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Afghanistan: Noch ein Jahr am Hindukusch

Foto: OMAR SOBHANI/ REUTERS

Vormarsch der Taliban Obama verzögert Afghanistan-Abzug

Die US-Streitkräfte verlangsamen ihren Rückzug aus Afghanistan. Präsident Obama reagiert damit auf die prekäre Sicherheitslage im Land.

US-Präsident Barack Obama will den Rückzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan hinauszögern und so eine längere Beratungsmission und weitere Unterstützung für die lokalen Sicherheitskräfte ermöglichen.

Aus Washington hieß es, Obama wolle fast 10.000 US-Truppen bis Ende des Jahres 2016 in Afghanistan belassen. Erst 2017 würde das US-Kontingent auf 5500 Soldaten heruntergefahren.

Mit der Entscheidung reagieren die USA auf die Entwicklung in Afghanistan, wo sich die Sicherheitslage seit dem Ende der Nato-Kampfmission erheblich verschlechtert hat.

In Kunduz war es den Afghanen nur mit US-Hilfe gelungen, die Stadt nach tagelangen Kämpfen zu befreien und die Taliban zu vertreiben. Ein US-Luftangriff traf dabei ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen, mindestens 22 Menschen wurden getötet. Washington entschuldigte sich für das Bombardement.

Lange mit Entscheidung gezögert

Spätestens seit dieser temporären Eroberung des früheren Bundeswehrstandorts durch die Taliban ist den Strategen klar geworden, dass die lokalen Sicherheitskräfte länger als geplant ausländische Beratung brauchen, um die Verantwortung für ganz Afghanistan übernehmen zu können.

Ursprünglich hatten die USA geplant, die Zahl der US-Soldaten schon 2016 auf rund 5000 Mann zu reduzieren, ab 2017 sollte dann nur noch eine Truppe von 1000 Mann die US-Botschaft in Kabul absichern. Militärs jedoch fordern seit einigen Monaten, die Beratung der Afghanen müsse länger dauern, da sie noch nicht bereit sind, die volle Sicherheitsverantwortung zu übernehmen.

Foto: DER SPIEGEL

Derzeit versuchen die internationalen Truppen, darunter rund 600 Bundeswehrsoldaten, die Afghanen besser auszubilden, operativ zu schulen und ihnen eine nachhaltige Logistik für ihre Armee nahezubringen. An Kampfhandlungen sollen sich die ausländischen Soldaten jedoch nicht mehr beteiligen.

Obama hatte mit der Entscheidung recht lange gezögert. Zwar bewertet auch das Weiße Haus die Sicherheitslage in Afghanistan als kritisch. Allerdings hatte Obama das Ende der US-Mission in Afghanistan im Wahlkampf versprochen, dementsprechend schwer fiel es ihm, von den Plänen für eine drastische Reduzierung der US-Präsenz bis zum Ende seiner Amtszeit abzurücken.

Deutsche Entscheidung im Einklang mit USA

Für die Bundeswehr, die ihre Trainingsmission aus einem Camp im nordafghanischen Masar-e-Scharif betreibt, macht die US-Entscheidung den Weg für eine längere Präsenz in Afghanistan frei. Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte kürzlich immer deutlicher gesagt, dass man den ursprünglichen Zeitplan nicht zu starr auslegen sollte, da die Afghanen weitere Unterstützung bräuchten.

Bisher hatte die Bundeswehr geplant, das Lager im Norden des Landes im Frühjahr 2016 zu schließen und mit weniger Personal nach Kabul zu ziehen. Nun aber dürfte das Camp doch länger offen bleiben. Von der Leyen hatte stets betont, dass eine deutsche Entscheidung nur im Einklang mit den USA fallen könne.

Bei der Bundeswehr herrscht wenig Zweifel, dass die Afghanen der aktuellen Lage nicht allein Herr werden können. Neben dem Vormarsch der Taliban in Kunduz und den umliegenden Provinzen attackieren die Islamisten mittlerweile auch Gegenden sehr nah an der Hauptstadt Kabul.

Die afghanischen Sicherheitskräfte können die Hauptstadt zwar bisher sichern, doch gerade die Operation rund um Kunduz machte große Defizite bei der Lageeinschätzung und den operativen Fähigkeiten der lokalen Armee sichtbar.

Situation fragil

Die Analyse der Ereignisse in Kunduz fällt ernüchternd aus. So war die afghanische Armee und Polizei von dem Ansturm von rund tausend Kämpfern auf Kunduz völlig überrascht worden, große Teile der Truppen waren wegen eines nationalen Feiertags nicht im Dienst, die meisten Kommandeure und politischen Amtsträger waren ebenso nicht vor Ort.

Als die Attacke begann, gaben die verbliebenen Truppen rasch auf und flüchteten sich zum nahe gelegenen Flughafen. Erst aus Kabul eingeflogene Spezialkräfte konnten die Angreifer fast eine Woche später mit US-Luftunterstützung wirksam bekämpfen.

Die Bundeswehr beschreibt die Situation im Norden Afghanistans als fragil. Für die kommenden Monate, so ein internes Papier, müsse man sich auf "fortdauernde Kämpfe mit wechselseitigen Gewinnen und Verlusten einrichten". Erst der strenge Winter werde hoffentlich eine Beruhigung bringen.

An der Notwendigkeit des weiteren Trainings lassen die Planer wenig Zweifel. Nüchtern analysieren sie, die Eroberung von Kunduz habe zweifellos gezeigt, dass Armee und Polizei die Beratung "auch und gerade im Norden weiter benötigen".

Für einen Abzug aus Masar-e-Scharif im Frühjahr 2016 sei es "zu früh".


Zusammengefasst: Mehr US-Soldaten bleiben vorerst in Afghanistan, als bisher geplant - 10.000 statt 5000 bis Ende 2016. Damit reagiert Präsident Obama auf die Gewalt im Land. Die lokalen Kräfte haben längst nicht genug Kontrolle. Auch die Bundeswehr könnte nun ihren Einsatz verlängern. Andeutungen von Ministerin von der Leyen gibt es schon.

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