Afghanistan-Konferenz in Genf Der Vierzigjährige Krieg

Die Taliban kontrollieren halb Afghanistan, eine Dürre zwingt Hunderttausende zur Flucht - und die Regierung in Kabul ist machtlos. Wie lässt sich in diesem Land Frieden schaffen?

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Die Wettervorhersage für Kabul ist gut: In den kommenden Tagen erwarten die Meteorologen tagsüber durchgehend Temperaturen über 10 Grad Celsius. Politisch bleibt es frostig, die Lage am Hindukusch wird immer schlechter.

Am Dienstag wurden drei US-Soldaten der Nato-Mission "Resolute Support" in der umkämpften Provinz Ghazni bei einem Bombenanschlag getötet. Die radikalislamischen Taliban bekannten sich zu der Attacke in der Nähe der gleichnamigen Provinzhauptstadt.

Die Zahl der getöteten US-Soldaten steigt damit offiziellen Angaben zufolge in diesem Jahr auf zwölf. Insgesamt wurden seit Beginn der US-Invasion im Jahr 2001 mehr als 2200 amerikanische Männer und Frauen in Uniform getötet - von den Taliban, aber auch anderen radikalen Gruppen wie der Terrormiliz "Islamischer Staat".

Noch dramatischer sind die Zahlen bei den afghanischen Streitkräften, die 2015 die Verantwortung für die Sicherheit im Land von den Nato-Truppen übernommen haben. Staatschef Aschraf Ghani erklärte unlängst, seither seien 28.529 afghanische Soldaten und Polizisten getötet worden - rund 25 Menschen pro Tag.

Zum Vergleich: Die Sowjetunion verlor während ihrer militärischen Präsenz in Afghanistan zwischen 1979 und 1989 knapp 15.000 Soldaten. Die Intervention der Roten Armee erfolgte 1978 nach einem Staatsstreich, der einen Aufstand zur Folge hatte.

Auszählung der Parlamentswahlergebnisse dauert an

Seither - seit 40 Jahren - kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Auch 2019 dürfte das nicht anders werden. Die Taliban kontrollieren mittlerweile rund die Hälfte der 34 afghanischen Provinzen - so viele wie nie seit ihrem Sturz.

Ein weiteres Ziel der Gruppe, die von 1996 bis 2001 brutal herrschte, dürfte die Torpedierung der anstehenden Präsidentschaftswahlen am 20. April sein. Bereits die Parlamentswahlen vor wenigen Wochen waren ein Desaster:

  • Die Taliban verübten im Vorfeld zahlreiche Anschläge und töteten unter anderem Abdul Rasik Atschiksai, Polizeichef der Unruheprovinz Kandahar und einer ihrer größten Gegner.
  • Die Wahl verlief chaotisch. Nur ein Drittel der zwölf Millionen Wahlberechtigten konnte überhaupt ihre Stimme abgeben.
  • In der Provinz Ghazni fand das Votum aufgrund von Streitigkeiten zwischen ethnischen Gruppen gar nicht erst statt.
  • Bis heute hat die unabhängige Wahlkommission nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters in nur zehn Provinzen ein vorläufiges Ergebnis verkünden können.

Zudem herrscht eine Dürre in Teilen des Landes, rund 3,5 Millionen Afghanen sind nach Uno-Angaben von der schlimmsten Hungerkatastrophe seit Jahrzehnten bedroht. Über 200.000 Menschen sollen in diesem Jahr bereits aus Hunger geflohen sein, weitere 300.000 Männer, Frauen und Kinder aufgrund der Gefechte in ihren Heimatprovinzen. Trotzdem fordern die Landesinnenminister von CDU und CSU nach SPIEGEL-Informationen mehr Abschiebungen aus Deutschland nach Afghanistan.

USA sprechen direkt mit den Taliban - in Katar

Die Hoffnung liegt in den kommenden Monaten auf Zalmay Khalilzad, seit September Sonderbeauftragter für Afghanistan von US-Präsident Donald Trump. Er verhandelte unlängst in Katar direkt mit Taliban-Vertretern über den Beginn möglicher Friedensverhandlungen. Ergebnis: offen.

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Afghanistan: Terror und Tote

Deutschlands Außenminister Heiko Maas betonte am Mittwoch auf der internationalen Afghanistan-Konferenz der Uno in Genf die Bedeutung von direkten Verhandlungen zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban. Das Ziel müsse eine "Vereinbarung zwischen allen politischen Akteuren" sein, "besonders zwischen der Regierung und den Taliban".

Dies sei der "einzige realistische Weg, um die Gewalt zu beenden, dem Terrorismus von al-Qaida und dem 'Islamischen Staat' zu begegnen und die Menschenrechte der afghanischen Bürger, vor allem der Frauen und Kinder, zu schützen", so Maas.

Afghanischer Präsident hat Verhandlungsteam ernannt

Afghanistans Präsident Ghani erklärte ebenfalls in Genf, er habe ein zwölfköpfiges Verhandlungsteam zusammengestellt, um die Friedensgespräche aufzunehmen. Ziel sei es, die Taliban in eine "demokratische und offene Gesellschaft zu integrieren".

Allein: Die Taliban lehnen bislang direkte Kontakte mit der gewählten Regierung ab. Die religiösen Extremisten halten die demokratische Führung in Kabul für illegitim und vom Westen installiert. Ob sich ihre Einstellung ändert, scheint fraglich - zumal unter den zwölf Personen, die Ghani mit den anvisierten Verhandlungen betraut hat, zur Zeit auch noch Frauen sind. Für die Taliban ein No-Go. Sie verübten am Mittwochabend einen weiteren Anschlag in der Hauptstadt.

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anchises 28.11.2018
1. illegitim und vom Westen istalliert
Ja was denn sonst? Ohne den "Westen" wäre Afghanistan doch längst Talibanland und vielleicht wäre das auch gut so. Oder vielleicht auch nicht. Ohne den Westen jedenfalls wären Taliban und IS nicht das was sie heute sind. Die Geister die ich rief...
F.A.Leyendecker 28.11.2018
2.
Völkerrechtlich sind die Länder der "Koalition der Willigen" dafür zuständig, geordnete Verhältnisse in dem von ihnen unterworfenen Land herbeizuführen. Das zählt zu den Kosten eines jeden Krieges, auch und gerade wenn man ihn gewinnt.
MyMoon 28.11.2018
3. Verloren
Die westlich geführten Besatzer der Nato haben gegen die Taliban genauso verloren wie vorher die UdSSR gegen die Mudschahedin und vorher die Engländer. Westliche Staaten glauben wie während der Kolonialzeit das sie anderen Staaten zivilisatorischen überlegen sind und deshalb das Recht haben ihnen ihre westliche Lebensweise auch gewaltsam überstülpen können. Und wie während der Kolonialzeit haben die muslimischen Völker auch in Afghanistan nie aufgehört Widerstand gegen Besatzung zu leisten. Auch wenn es Jahrzehnte oder Jahrhundert dauert. Irgendwann geht jeder Besatzer wenn die Kosten an Leben und Geld höher sind als die Gewinne aus der Ausbeutung der Rohstoffe oder strategische Lage. Wie die UdSSR wird sich auch die Nato irgendwann auflösen, mit Trump fängt dieser Prozess langsam an.
iron mace 28.11.2018
4. Mit Terroristen verhandelt man nicht
H. Schmidt wusste das noch, H. Maas leider nicht. Würde die Internationale nicht nur zögern und zaudern hätte man 2003/4 dem ganzen den Todesstoß verpassen können. So schaut man seit Jahren zu wie sich die Terroristen Stück für Stück wieder zurück bomben zu dem Zustand der dann 2001 in den Anschlägen endete. Hier trägt auch die SPD eine erhebliche Mitschuld durch ihren Schlingerkurs und dem Motto: "wasch mich aber mach mich nicht nass ". Auch wenn es brutal klingt, nur der Krieg bis zur letzten Konseqenz führt zum Sieg. Siehe Deutschland im Mai 45. Um die Nazis zu vernichten war das leider Notwendig. Um einen letzten großen Krieg kommt Afganistan leider nicht rum. So st gibt es wieder die Terrorherrschaft der Taliban.
r_b 28.11.2018
5. Wie im Irak
Man ist einmarschiert, ohne Plan, was daraus werden sollte. Die USA, haben es direkt nach dem Einmarsch versäumt, ehem Offiziere der irakischen Armee einzubinden. In Afghanistan, hätten die westl. Truppen mindestens 40 Jahre bleiben müssen. Deutschland müsste ca 40.000 Soldatinnen und Soldaten hinschicken. Ähnlich viel, wie die USA in der Hochphase. Allerdings mit Kampfpanzern, Kampfhubschraubern wie den Apache und nicht wie der UHT.....Mit einer Art Marschplan.
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