Afghanistan Polizei findet Leiche von zweiter südkoreanischer Geisel

Die Taliban-Drohungen haben sich bestätigt: Am frühen Morgen fand die Polizei die zweite getötete südkoreanische Geisel. Der Druck auf Kabul wächst, nachzugeben und einige Kämpfer freizulassen. Die Taliban stellten ein neues Ultimatum - und kündigen weitere Erschießungen an.

Aus Kabul berichtet


Kabul - Glück und Leid lagen am Dienstagabend im Serena-Hotel in Kabul, der feinsten Adresse in der afghanischen Hauptstadt, sehr nahe beieinander. Draußen im weitläufigen Innenhof feierte eine reiche afghanische Familie die Hochzeit ihres Sohnes, Hunderte Verwandte waren gekommen und selbst eine Stretch-Limo stand fürs Brautpaar bereit.

Nur wenige Meter entfernt, in der mit Marmor gefliesten Lobby, saßen die koreanischen Unterhändler, die seit Tagen in Kabul um das Leben ihrer 22 Landsleute ringen. Niemand von ihnen wollte etwas zu den Verhandlungen mit den Taliban sagen, doch schon aus den Gesichtern war die Angst leicht abzulesen. Jeder hier wusste, dass die Geiselnahme spätestens an diesem Abend in eine tragische Phase übergegangen war.

Doch am Abend bestand noch Hoffnung. Niemand wusste genau, ob die Ankündigungen eines Taliban-Sprechers über die Tötung einer weiteren Geisel stimmten oder nicht. Gegen acht Uhr Ortszeit hatte Kari Jussef Ahmadi - wie so oft vorher - angefangen, beinahe jeden gut informierten Journalisten in Kabul anzurufen und über die Tötung zu berichten. Er nannte einen Namen des getöteten Koreaners, ebenso einen Ort, wo man die Leiche zurückgelassen habe. Naturgemäß vergaß der Sprecher, der in den vergangenen Wochen nicht immer zuverlässig war, auch die Drohung der Taliban nicht. "Die Regierung kennt unsere Forderungen und hat nicht auf sie reagiert", sagte er, "wenn sich das nicht ändert, werden wir weitere Geiseln töten." Das neu gesetzte Ultimatum läuft morgen früh ab (9.30 Uhr MESZ).

Druck auf Karzai erhöht

Am frühen Morgen bestätigten sich die Ankündigungen von Ahmadi auf tragische Weise. Die Sonne war kaum aufgegangen, da fanden Polizisten im Distrikt Anbar, rund sechs Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt Ghazni, die Leiche eines Koreaners. Noch steht nicht fest, ob es sich um eine Geisel handelt, doch alles spricht dafür. Der örtliche Polizeichef sprach von einem fürchterlichen Anblick. Die Leiche sei von Kugeln regelrecht zersiebt worden und habe in einer großen Blutlache am Straßenrand gelegen. Mittlerweile sei sie auf dem Weg nach Ghazni, damit weitere Untersuchungen angestellt werden können.

Mit dem Tod der zweiten koreanischen Geisel spitzt sich das Drama um die freichristlichen Helfer, die vor knapp zwei Wochen auf dem Weg von Kandahar im Süden des Landes nach Kabul entführt worden waren, dramatisch zu. Die Taliban scheinen in diesem Fall tatsächlich die Kontrolle über die Geiselnahme zu haben und lassen keinen Zweifel daran, dass sie nicht vor der Tötung weiterer Geiseln zurückschrecken werden. Ahmadi kündigte schon gestern Abend an, dass die Regierung in Kabul schnell reagieren müsse, da die Kommandeure am Boden sehr nervös seien. Die Entführer wissen, dass sie vom Militär umringt sind, das sich jedoch bisher zurückhielt.

Bewusst haben die Taliban ihre Forderungen nur an die Regierung des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai gerichtet. Acht ihrer Kämpfer wollen sie aus dem notorischen Hochsicherheitsgefängnis in Pul-e-Charki nahe Kabul entlassen sehen. Ahmadi betont immer wieder genüsslich, dass es "ganz normale Kämpfer" und keine prominenten Kommandeure seien, bei denen die Amerikaner mitzureden hätten. Damit erhöht er freilich den Druck auf die Regierung in Kabul, die in diesem Fall entscheiden muss, ob sie sich erneut dem Druck der Geiselnehmer beugt. Die Freilassung von anderen Taliban in der Vergangenheit hatte Karzai massive Kritik beschert, vor allem aus den USA, Großbritannien und Deutschland.

Neues Videoband von al-Dschasira

Weiterer Druck entstand gestern Abend zudem durch ein Video-Band, das der arabische Fernsehsender al-Dschasira ausstrahlte. Auch wenn auf den dunklen Bildern kaum etwas zu erkennen ist, scheint es sich um die südkoreanischen Geiseln zu handeln, die im Dunkeln sitzen. Die entführten Christen werden offenbar zu Boden geworfen, keiner von ihnen spricht. Wie al-Dschasira an das Band kam, teilte der Sender nicht mit. Allerdings ist es mehr als wahrscheinlich, dass die Entführer die Aufnahmen selber machten und dann an den Sender weiterspielten. Auch dieses Zeichen stimmt nicht optimistisch. Ganz offenbar setzen die Gottes-Krieger alles daran, diese Entführung mit allen Mitteln auszuschlachten.

Wie die Regierung in Kabul reagiert, ist kaum auszumachen. Mit Spannung wird heute ein Auftritt von Karzais Sprecher Hamid Zada erwartet - wobei nicht klar ist, ob er über den Entführungsfall sprechen wird. Karzai selber hatte sich nur einmal kurz zu dem Kidnapping geäußert und die Entführung von Frauen verurteilt. Es war einer der verzweifelten Versuche, an die Ehre der Geiselnehmer zu appellieren.

In Ghazni, etwa 150 Kilometer südlich von Karzais Amtssitz, wird heute der Gouverneur weiterhin über Vermittler versuchen, mit den Kidnappern zu reden. Gestern Nachmittag hatte er sich optimistisch gezeigt, dass ihm die Taliban mehr Zeit geben. Diese Hoffnung aber täuschte.

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