Afghanistan-Krieg Todesnachrichten stärken britische Heimatfront

Eine blutige Anschlagsserie auf britische Soldaten in Afghanistan setzt die Regierung Brown unter Druck: Der Premier muss sich für mangelnde Ausrüstung der Soldaten rechtfertigen. In der Öffentlichkeit wächst die Solidarität mit der Truppe - aber der Krieg ist dennoch unpopulär.


Es sind Milchbubi-Gesichter wie das von William Aldridge, die Briten am Sinn des Afghanistan-Kriegs zweifeln lassen. Aldridge war kaum 18 Jahre alt - der jüngste der acht britischen Soldaten, die am vergangenen Donnerstag und Freitag innerhalb von 24 Stunden im Einsatz getötet wurden.

Sarg mit einem britischen Soldaten, der in Afghanistan gefallen ist, auf dem RAF-Flughafen von Lyneham: "Der blutigste Tag"
AFP

Sarg mit einem britischen Soldaten, der in Afghanistan gefallen ist, auf dem RAF-Flughafen von Lyneham: "Der blutigste Tag"

Seither tobt eine heftige Debatte in der Öffentlichkeit über diesen "blutigsten Tag". Die oppositionellen Konservativen und Liberaldemokraten sprechen von einem "Skandal" und machen die mangelnde Ausrüstung der Truppe verantwortlich. Zeitungskolumnisten fordern den Abzug der Soldaten. Und Kriegsgegner ziehen schon wieder mit Transparenten vor das Parlament - wie einst auf dem Höhepunkt des Irak-Kriegs.

Dabei haben die neuesten Hiobsbotschaften aus der Provinz Helmand die Entschlossenheit der britischen Bevölkerung offensichtlich eher gestärkt. 46 Prozent befürworten nun den Einsatz, deutlich mehr als noch vor drei Jahren, fand eine neue ICM-Umfrage im Auftrag des "Guardian" und der BBC heraus. 2006 waren es nur 31 Prozent.

Was auf den ersten Blick überraschend wirkt, lässt sich schnell erklären. "Die Unterstützung der kämpfenden Jungs steigt traditionell, wenn sie in Schwierigkeiten sind", sagt Martin Boon vom Meinungsforschungsinstitut ICM. Der Anstieg sei daher als Solidaritätsgeste nach den Ereignissen in der vergangenen Woche zu verstehen.

Doch heißt das nicht, dass der Afghanistan-Einsatz auf der Insel populär wäre. Im Gegenteil: 47 Prozent sind laut derselben Umfrage gegen den Einsatz, und eine Mehrheit ist dafür, die Truppen bis Ende des Jahres abzuziehen. "Sie sollten alle nach Hause kommen", sagte eine Soldatenfrau bei einer Militärparade zum Empfang von Afghanistan-Heimkehrern in Portsmouth am Montag. "Zu viele Verluste".

Die Zahl der getöteten britischen Soldaten in Afghanistan liegt inzwischen bei 184 - fünf mehr als im Irak-Krieg. Der vor acht Jahren begonnene Krieg wirkt zunehmend aussichtslos, trotz stetiger Truppenaufstockung auf fast 9000 Soldaten scheint man dem Ziel eines befriedeten Afghanistan nicht näher gekommen. Das stellt die Geduld vieler Familien und auch unabhängiger Beobachter an der Heimatfront auf eine harte Probe. "Genug", wetterte "Guardian"-Kolumnist Peter Preston. "Diese sinnlose Narretei in Afghanistan muss ein Ende haben".

"Jetzt nicht die Nerven verlieren"

In der öffentlichen Debatte sind die Kriegsgegner noch in der Minderheit. Die meisten Kommentatoren und Politiker unterstützen den Einsatz und fordern mehr Geld für die Truppen. "Wir schulden es ihnen, dass wir jetzt nicht die Nerven verlieren", schrieb ein "Times"-Kommentator. Die Opposition wirft der Regierung vor, an der Ausrüstung der Truppen zu sparen und keine Strategie zu haben.

Der frühere Sonderbeauftragte für Bosnien, der Liberaldemokrat Paddy Ashdown, schimpfte in der BBC, der Afghanistan-Einsatz sei von Anfang zu klein dimensioniert gewesen. In Bosnien habe man pro Kopf der Bevölkerung 25 mal mehr Truppen gehabt als in Afghanistan.

Die Kritiker konzentrieren sich auf eine lang bemängelte Schwachstelle der britischen Logistik in Afghanistan: Es gebe zu wenig Hubschrauber, die Soldaten seien deswegen zu viel am Boden unterwegs und es würden immer wieder Soldaten von Bomben am Straßenrand getötet, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der Konservativen, Liam Fox. Auch werden besser gepanzerte Fahrzeuge gefordert - die bisher benutzten Modelle sind zu häufig zur Todesfalle geworden.

Die Regierung weist die Vorwürfe zurück. Es gebe nur deshalb mehr Opfer, weil man die Taliban verstärkt angreife, argumentieren die zuständigen Minister. Mehr Hubschrauber allein seien nicht die Antwort, sagte Außenminister David Miliband. "Die große Gefahr für unsere Truppen ist auf dem Boden." Seit einigen Wochen läuft die "Operation Pantherkralle", mit der die Taliban in der Provinz Helmand zurückgedrängt werden sollen. "Das ist eine offensive Operation, die können wir nicht ohne Risiken durchführen, nicht nur von Hubschraubern aus oder aus schwer gepanzerten Fahrzeugen", ergänzte Verteidigungsminister Bob Ainsworth.

"Maximalen Druck" auf die Nato-Partner

Tatsächlich hätten neue Hubschrauber an den Anschlägen vergangene Wochen nichts geändert. Die getöteten Soldaten waren auf Patrouille unterwegs. Das lässt sich nicht aus der Luft erledigen.

Die Labour-Regierung steckt in der Zwickmühle: Sie weiß, dass der Krieg unpopulär ist, und will das eigene Engagement nicht unbedingt ausweiten. Die Forderung der eigenen Generäle nach 2000 zusätzlichen Soldaten war im März daher abgelehnt worden. Angesichts des riesigen Haushaltsdefizits hat Finanzminister Alistair Darling obendrein keine Lust, das Verteidigungsbudget zu erhöhen.

Auf der anderen Seite kann Labour es sich nicht leisten, beim Thema Verteidigung als weich zu erscheinen oder gar die eigenen Soldaten im Stich zu lassen. Daher beteuern nun Premierminister Gordon Brown und Finanzminister Darling, dass die Truppen alles bekämen, was sie brauchten.

Die Konservativen wollen die Gelegenheit nutzen, sich als die besseren Verteidigungspolitiker darzustellen. Mehr Hubschrauber sofort, lautet die Forderung, mit der Oppositionsführer David Cameron den Premier treiben will. Doch auch die Tories machen keinerlei Versprechen, die Militärausgaben zu erhöhen - sie wissen, dass eine Cameron-Regierung den gleichen Sparzwängen unterläge.

Stattdessen zeigen sie mit dem Finger auf Europa. Wenn man sich mal die Hubschrauberbestände in Europa anschaue, finde man mehr als genug, tönte Cameron. Man müsse "maximalen Druck" auf die Nato-Partner ausüben, damit diese Hubschrauber nach Afghanistan geschickt würden.

Die Brown-Regierung verweist darauf, dass in den vergangenen drei Jahren die Zahl der britischen Hubschrauber bereits verdoppelt wurde. Das jedoch klingt nur so lange gut, wie man die absoluten Zahlen nicht kennt: Sie wurden von zehn auf 20 verdoppelt. Selbst wenn demnächst als weitere Verstärkung acht bis 16 Transporthubschrauber der Modelle Merlin und Chinook eintreffen, ist der Vergleich mit der Luftmacht der USA beschämend: Die GIs haben 120 Hubschrauber.

Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
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Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
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Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
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Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
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Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
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Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.

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