Afghanistan-Konferenz Übergangsverwaltung soll im Frühjahr stehen

Es war ein hoffnungsvoller Auftakt der Petersberger Konferenz. Auf dem Hügel oberhalb Bonns einigten sich die afghanischen Abgesandten überraschend schnell auf einen Zeitplan für die Einsetzung einer Übergangsregierung für das kriegsgeschundene Land. Rasch sollen die Details vorliegen.

Von Holger Kulick


Runder Tisch mit leichten Ecken: Der Verhandlungssaal auf dem Petersberg
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Runder Tisch mit leichten Ecken: Der Verhandlungssaal auf dem Petersberg

Königswinter - Die Uno sprach sogar von einem "erfolgreichen" Start und schätzte die Dauer der Konferenz auf nur noch drei bis fünf Tage. Dies hätte sich aus den ersten gemeinsamen Gesprächen ergeben, teilte Uno-Sprecher Ahmad Fawzi mit. "Wir dürsten nach Frieden" habe einer der Teilnehmer erklärt, so der Uno-Sprecher.

In überraschend ähnlichen Statements hoben die Verhandlungsführer aller vier angereisten Gruppen vier Punkte hervor:

In Anlehnung an einen Uno-Plan vereinbarten die vier Delegationen, zunächst eine Übergangsverwaltung zu etablieren. Diese soll eine Große Versammlung, die so genannte Loja Dschirga einberufen - möglicherweise noch vor dem afghanischen Neujahrsfest am 21. März nächsten Jahres. Dieser Rat der Stammesältesten soll dann für eine Dauer bis zwei Jahren eine Übergangsregierung einsetzen. Deren Aufgabe soll es unter anderem sein, eine zweite Loja Dschirga einzuberufen, die dann eine Verfassung mit allgemeinen Wahlen verabschieden soll. "Demokratie ist ein sehr wichtiger Bestandteil für die Zukunft Afghanistans", sagte Fawzi.

Ebenso liegt die nationale Einheit des Landes allen am Herzen, auch die Gleichberechtigung der Frauen und die Einhaltung der Menschenrechte. Alle Fraktionen, so berichteten Teilnehmer, wären sehr selbstkritisch mit Blick auf eigene Fehler in der Vergangenheit aufgetreten.

Nur zögerlich hatten die Delegierten zu Beginn der Konferenz Platz genommen, viele mit verunsicherten Blicken. Sie mussten zuvor strenge Sicherheitsvorkehrungen durchlaufen, damit keine Waffe in den Konferenzsaal auf dem Petersberg gelangt. 36 Plätze für die Repräsentanten und die Uno-Beauftragten fasst der runde Tisch im Kuppelsaal des ehrwürdigen Gästehauses, an dem sich nach und nach vorsichtiger Optimismus breit machte.

Nur wenige Gesandte aus Afghanistan kamen in ihrer heimischen Tracht. Die Mehrzahl unterwarf sich der westlichen Anzug-Krawatten-Norm, die meisten von ihnen sind allerdings auch afghanische Exilanten. Seit 11 Uhr verhandelten die 28 Delegierten unter strengster Abschirmung. Nur die Eröffnungsstunde durften Journalisten per Video-Übertragung verfolgen.

Kein Wort über den König und die Taliban

Die Delegation der Nordallianz: Gestern bei ihrem Start in Kabul mit einer Sondermaschine der British Air Force
AFP

Die Delegation der Nordallianz: Gestern bei ihrem Start in Kabul mit einer Sondermaschine der British Air Force

Kein Delegierter sprach mehr über die Zukunft der Taliban. Zu diesem Thema fiel nur der Satz, dass für "Steinzeitdenken" kein Platz mehr sei. Über zwei Kernpunkte des Uno-Plans fiel zunächst gar kein Wort:

Kein Abgesandter erwähnte auch den Wunsch nach einer multinationalen Sicherheitstruppe. Und in keinem der vier öffentlichen Wortbeiträge aus den afghanischen Delegationen fiel der Name des ehemaligen Königs Zahir Schah. Er war bislang als ein möglicher Übergangsherrscher im Gespräch. Am Rande war zu hören, dass in der zweiten, geschlossenen Sitzung drei der verhandelnden Gruppen Wert auf eine Uno-geprägte Sicherheitstruppe in Afghanistan legten, die Nordallianz hätte dies aber nicht kommentiert.

Dagegen stimmte die Eröffnungsrede des Wortführers der Nordallianz optimistisch. Als einziger sprach Innenminister Jonis Kanuni vollkommen frei und betonte, dass seine Allianz, das gegenwärtig mächtigste politische Bündnis in Afghanistan, zur Teilung der Macht bereit sei, um eine multiethnische Übergangsregierung einzurichten. "Unsere Botschaft ist Frieden, unsere Botschaft ist nationale Einheit", sagte er. Auch die Nordallianz habe aus der Vergangenheit gelernt. "Es ist keine Ehre für uns, weiter zu kämpfen und Macht zu monopolisieren."

Eindringlicher Appell zur Kompromissbereitschaft

Die Macher von Bonn: Außenminister Joschka Fischer neben dem Uno-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi
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Die Macher von Bonn: Außenminister Joschka Fischer neben dem Uno-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi

Zur Begrüßung hatte Bundesaußenminister Joschka Fischer eindringlich "die Kraft zum Kompromiss" beschworen, um diesen historischen "ersten substanziellen Schritt" für den Aufbau einer afghanischen Zivilgesellschaft zu vollbringen. Dazu gehöre für ihn die Einigung auf verbindliche Regeln für einen politischen Neuanfang und die Achtung der Menschenrechte, erklärte Fischer. An vorderster Stelle gelte es, den Frauen ihre Rechte und ihre Würde zurückzugeben, forderte Fischer. Dies war auch ein Seitenhieb auf die auf dem Bonner Petersberg tagende Männergesellschaft: Zum Zorn vieler Frauenorganisationen sind nur drei afghanische Delegierte weiblich.

Möglichst schnell müssten die Sicherheitsprobleme des Landes gelöst werden, auch um die humanitäre Hilfe zu gewährleisten, sagte Fischer und erklärte noch einmal die Bereitschaft Deutschlands und der EU, für weitere Hilfestellungen zur Verfügung zu stehen. Die Europäer würden sich "in erheblichem Umfang und langfristig" am wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau Afghanistans beteiligen, versicherte der deutsche Minister.

Besonders Frauen deutsche Hilfe versprochen

Die Bundesrepublik stelle 160 Millionen Mark zur Verfügung und wolle sich auf die Wiederherstellung von Bildungseinrichtungen, der Verwaltungsstruktur und die Einbeziehung von Frauen und Mädchen in den Aufbau der Zivilgesellschaft konzentrieren, versprach Fischer und kündigte als einen ersten Schritt die Wiedereinrichtung der traditionsreichen Amani-Oberrealschule in Kabul an, an der von 1924 bis in die achtziger Jahre deutsche Lehrer unterrichteten.

Für den 5. Dezember kündigte er eine Sitzung der "Afghanistan Support Group" in Berlin an, "um weitere humanitäre Hilfsmaßnahmen zu beschließen". Dies wird auch als leiser Druck auf die Unterhändler gedeutet: Nur im Fall der Einigung ist weitere Hilfe gewiss. Uno-Sprecher Fawzi wurde am Rande noch deutlicher: Viele Geldgeber für Afghanistans Wiederaufbau würden ihre Hilfsbereitschaft explizit von den Ergebnissen der Bonner Verhandlungen abhängig machen.

Uno-Lob für Fischer

Die Journalisten sind von der Konferenz ausgesperrt - nur die Eröffnung wurde übertragen
AP

Die Journalisten sind von der Konferenz ausgesperrt - nur die Eröffnung wurde übertragen

"Deutschland hat seine Aufgaben überaus erfolgreich erfüllt", bedankte sich Verhandlungsleiter Lakhdar Brahimi am Ende der "historischen" ersten Stunde und appellierte an die Delegierten, nun "ihr Bestes im Sinne des afghanischen Volkes zu tun".

Die Uno werde Hilfestellungen leisten, aber keinesfalls Lösungen aufdrängen, betonte Brahimi, auch Afghanistans Nachbarstaaten sollten sich nicht einmischen. Dazu verlas er ein Grußwort seines Dienstherrn, des Uno-Generalsekretärs Kofi Annan, der die Verhandler zu Mut und Führungskraft aufforderte, um dazu beizutragen, dass unter der Herrschaft des Rechts der afghanische "Traum" wahr werden könnte, 23 Jahre Krieg und Unrecht hinter sich zu lassen. Die Fehler dürften aller Beteiligten aus dem Jahr 1992 dürften sich nicht wiederholen, forderte Annan: "Für viele Skeptiker mag es den Anschein haben, als würden Sie gerade das tun. Sie müssen beweisen, dass diese Skeptiker Unrecht haben und zeigen, dass Sie sich für den Weg des Kompromisses anstatt des Konflikts entscheiden können".

Wie lange in Bonn getagt werden soll, macht ein Transparent der Uno über den Köpfen der Delegierten deutlich: "UN-Talks on Afghanistan" steht dort geschrieben, "November 2001". Dass die Konferenz weit in den Dezember dauern könnte, davon ist seit heute keine Rede mehr.



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