Afghanistan Pentagon-Chef Gates will bald mit Taliban verhandeln

Die Anzeichen für einen Strategiewechsel des Westens gegenüber den Taliban verdichten sich: US-Verteidigungsminister Gates hält politische Gespräche mit den Radikalislamisten noch in diesem Jahr für möglich. Allerdings legte er die Hürde dafür hoch.

Taliban-Kämpfer in Afghanistan: Gespräche unter Bedingungen
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Taliban-Kämpfer in Afghanistan: Gespräche unter Bedingungen


Hamburg - Robert Gates nahm sogar das Wort Versöhnung in den Mund. Nach zehn Jahren Krieg in Afghanistan setzen die westlichen Alliierten für die Zukunft ihre Hoffnungen eher in Verhandlungen statt in Waffen. Der US-Verteidigungsminister hält politische Gespräche mit den radikal-islamischen Taliban noch in diesem Jahr für möglich. Sollten die US-geführten Nato-Truppen in Afghanistan weiterhin militärisch vorankommen und Druck auf die Aufständischen ausüben, könne diesen Winter vielleicht "die Möglichkeit einer Art politischer Gespräche oder Versöhnung" an Form gewinnen, sagte Gates am Samstag auf einer Sicherheitskonferenz in Singapur.

Allerdings soll es solche Gespräche nur unter Bedingungen geben: Die Taliban müssten ihre Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida kappen, sich zur afghanischen Verfassung bekennen und ihre Waffen niederlegen. Wenn sie diese Forderungen erfüllten, "können sie potentiell eine politische Rolle in der Zukunft des Landes erhalten," sagte Gates. Die Taliban müssten erkennen, dass sie den Krieg nicht militärisch gewinnen können.

Diese Ankündigung war das bislang deutlichste Signal, dass womöglich hinter den Kulissen Bemühungen um eine Versöhnung stattfinden. Aus mehreren Ländern war zuletzt zu vernehmen, dass es Kontakte zu den Taliban gegeben haben soll, von einem Friedensprozess aber noch keine Rede sein könne.

Zuletzt hatte es Berichte gegeben, dass Großbritannien und die USA moderaten Taliban entgegenkommen wollen. Beide Regierungen drängen laut einem Bericht der britischen Zeitung "Guardian" vom Freitag die Uno, die Sanktionen gegen 18 ehemalige hochrangige Vertreter der Radikalislamisten aufzuheben.

Weil ein militärischer Sieg über die Talib immer aussichtsloser erscheint, gibt es bereits seit geraumer Zeit die Idee, mit den Radikalislamisten zu verhandeln - und sie womöglich in eine afghanische Regierung einzubeziehen. Die westliche Staatengemeinschaft setzt spätestens seit dem Nato-Gipfel 2009 in Lissabon auf eine politische Lösung. Diese müsse allerdings zwischen den Afghanen vor Ort verhandelt werden.

Präsident Hamid Karzai wirbt offensiv dafür. Darüber hinaus gibt es schon länger Berichte über Geheimgespräche der afghanischen Regierung mit der Führung der Aufständischen. Erst kürzlich war bekannt geworden, dass es sogar bereits mehrere Gespräche zwischen US-Vertretern und einem moderaten Taliban-Vertreter gegeben haben soll.

Die USA wollen im Juli mit dem Abzug von Soldaten beginnen und die Verantwortung für die Sicherheitslage schrittweise bis 2014 vollständig an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Allerdings hat die Gewalt am Hindukusch zuletzt so sehr zugenommen wie seit Jahren nicht mehr, darunter auch in einst relativ friedlichen Regionen wie dem Norden, in dem die Bundeswehr stationiert ist.

ler/Reuters/dpa



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