Afghanistan Mediziner eines deutschen Hilfsprojekts verschwunden

Auf dem Weg nach Kunduz in Nordafghanistan ist ein leitender Mediziner der deutschen Organisation "Kinderberg" verschwunden - vermutlich wurde er entführt. Bisher hat sich noch niemand mit Forderungen gemeldet.

Von und Alexander Szandar


Berlin – Seit zwei Tagen fehlt von dem Mediziner Abdul Rab und seinem Fahrer jede Spur. Bisher sprechen die deutsche Hilfsorganisation "Kinderberg", für die der afghanische Arzt Rab tätig war, und die Behörden noch nicht von einer Entführung. Gleichwohl liegt der Verdacht einer gewaltsamen Verschleppung nahe. "Kinderberg" bestätigte den Vorfall nach einer Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Der medizinische Direktor des deutschen Hilfsprojekts "Kinderberg" in Afghanistan war demnach am vergangenen Dienstag mit seinem roten Toyota Jeep, gesteuert von einem lokalen Fahrer, von Kabul unterwegs nach Kunduz im Norden Afghanistans. Dort betreibt "Kinderberg" mehrere Projekte, und auch die Bundeswehr ist dort stationiert.

Als Rab und der Fahrer bis zum späten Nachmittag nicht eintrafen, wurden die Behörden verständigt. Wenige Stunden später fand man den Jeep leer nahe der Stadt Charikar, etwa 60 Kilometer nördlich von Kabul. Das Auto, das nicht durch Symbole von "Kinderberg" als offizielles Fahrzeug erkennbar ist, wies keine Zeichen von Beschuss oder einer Karambolage auf.

Krimineller Hintergrund vermutet

Seit dem Verschwinden haben weder die deutsche Botschaft noch die Organisation selber etwas von Rab oder seinen möglichen Kidnappern gehört. Die afghanischen Behörden ermitteln in dem Fall, die Botschaft beobachtet den Vorgang aber sehr genau. Bisher aber gibt es noch keine heiße Spur. In afghanischen Sicherheitskreisen wurde eine Entführung mit kriminellem Hintergrund vermutet.

Rätsel gibt den Fahndern ein Koran auf, der in dem Auto gefunden wurde und möglicherweise ein Zeichen der Entführer sein könnte. Bisher steht aber nicht fest, ob das Gebetbuch dem Fahrer gehört haben könnte. Die sonst sehr schnell reagierenden Sprecher der Taliban meldeten sich bisher nicht in dem Fall.

Hilfe für die Ärmsten

Abdul Rab ist seit mehreren Jahren für deutsche Organisationen in Kabul aktiv, seit 2005 ist er medizinischer Direktor bei "Kinderberg". Der Familienvater organisiert für diverse Projekte vor allem die Kontakte zu den lokalen Behörden. Rabs Fachbereich ist die Kindermedizin.

Die deutsche Organisation "Kinderberg", die finanziell auch vom Auswärtigen Amt (AA) unterstützt wird, engagiert sich seit 2002 in Afghanistan und ist auch in mehreren anderen Ländern aktiv. In Afghanistan betreibt der Verein vor allem im Norden mobile Kliniken, um in ländlichen, sehr armen Regionen zu helfen.

Nach dem Verschwinden des Arztes sind die Mitarbeiter von "Kinderberg" schockiert und setzten die Arbeit in Afghanistan vorerst aus. Ein Mitarbeiter flog am Mittwoch nach Kabul, um die Ermittlungen zu beobachten und zu unterstützen.

Entführungsfälle haben in Afghanistan in den letzten Jahren rapide zugenommen. Internationale Helfer bewegen sich mitunter nur noch sehr vorsichtig. Die meisten Opfer von Kidnappern sind indes Afghanen - fast jede Geschäftstreitigkeit wird mittlerweile durch Entführungen geregelt.



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