Afghanistan-Mission Elitekommando KSK fasst Top-Taliban

Das deutsche Elitekommando KSK kann seit langem wieder einen Erfolg verbuchen: Die Soldaten nahmen in Afghanistan den Taliban-Führer Maulawi Roshan fest. Der Verdächtige soll Anschläge auf die Bundeswehr geplant und zudem als "Taliban-Richter" fungiert haben.

Übung von KSK-Soldaten: Spezialkräfte fassen hochrangigen Extremisten
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Übung von KSK-Soldaten: Spezialkräfte fassen hochrangigen Extremisten

Von und Shoib Najafizada


Berlin/Kabul - Sie kamen im Schutz der Nacht. Seit Tagen hatten deutsche Kommandosoldaten ihre Aktion in Chahar Darreh bei Kunduz vorbereitet: Telefone von Verdächtigen abgehört, Drohnenbilder ausgewertet, Skizzen für den Zugriff gefertigt. Dann, es war kurz nach Mitternacht am Dienstagmorgen, ging alles ganz schnell. Innerhalb von wenigen Sekunden drangen vermummte Elitesoldaten des geheim agierenden Kommandos Spezialkräfte (KSK) gemeinsam mit der afghanischen Polizei der Afghan National Police (ANP) in ein Gehöft ein, das sie seit langem beobachtet hatten, und sicherten das mit Lehmmauern umgebene Gelände.

Schon nach einigen Minuten war klar, dass das Ziel der KSK-Operation in der Falle saß. Ohne Gegenwehr konnten die Kommandosoldaten den Taliban-Anführer Maulawi Roshan, einen bärtigen Mann um die 50, festnehmen und abführen. Bei der Aktion fiel kein einziger Schuss, niemand wurde verletzt.

Die nächtliche Festnahme des Taliban-Führers Roshan, den die Bundeswehr als Planer und moralischen Anpeitscher hinter mehreren Attacken auf die Schutztruppe Isaf, aber auch auf die afghanischen Sicherheitskräfte sieht, ist ein seltener Erfolg der deutschen Spezialkräfte der Bundeswehr. In den letzten Monaten schien es, als ob die US-Eliteeinheiten rund um Kunduz den Deutschen die gezielte Taliban-Jagd komplett abgenommen hätten. Nun traten die deutschen Kommandokräfte erstmals seit langem wieder in Aktion und hatten gleich Erfolg.

Bereits gestern hatte das Hauptquartier in Kabul die Aktion der KSK ohne Erwähnung des geheimen deutschen Kommandos mitgeteilt. Demnach gilt Mullah Roshan als hochrangiges Führungsmitglied der Taliban im Raum Kunduz mit engen Verbindungen zur Führung der Radikalislamisten im benachbarten Pakistan. "Mullah Roshan agierte bei den Taliban vor allem als geistige Autorität, er fungierte bei vielen Rechtsstreitigkeiten als Richter", sagte der Gouverneur der Provinz nach der Festnahme Roshans zu SPIEGEL ONLINE. Der sogenannte "Taliban-Richter" sei nicht bewaffnet gewesen, berichtete Mohammed Omar. Er habe aber in engem Kontakt mit der Taliban-Führung der gesamten Region gestanden.

Wegen seiner Verflechtung mit der Taliban-Hierarchie galt Maulawi Roshan seit langem als sogenanntes Hochwertziel der Schutztruppe Isaf. Sein Name stand unter der "Internal Serial Number 2063" seit Dezember 2009 auch auf der "capture or kill"-Liste, im bürokratischen Slang der Nato "Joint Prioritized Effects"-Liste genannt. Personen auf dieser geheimen Liste von mehreren Tausend Taliban, al-Qaida-Terroristen und einigen Schwerkriminellen können von Nato-Kräften jederzeit festgenommen und bei Widerstand auch getötet werden. Die in Afghanistan eingesetzten deutschen Kräfte agieren jedoch mit der Maßgabe, ausschließlich Festnahmeoperationen durchzuführen.

Um die KSK war es ruhig geworden

Dem KSK dürfte der Erfolg guttun. Die Truppe von rund 120 speziell ausgebildeten Elitesoldaten, die in Nordafghanistan abgeschirmt von den normalen Soldaten unter dem Decknamen "Task Force 47" operiert, war im Zuge des von Oberst Georg Klein angeordneten Bombardements von zwei Tanklastern vor rund einem Jahr in die Schlagzeilen geraten. Klein hatte die Mission in der Nacht vom 3. auf den 4. September aus dem Gefechtsstand der KSK-Soldaten geführt. Bis heute halten sich deshalb "Gerüchte, die im Gefechtsstand anwesenden Mitglieder der Task Force 47 hätten Klein zum Bombenabwurf gedrängt". Beweise gibt es für die These nicht.

Um die KSK war es nach dem 4. September sehr ruhig geworden - aus zwei Gründen: Zum einen herrschte nach dem fatalen Bombardement der beiden Tanklaster, bei dem fast 100 Zivilisten starben, für alle Einheiten der Bundeswehr extreme Vorsicht. Niemand wollte in Afghanistan einen zweiten schweren Fehler begehen. Außerdem rückte die US-Armee mit rund 5000 Soldaten und mehreren Spezialeinheiten im Bundeswehrgebiet ein. Besonders die Geheimkommandos gehen seit Anfang 2010 fast jede Nacht rund um das Feldlager in Kunduz auf Jagd nach Taliban-Anführern. Sie haben Dutzende Kommandeure, Schattengouverneure, Kämpfer und Mitläufer getötet oder festgenommen.

Vom KSK hingegen hörte man in den Sommermonaten kaum etwas. Als die Eliteeinheit im April einmal einen Verdächtigen festnahm, der möglicherweise die Bewegungen der Bundeswehr im Raum Kunduz ausspioniert hatte, ließen die afghanischen Behörden den sogenannten Spotter umgehend wieder frei. Einige Versuche zur Festnahme des Taliban-Kommandeurs Mullah Abdul Rahman, der die Entführung der beiden Tanklaster im September 2009 kommandiert hatte, scheiterten. Immer wenn die KSK die Zielobjekte stürmte, war Abdul Rahman schon ins nächste Versteck geflüchtet.

Die massiv aufgestockten US-Kräfte waren an dem aktuellen Zugriff nur indirekt beteiligt. Die Amerikaner haben den deutschen Elitesoldaten zwei ihrer modernen Kampfhubschrauber mehr oder minder dauerhaft für Zugriffe ausgeliehen. Zuvor standen den KSK-Männern nur zwei ziemlich alte und vor allem für nächtliche Einsätze sehr auffällige deutsche CH-53-Helikopter zur Verfügung. Mit den beiden US-Fluggeräten nun ist die Truppe wesentlich flexibler und kann leichter nächtliche Operationen planen.

Über Maulawi Roshan soll nun die afghanische Justiz urteilen. Wie schon im Fall des im Mai 2009 festgenommenen Taliban-Kommandeurs Abdul Raceq flog die Bundeswehr Maulawi Roshan über Masar-i-Scharif umgehend nach Kabul. Dort wurde er einem Sonderstaatsanwalt des Inlandsgeheimdienstes NDS übergeben. Dieser kümmert sich ausschließlich um Terrorismus-Fälle und bekam von den Deutschen eine dicke Mappe mit erhobenen Beweisen gegen den nun Festgenommenen. Ob die teilweise durch moderne Ermittlungsmethoden wie Telekommunikationsüberwachung erhobenen Vorwürfe jedoch von einem afghanischen Richter anerkannt werden, ist noch nicht klar.

14 Taliban in Chost getötet

Bei einem Taliban-Angriff in der ostafghanischen Provinz Chost sind Dienstag laut Isaf 14 Aufständische getötet worden. In der südafghanischen Provinz Helmand seien zwei Extremisten getötet und drei weitere gefangen genommen worden. Auch in den Provinzen Ghasni im Südosten und Kandahar im Süden sei es zu Festnahmen gekommen. Bei einem Anschlag im Süden des Landes sei am Mittwoch ein Isaf-Soldat getötet worden. Zur Nationalität wurden keine Angaben gemacht.

2010 ist für die ausländischen Truppen bereits jetzt das verlustreichste Jahr seit Beginn des Einsatzes in Afghanistan Ende 2001. Seit Jahresbeginn kamen nach Zählung des unabhängigen Internetdienstes icasualties.org mehr ausländische Soldaten ums Leben als im gesamten Vorjahr. Beim Absturz eines Militärhubschraubers im Süden des Landes waren am Dienstag neun US-Soldaten ums Leben gekommen.

insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
nixda 22.09.2010
1. da kann ich aber nur hoffen
dass sie dem armen Taliban nicht weh getan haben. Nun vermutlich ist es schon zu spät: die haben ihn sicher so erschreckt, dass er nun einen nervösen Magen hat und die Bundesregierung erfolgreich verklagt.
Germanasty 22.09.2010
2. Erfolg
Normalerweise verbuchen die Amis derartige Erfolge immer für sich. Die anderen Streitkräfte dürfen aufklären und vorbereiten, der Zugriff erfolgt dann durch die Amerikaner. Aber offensichtlich wollte man der undeswehr mal einen Erfolg gönnen um im öffentlichen Meinungsstreit in Deutschland zu punkten.
frubi 22.09.2010
3. .
Zitat von sysopDas deutsche Elitekommando KSK kann erstmals seit langem wieder einen Erfolg verbuchen: Die Soldaten nahmen in Afghanistan den Taliban-Führer Maulawi Roshan fest. Der Verdächtige soll Anschläge auf die Bundeswehr geplant und zudem als "Taliban-Richter" fungiert haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718902,00.html
Jubel, Trubel, Heiterkeit. Ein Lob an unsere moralische Vorbildstruppe Namens KSK. Das waren doch bestimmt nicht die selben Leute die den Kurnaz ihre Hilfe verweigert haben, oder? Ach was. Bestimmt verwechsel ich da etwas. KSK ist wunderbar.
gunman, 22.09.2010
4. Hurra!
Zitat von sysopDas deutsche Elitekommando KSK kann erstmals seit langem wieder einen Erfolg verbuchen: Die Soldaten nahmen in Afghanistan den Taliban-Führer Maulawi Roshan fest. Der Verdächtige soll Anschläge auf die Bundeswehr geplant und zudem als "Taliban-Richter" fungiert haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718902,00.html
Sehr schön! Gleich mal die üblichen "Säue" raus: 1. Jetzt erhöhte Anschlagsgefahr für die deutschen "Truppen" in Afghanistan? 2. Auch erhöhte Anschlagsgefahr in Deutschland selber jetzt? 3. Was machen wir nun? Aburteieln bei uns? Und wenn ja, bleibt er anschließend als Ayslant bei uns, weil Afghanistan möglicherweise ein unsicheres Drittland ist?
Viva24 22.09.2010
5. Diese Meldung ist für die Propaganda..
leider ist dieser Krieg zu einem Medienkrieg geworden. Die Herschaften sollte man aufklären, dass die Taliban mit etwa 120.000 Mann unter Waffen stehen. Da ist die Festnahme von einem Mann ja nicht einmal eine Mitteilung wert. Der Taliban Kriegeinfluß ist Tief in der Gesellschaft in Afghanistan verankert und die KSK müsste alle Afghanen verhaften, dann haben Sie mal Erfolg!
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