Afghanistan Nato-Kommandeur hält Taliban für stärker als 2001

Die Taliban sind in Afghanistan so stark wie seit dem Sturz des Regimes 2001 nicht mehr - so dramatisch bewertet der Kommandeur der Nato-Schutztruppe Isaf die Lage. Mit blutigen Anschlägen demonstrierten die Radikalen ihre Schlagkraft, etliche Menschen starben. Die Wahl soll dennoch stattfinden.


Kabul - Drastische Worte vom Kommandeur der internationalen Afghanistan-Truppen, US-General Stanley McChrystal: Die Taliban sind seiner Einschätzung nach derzeit so stark wie seit dem Sturz ihres Regimes Ende 2001 nicht mehr. "Die Lage hier ist ernst", sagte McChrystal. Dennoch sei die Sicherheitslage so, dass die Wahl an diesem Donnerstag "in den meisten Landesteilen" stattfinden könne.

Afghane am Anschlagsort: Lage im Land spitzt sich zu
REUTERS

Afghane am Anschlagsort: Lage im Land spitzt sich zu

Die Taliban, die 2001 von einer internationalen Koalition unter Führung der USA von der Macht vertrieben worden waren, haben zum Boykott der Wahl aufgerufen, an der mehr als 15 Millionen Menschen teilnehmen können. Die islamischen Extremisten haben denjenigen mit Vergeltung gedroht, die ihre Stimme abgeben. Erst am Sonntag hatten sie wieder mit Anschlägen auf ausländische Truppen und Wahllokale gedroht. Ihre Angriffe hatten sie zuletzt von ihren Hochburgen im Süden und Osten des Landes verstärkt auf den Norden und Westen ausgeweitet.

Kurz vor der Präsidentenwahl spitzt sich die Lage nun zu. Bei zwei Selbstmordanschlägen in der Hauptstadt Kabul sowie in der südlichen Provinz Urusgan kamen mindestens 17 Menschen ums Leben, darunter ein Nato-Soldat und zwei afghanische Uno-Mitarbeiter. Ein Selbstmordattentäter der Taliban riss im Osten Kabuls zehn Menschen mit in den Tod, als er ein mit Sprengstoff beladenes Auto neben einem Konvoi der internationalen Truppen in die Luft sprengte. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte, 52 Verletzte seien in Krankenhäuser gebracht worden.

Wenige Stunden vor dem Anschlag schlugen zwei Raketen in Kabul ein. Ein Geschoss sei im Garten des Präsidentenpalastes detoniert, das zweite in der näheren Umgebung, sagte ein Mitarbeiter des Palastes, der namentlich nicht genannt werden wollte. Opfer habe es nicht gegeben. Bei dem Anschlag in Urusgan starben sechs Menschen, darunter der Selbstmordattentäter und drei afghanische Soldaten. Nach Angaben der Polizei sprengte sich der Täter an einem Armeeposten in die Luft.

Auch im Einsatzgebiet der Bundeswehr kam es zu neuen Gefechten zwischen deutschen Soldaten und den Taliban. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurden die Deutschen in der Unruheregion Chahar Darreh westlich der Stadt Kunduz zweimal von Aufständischen angegriffen, daraufhin kam es zu jeweils heftigen Feuergefechten.

Der erste Angriff ereignete sich gegen vier Uhr Morgens. Die Bundeswehr erwiderte das Feuer der Taliban, dabei soll es auch Opfer auf der Gegenseite gegeben haben. Nur zwei Stunden später wurde die gleiche Einheit erneut angegriffen, wehrte die Attacke jedoch ab. Deutsche Soldaten wurden bei den beiden Vorfällen nicht verletzt.

Kampf um die Glaubwürdigkeit der Wahl

US-Präsident Barack Obama rief zu Geduld im Kampf gegen die Extremisten auf. "Das wird nicht schnell gehen. Das wird nicht leicht sein", sagte Obama. Trotz der angespannten Sicherheitslage verteidigte US-Präsident Obama am Montag vor Veteranen im Bundesstaat Arizona noch einmal den Militäreinsatz als Notwendigkeit von größter Bedeutung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten. "Wir dürfen niemals vergessen: Dies ist nicht ein Krieg der Wahl. Dies ist ein Krieg der Notwendigkeit." Die Terroristen, die Amerika am 11. September 2001 attackiert hätten, planten neue Anschläge. Würden die Taliban in Afghanistan nicht gestoppt, erhalte al-Qaida neue Zufluchtsorte.

Für den Schutz der Wahl sind neben mehr als 100.000 ausländischen Soldaten rund 180.000 afghanische Soldaten und Polizisten im Einsatz. Die afghanische Regierung rief zu einer vorübergehenden Nachrichtensperre am Wahltag auf, um die Wähler nicht durch Anschlagsmeldungen weiter zu verschrecken. Doch die Stimmen werden lauter, die vor Manipulationen bei der Abstimmung warnen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geht davon aus, dass die Wahl von Gewalt, Betrug und geringer Beteiligung überschattet wird.

So gebe es nicht genügend Wahlbeobachter, sagte der Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network, Thomas Ruttig. Der britische Sender BBC berichtete, dass im Land Tausende Wahlausweise zum Verkauf stünden. Zudem seien Stammesältesten hohe Geldbeträge geboten worden, damit deren Anhänger für einen bestimmten Kandidaten stimmten. Die BBC beruft sich dabei auf eigene Recherchen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hofft dennoch auf einen fairen Verlauf der Wahl. "Es geht darum, dass möglichst viele Afghaninnen und Afghanen ungehindert ihre Stimme abgeben können. Nur das wird die Glaubwürdigkeit der Wahl sichern." Nach Angaben des Afghanistan-Beauftragten Bernd Mützelburg hat die Bundesregierung darauf verzichtet, sich auf einen Kandidaten festzulegen. "Wer Präsident wird, ist ganz allein Sache des afghanischen Volkes."

ffr/mgb/dpa/Reuters/AFP

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