Afghanistan Mehr als hundert Zivilisten sterben bei US-Luftangriff

Die Kämpfe in Afghanistan fordern Opfer in der Bevölkerung: Nach Angaben von Regionalpolitikern sind in der Provinz Farah bei einem US-Luftangriff über hundert Zivilisten getötet worden. Ziel der Attacke waren Taliban-Kämpfer, die sich in Wohnhäusern verschanzt hatten.

Kabul - Heftige Kämpfe zwischen Taliban und Koalitionstruppen in Afghanistan haben vermutlich zahlreiche zivile Todesopfer gefordert. Nach Informationen afghanischer Abgeordneter gerieten bei US-Luftangriffen in der südwestafghanischen Provinz Farah viele Zivilisten in die Schusslinie - über hundert Menschen sollen ums Leben gekommen sein.

"Nach Berichten, die wir heute im Parlament von örtlichen Anwohnern und Provinzbeamten bekommen haben, wurden mehr als hundert Dorfbewohner getötet, darunter Frauen und Kinder", sagte der Parlamentarier Mohammad Musa Nasrat am Mittwoch. Sein Kollege Obaidullah Hilali sagte, die Zahl der zivilen Opfer könne ansteigen, weil weiterhin Menschen unter den Trümmern bombardierter Häuser lägen.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bestätigte am Mittwoch den Tod von Zivilisten. "Unser Team ist am Dienstagnachmittag in die Dörfer gegangen und hat Dutzende Leichen gesehen, darunter Frauen und Kinder", sagte IKRK-Sprecherin Jessica Barry in Kabul.

Zudem befänden sich unter den Opfern ein Helfer des Roten Halbmonds, des IKRK-Partners in Afghanistan, und 13 seiner Familienangehörigen. Die meisten Wohnhäuser in der Gegend seien zerstört, berichtete die Sprecherin weiter.

Ein Mitglied des Provinzrates von Farah, Balkis Roschan, sprach unter Verweis auf Angaben von Einwohnern von mehr als 150 Toten. Die Angaben wurden bislang jedoch nicht bestätigt. Da die Region von den Taliban kontrolliert werde, gebe es bislang keine genauen Angaben zu zivilen Opfern, hieß es weiter. Der afghanische Polizeichef sprach am Nachmittag von hundert Todesopfern. Allerdings sei "unklar, wieviele von ihnen Kämpfer waren und wieviele Zivilisten."

Lastwagen mit Leichen vorgefahren

In der Rebellenregion waren am Montag schwere Kämpfe ausgebrochen. Noch ist die Faktenlage allerdings sehr undurchsichtig - insbesondere zur Zahl der Todesopfer. Bereits am Dienstag hatten afghanische Behörden den Luftangriff von Nato-Truppen gemeldet, zu diesem Zeitpunkt allerdings noch von etwa 30 toten Zivilisten gesprochen.

Farahs Gouverneur Ruh-ul-Amin sagte, bei den Luftangriffen und Gefechten im Distrikt Bala Boluk seien 25 Taliban-Kämpfer getötet worden und eine "eine große Anzahl Zivilisten" ums Leben gekommen. Aufgebrachte Dorfbewohner hätten "zum Beweis" zwei Anhänger mit Leichen zum Büro des Gouverneurs gefahren, berichtete Ruh-ul-Amin der Nachrichtenagentur Reuters. Der Gouverneur warf den Taliban vor, sich vor den Luftangriffen in Wohnhäusern mit Zivilisten verschanzt zu haben.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai hatte daraufhin eine Untersuchung des Vorfalls angeordnet. Eine gemeinsame amerikanische und afghanische Untersuchungskommission sei bereits auf dem Weg nach Farah, sagte Karzai. Karzai nannte die zivilen Opfer nach Angaben seines Palastes in Kabul "inakzeptabel" und kündigte an, das Thema bei seinem Treffen mit US-Präsident Barack Obama zur Sprache zu bringen.

Der afghanische Staatschef wird sich am heutigen Mittwoch gemeinsam mit Pakistans Präsident Asif Ali Zardari und Obama in Washington zusammensetzen, um den Vormarsch der Taliban in der Region zu diskutieren.

Die Taliban, die durch die US-geführte Invasion Ende 2001 nach rund fünf Jahren von der Macht in Afghanistan verdrängt worden waren, sind inzwischen wieder erstarkt und leisten den internationalen Truppen in Afghanistan heftigen Widerstand. Bei den Kämpfen werden immer wieder Zivilisten verletzt oder getötet. Ende März hatte das IKRK vor einem Anstieg getöteter Zivilisten in Afghanistan und Pakistan gewarnt und die internationale Gemeinschaft aufgerufen, sich dringend mit der Notlage der Bevölkerung zu befassen.

amz/AFP/dpa
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