erhielten wenig, obwohl gerade dort Hilfe dringend benötigt wird. So zeigen Erhebungen der Weltbank, dass die Armutsrate in unsicheren Provinzen wie Helmand und Kandahar bei etwa 30 Prozent liegt. In friedlichen, bitterarmen Provinzen wie Bamyan dagegen bei 58 Prozent.

In diesen dörflichen Strukturen liegen - gerade, wo sie völlig verarmt, aber noch friedlich sind - große Chancen. Wenn dort Perspektive und langsam steigender minimaler Wohlstand entstehen, dann könnte das die Basis für ein besseres Afghanistan bieten. Es genügt nicht, Afghanistan einfach Geld zu geben. Denn es fehlen afghanische Strukturen, in denen internationale Hilfszahlungen in Projekte für das ganze Land umgesetzt werden könnten.

Das werden ebenso wenig die Nachbarn, auch Pakistan nicht, leisten, selbst wenn sie ihren Boykott aufgeben und doch noch in Bonn erscheinen. Förderung der Bevölkerung, statt der militärischen Beseitigung der Taliban - das ist die einzige Chance nach dem geplanten Abzug der Nato. Dazu braucht es einen Aufbauplan von unten.

Save the Children setzt mit anderen Organisationen bereits seit Jahren auf diesen "Aufbau von unten". 98 Prozent der Helfer selbst sind Afghanen, Akzeptanz und Nachhaltigkeit der Projekte sind entsprechend hoch. Mangels Finanzierung gibt es diese Projekte auch von anderen Hilfsorganisationen nur in wenigen Gebieten. Hier muss der Aufbauplan ansetzen. Das wird die internationale Staatengemeinschaft organisieren müssen, also auch Deutschland.

Insofern dürfen wir uns noch lange nicht aus Afghanistan verabschieden.



insgesamt 16 Beiträge
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adam68161 04.12.2011
1. Es ist eine Tragödie,
dass man das erst nach 10 Jahren Afghanistan-Aufenthalt und unsäglichen Opfern feststellt.
erwakue 04.12.2011
2. Schade
Es ist schade das wir soviel Geld in dieses Land gesteckt haben. Das Volk hat davon nichts bekommen, die Mächtigen unter Karsai haben sich erst einmal ihre Taschen voll gemacht, dann Brosamen an das Volk gegeben und wir feiern dies als Erfolg. Nein, Herr Heilmann, nicht einen Cent mehr für Afgahnistan sollte man geben, solange nicht sicher gestellt ist, das er im Volk ankommt! Doch dafür können selbst sie nicht garantieren, sind die Truppen weg, dann kommen die Taliban wieder und werden das Volk regieren, wie schon nach den Russen!
faguo888 04.12.2011
3. Beiträge der Auslandsafghanen?
Es sind nicht nur Karsai und seine Freunde, die sich die Taschen gefüllt haben. Wo sind die Beiträge der Exilafghanen, beispielsweise aus D? Die haben doch seit einem Jahrzent ihre Häuser sehr profitabel an ausländische Organisationen vermietet. Wo bleibt da die Solidarität?
Marshmallowmann 04.12.2011
4.
Zitat von faguo888Es sind nicht nur Karsai und seine Freunde, die sich die Taschen gefüllt haben. Wo sind die Beiträge der Exilafghanen, beispielsweise aus D? Die haben doch seit einem Jahrzent ihre Häuser sehr profitabel an ausländische Organisationen vermietet. Wo bleibt da die Solidarität?
Solidarität wird ganz klein geschrieben wenns ums Geld geht.
drouhy 04.12.2011
5. Schon
Zitat von sysopMilliarden sind nach Afghanistan geflossen - aber eine stabile Zivilgesellschaft gibt es immer noch nicht. Wenn das Land nicht ein Opfer der Taliban werden soll, fordert der Chef von Save the Children, Thomas Heilmann, muss der Westen mehr in den Aufbau von unten investieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801367,00.html
der Ort der Veranstaltung ist eine Blamage. Man hält die Konferenz unter Teilnahme der Obermarionette nicht etwa im Lande ab, sondern im fernen D-Land. Die immer wieder auftauchende Behauptung, dass die Drogenmacht AFG den Terror finanziert, macht die Lüge nicht besser. Erst unter den Herrschaft der sogenannten zivilisierten Welt wurde AFG zum Drogenexportweltmeister unter Beteiligung derselben. http://de.wikipedia.org/wiki/Afghanistan http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,674762,00.html http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,657878,00.html Die Armut als Usprung religiösen Terros ist schon lange bekannt - nur solange man Gelder an einen korrupten Clan verschenkt und in immer neue Kriegsspielzeuge investiert wird sich daran nichts ändern. Dieser Einsatz ist bereits verloren. http://www.welt.de/politik/ausland/article8191168/Petraeus-uebernimmt-einen-fast-verlorenen-Krieg.html Raus da und das fix. Warten wer dann die Macht übernimmt und alles auf Anfang beim Aufbau.
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