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13. Juli 2009, 17:21 Uhr

Afghanistan-Krieg

Todesnachrichten stärken britische Heimatfront

Von , London

Eine blutige Anschlagsserie auf britische Soldaten in Afghanistan setzt die Regierung Brown unter Druck: Der Premier muss sich für mangelnde Ausrüstung der Soldaten rechtfertigen. In der Öffentlichkeit wächst die Solidarität mit der Truppe - aber der Krieg ist dennoch unpopulär.

Es sind Milchbubi-Gesichter wie das von William Aldridge, die Briten am Sinn des Afghanistan-Kriegs zweifeln lassen. Aldridge war kaum 18 Jahre alt - der jüngste der acht britischen Soldaten, die am vergangenen Donnerstag und Freitag innerhalb von 24 Stunden im Einsatz getötet wurden.

Seither tobt eine heftige Debatte in der Öffentlichkeit über diesen "blutigsten Tag". Die oppositionellen Konservativen und Liberaldemokraten sprechen von einem "Skandal" und machen die mangelnde Ausrüstung der Truppe verantwortlich. Zeitungskolumnisten fordern den Abzug der Soldaten. Und Kriegsgegner ziehen schon wieder mit Transparenten vor das Parlament - wie einst auf dem Höhepunkt des Irak-Kriegs.

Dabei haben die neuesten Hiobsbotschaften aus der Provinz Helmand die Entschlossenheit der britischen Bevölkerung offensichtlich eher gestärkt. 46 Prozent befürworten nun den Einsatz, deutlich mehr als noch vor drei Jahren, fand eine neue ICM-Umfrage im Auftrag des "Guardian" und der BBC heraus. 2006 waren es nur 31 Prozent.

Was auf den ersten Blick überraschend wirkt, lässt sich schnell erklären. "Die Unterstützung der kämpfenden Jungs steigt traditionell, wenn sie in Schwierigkeiten sind", sagt Martin Boon vom Meinungsforschungsinstitut ICM. Der Anstieg sei daher als Solidaritätsgeste nach den Ereignissen in der vergangenen Woche zu verstehen.

Doch heißt das nicht, dass der Afghanistan-Einsatz auf der Insel populär wäre. Im Gegenteil: 47 Prozent sind laut derselben Umfrage gegen den Einsatz, und eine Mehrheit ist dafür, die Truppen bis Ende des Jahres abzuziehen. "Sie sollten alle nach Hause kommen", sagte eine Soldatenfrau bei einer Militärparade zum Empfang von Afghanistan-Heimkehrern in Portsmouth am Montag. "Zu viele Verluste".

Die Zahl der getöteten britischen Soldaten in Afghanistan liegt inzwischen bei 184 - fünf mehr als im Irak-Krieg. Der vor acht Jahren begonnene Krieg wirkt zunehmend aussichtslos, trotz stetiger Truppenaufstockung auf fast 9000 Soldaten scheint man dem Ziel eines befriedeten Afghanistan nicht näher gekommen. Das stellt die Geduld vieler Familien und auch unabhängiger Beobachter an der Heimatfront auf eine harte Probe. "Genug", wetterte "Guardian"-Kolumnist Peter Preston. "Diese sinnlose Narretei in Afghanistan muss ein Ende haben".

"Jetzt nicht die Nerven verlieren"

In der öffentlichen Debatte sind die Kriegsgegner noch in der Minderheit. Die meisten Kommentatoren und Politiker unterstützen den Einsatz und fordern mehr Geld für die Truppen. "Wir schulden es ihnen, dass wir jetzt nicht die Nerven verlieren", schrieb ein "Times"-Kommentator. Die Opposition wirft der Regierung vor, an der Ausrüstung der Truppen zu sparen und keine Strategie zu haben.

Der frühere Sonderbeauftragte für Bosnien, der Liberaldemokrat Paddy Ashdown, schimpfte in der BBC, der Afghanistan-Einsatz sei von Anfang zu klein dimensioniert gewesen. In Bosnien habe man pro Kopf der Bevölkerung 25 mal mehr Truppen gehabt als in Afghanistan.

Die Kritiker konzentrieren sich auf eine lang bemängelte Schwachstelle der britischen Logistik in Afghanistan: Es gebe zu wenig Hubschrauber, die Soldaten seien deswegen zu viel am Boden unterwegs und es würden immer wieder Soldaten von Bomben am Straßenrand getötet, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der Konservativen, Liam Fox. Auch werden besser gepanzerte Fahrzeuge gefordert - die bisher benutzten Modelle sind zu häufig zur Todesfalle geworden.

Die Regierung weist die Vorwürfe zurück. Es gebe nur deshalb mehr Opfer, weil man die Taliban verstärkt angreife, argumentieren die zuständigen Minister. Mehr Hubschrauber allein seien nicht die Antwort, sagte Außenminister David Miliband. "Die große Gefahr für unsere Truppen ist auf dem Boden." Seit einigen Wochen läuft die "Operation Pantherkralle", mit der die Taliban in der Provinz Helmand zurückgedrängt werden sollen. "Das ist eine offensive Operation, die können wir nicht ohne Risiken durchführen, nicht nur von Hubschraubern aus oder aus schwer gepanzerten Fahrzeugen", ergänzte Verteidigungsminister Bob Ainsworth.

"Maximalen Druck" auf die Nato-Partner

Tatsächlich hätten neue Hubschrauber an den Anschlägen vergangene Wochen nichts geändert. Die getöteten Soldaten waren auf Patrouille unterwegs. Das lässt sich nicht aus der Luft erledigen.

Die Labour-Regierung steckt in der Zwickmühle: Sie weiß, dass der Krieg unpopulär ist, und will das eigene Engagement nicht unbedingt ausweiten. Die Forderung der eigenen Generäle nach 2000 zusätzlichen Soldaten war im März daher abgelehnt worden. Angesichts des riesigen Haushaltsdefizits hat Finanzminister Alistair Darling obendrein keine Lust, das Verteidigungsbudget zu erhöhen.

Auf der anderen Seite kann Labour es sich nicht leisten, beim Thema Verteidigung als weich zu erscheinen oder gar die eigenen Soldaten im Stich zu lassen. Daher beteuern nun Premierminister Gordon Brown und Finanzminister Darling, dass die Truppen alles bekämen, was sie brauchten.

Die Konservativen wollen die Gelegenheit nutzen, sich als die besseren Verteidigungspolitiker darzustellen. Mehr Hubschrauber sofort, lautet die Forderung, mit der Oppositionsführer David Cameron den Premier treiben will. Doch auch die Tories machen keinerlei Versprechen, die Militärausgaben zu erhöhen - sie wissen, dass eine Cameron-Regierung den gleichen Sparzwängen unterläge.

Stattdessen zeigen sie mit dem Finger auf Europa. Wenn man sich mal die Hubschrauberbestände in Europa anschaue, finde man mehr als genug, tönte Cameron. Man müsse "maximalen Druck" auf die Nato-Partner ausüben, damit diese Hubschrauber nach Afghanistan geschickt würden.

Die Brown-Regierung verweist darauf, dass in den vergangenen drei Jahren die Zahl der britischen Hubschrauber bereits verdoppelt wurde. Das jedoch klingt nur so lange gut, wie man die absoluten Zahlen nicht kennt: Sie wurden von zehn auf 20 verdoppelt. Selbst wenn demnächst als weitere Verstärkung acht bis 16 Transporthubschrauber der Modelle Merlin und Chinook eintreffen, ist der Vergleich mit der Luftmacht der USA beschämend: Die GIs haben 120 Hubschrauber.

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