Prekäre Sicherheitslage Bundespolizei stellt Afghanistan-Mission vorerst ein

Nur durch Glück sind Bundespolizisten und deutsche Entwicklungshelfer bei einem Anschlag auf ihre Unterkunft unbeschadet davongekommen. Als Reaktion haben beide Organisationen die meisten ihrer Mitarbeiter abgezogen.

Schauplatz des Anschlags vom 5. September in Kabul
REUTERS

Schauplatz des Anschlags vom 5. September in Kabul

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Die Bundespolizei und die deutsche Entwicklungshilfeorganisation GIZ haben ihre Arbeit in Afghanistan nach einem schweren Anschlag in Kabul weitgehend eingestellt.

Nach SPIEGEL-Informationen haben beide Organisationen einen Großteil ihres Personals außer Landes oder ins halbwegs sichere Masar-e-Scharif im Norden Afghanistans gebracht. In Kabul sind nur noch eine Handvoll Mitarbeiter in einem Militärcamp am Flughafen, die deutschen Projekte aber ruhen.

Hintergrund der hastigen Sicherheitsvorkehrungen ist ein massiver Terroranschlag auf das sogenannte "Green Village", eine schwer gesicherte Unterkunft für ausländische Organisationen im Osten Kabuls. Dort unterhielten sowohl Bundespolizei als auch die GIZ ihre Büros, auch die deutschen Mitarbeiter wohnten seit Jahren im "Green Village". Das Camp ist von mehreren Schutzmauern umgeben und wurde in den vergangenen Monaten immer wieder attackiert.

In der Nacht zum Dienstag vergangener Woche kam es erneut zu einem Angriff.

Gegen 22 Uhr sprengte sich zunächst ein Selbstmordattentäter am Eingang des Lagers mit seinem Fahrzeug in die Luft. Danach drang ein Team von vier Angreifern in das "Green Village" ein, es kam zu einem mehrstündigen Gefecht mit den Wachen des Lagers, später wurden auch noch afghanische und internationale Soldaten zur Verstärkung angefordert. Die Angreifer wurden getötet.

Die Bilanz der Attacke war verheerend: Durch die Autobombe wurden außerhalb des Lagers mindestens 30 Menschen getötet, bei den stundenlangen Kämpfen kam ein Sicherheitsmann des rumänischen Botschafters, der ebenfalls im "Green Village" wohnte, ums Leben. Fünf weitere Sicherheitsleute aus Nepal wurden getötet. Augenzeugen berichteten von schrecklichen Szenen während der Attacke.

Die Deutschen konnten sich noch rechtszeitig in gesicherte Notfallräume zurückziehen, die in den letzten Monaten wegen der Anschlagsgefahr gebaut worden waren. Nach Angaben des Innenministeriums befanden sich zur Zeit des Anschlags 22 Bundespolizisten und eine Gruppe von deutschen Entwicklungshelfern im Camp. Die Bundespolizei hatte wegen der Anschlagsgefahr erst kürzlich neue, mit Betonwänden gesicherte Büros bezogen.

Durch die Attacke haben die Deutschen trotzdem ihre Basis in Kabul verloren. Das Camp, hieß es aus Sicherheitskreisen in Berlin, sei definitiv nicht mehr sicher genug. Bilder nach der Attacke zeigen mehrere deutsche Panzer-Jeeps, die in Flammen aufgegangen sind, die Schäden dürften in Millionenhöhe liegen. Die Büros von Bundespolizei und GIZ sind zwar unbeschädigt geblieben, doch nach der Attacke will niemand mehr ein Risiko eingehen.

Das Bundesinnenministerium bestätigte die Sicherheitsmaßnahmen. Aufgrund der "erheblichen Beschädigungen" im "Green Village" habe die Bundespolizei das Camp verlassen, sagte ein Sprecher dem SPIEGEL. "Derzeit wird die Situation fortlaufend bewertet und Möglichkeiten der Fortführung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den afghanischen Sicherheitsbehörden geprüft", so der Sprecher weiter. In Berlin allerdings ist man ratlos, wie man schnell eine neue Basis in Kabul finden soll.

Die Bundespolizei führt in Afghanistan seit 2002 ein Ausbildungsprogramm für die afghanische Polizei durch, dazu entsenden die Bundesländer jeweils für ein Jahr Bundespolizisten. Die GIZ operiert noch immer im ganzen Land, die einzelnen Entwicklungshilfeprojekte werden aber vor Ort von lokalen Mitarbeitern betrieben. Die deutschen Entwicklungshelfer indes sind kaum noch in den Provinzen unterwegs. Wie sie nun weiter in Kabul operieren können, ist unklar.



insgesamt 34 Beiträge
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peho65 08.09.2019
1. Das war ohnehin nicht Afghanistan
Zum einen könnte man sagen, dass diese Hilfsprojekte nicht gewollt sind, wenn sie so vehement bekämpft werden. Zum anderen sollte man mal ganz ehrlich sagen, dass dieses Green Village ohnehin nicht Afghanistan ist, wenn es durch mehrere Gräben und Wälle und Zäune von der afghanischen Nachbarschaft abgeschottet ist. Eine kleine heile europäische Welt, die mit Afghanistan nichts weiter zu tun hat.
Eutighofer 08.09.2019
2. Anschläge sind " erfolgreich".
Wenn man sich nach Anschlägen zurückzieht, gewinnen die Terroristen.
sven2016 08.09.2019
3. Es herrscht Krieg.
Dabei ist es löblich, Ausbilder zu schicken, allerdings wird es nicht funktionieren, wenn man die tägliche Kampfsituation der lokalen Polizeieinheiten und der ANA verdrängt. Wer angegriffen wird, muss in der Lage sein, die Lage schnell und mit überlegenen Kräften unter Kontrolle zu bringen. Andernfalls ist man in Afghanistan Opfer und bringt auch die einheimischen Mitarbeiter in Gefahr. Dann lieber nur mit viel Geld helfen.
the lucky one 08.09.2019
4. Ziel erreicht!
Dann hat der Terrorismus ja zwei Elementarziele tadellos erreicht: Angst und Abzug.
subara 08.09.2019
5. Für mich sieht das aus als gewinnen die Taliban
und um einen Massenpanik unter einheimischen Kollaborateuren zu vermeiden die in einer gen Westen führenden Exodus münden könnte geht man hier step für step zurück. Scholl Latour würde es einfach auf den Punkt bringen: Mission is not accomplished, it is lost.
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