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02. Dezember 2009, 08:19 Uhr

Afghanistan-Rede in West Point

Obama zaudert in den Kampf

Von , Washington

30.000 US-Soldaten mehr, ein Rückzug ab 2011 und Pakistan im Fokus: Obamas Afghanistan-Rede in der Militärakademie West Point bot einige Details, aber wenig Visionen. Der US-Präsident hat es verpasst, einen Krieg zu erklären, den viele Amerikaner nicht mehr verstehen.

Nach einer Viertelstunde wird aus der Rede an die Nation plötzlich eine persönliche Ansprache an die Soldaten. Barack Obama steht auf der Bühne des Eisenhower-Saals in der Militärakademie West Point, vor ihm sitzen Hunderte Kadetten der Eliteeinrichtung in ihren Uniformen. Cadet Grey dominiert, eine Farbe, die es nur hier gibt.

Obama hat noch kein Wort darüber verloren, was er zu tun gedenkt in Afghanistan, er hat noch keine der Details genannt, die Amerika seit Tagen in Atem halten. 30.000 Soldaten mehr, 40.000? Ab wann und wie lange?

Der Präsident musste erst über die Vergangenheit sprechen. "Es ist wichtig, sich zu erinnern, warum wir und unsere Verbündeten gezwungen wurden, diesen Kampf zu führen", sinniert er. "Wir haben nicht danach gefragt." Obama zählt auf: die Anschläge vom 11. September, der Terror durch al-Qaida, die fast einstimmige Unterstützung im US-Kongress für einen Einmarsch ins Land am Hindukusch.

Seine Sätze klingen gedrechselt wie im Geschichtsoberseminar.

Doch nun wendet sich der Demokrat direkt an die Soldaten vor ihm im Saal. "Ich weiß, dass diese Entscheidung noch mehr von euch verlangt", sagt er fast verhalten. Er habe Kondolenzbriefe an die Familien jedes Gefallenen geschickt, die Verwundeten besucht, vor den Särgen der Toten salutiert. "Wenn ich nicht denken würde, dass die Sicherheit Amerikas in Afghanistan auf dem Spiel steht, würde ich gerne jeden einzelnen Soldaten nach Hause bringen. Ich mache mir diese Entscheidung nicht leicht."

Schnelle Aufstockung, eiliger Abzug

Darum geht es an diesem Abend - einen Krieg zu erklären, den viele Amerikaner nicht mehr verstehen. Zwei Drittel der US-Bürger glauben in Umfragen, dass der Einsatz in Afghanistan stockt. "Er geht ins neunte Jahr, aber niemand hat wirklich schlüssig erklärt, warum wir dort kämpfen", sagt David Gergen, Kommunikationsberater von vier US-Präsidenten, auf CNN.

Gelingt dies Obama nun?

Der Demokrat bemüht sich. "Afghanistan ist nicht verloren", doch es entwickele sich zurück, die Taliban erstarkten. "Der Status quo ist nicht haltbar", schon wegen der Gefahr, dass das Land wieder Zufluchtsort für Terroristen werde.

Fast drei Monate hat Obama sich Zeit genommen, über einen Neuanfang nachzudenken. Immer wieder tagte der Präsident mit seinen Beratern, nun hat er eine Vorschlagstrias mitgebracht: mehr Militäreinsatz, um die Bedingungen für eine Übergabe an die Afghanen herzustellen. Gleichzeitig die Stärkung ziviler Institutionen, zudem eine effektivere Partnerschaft mit Nachbarn Pakistan, wo sich viele Terroristen verstecken.

Wichtigster Bestandteil: "Als Oberkommandierender habe ich entschieden, dass es in unserem nationalen Interesse liegt, weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan zu schicken."

Aber Obama fügt hinzu: "Nach 18 Monaten werden die Truppen beginnen, nach Hause zu kommen." Dann sollen die afghanischen Sicherheitskräfte durch besseres Training stark genug sein - und das wichtigste amerikanische Ziel erreicht sein: al-Qaida in Afghanistan zu zerstören.

Es ist ein seltsamer Zweischritt. Eine schnelle Truppenaufstockung: Schon bis Sommer 2010 soll die Verstärkung abgeschlossen sein. Aber auch ein rascher Abzugsbeginn, geplant bereits für 2011.

Der Spagat wirft viele Fragen auf. Können so viele Soldaten überhaupt so schnell entsandt werden? Schon erklingen Zweifel aus dem Pentagon. "Das genaue Tempo ist schwer zu berechnen", räumen selbst Obama-Berater in einer Telefonkonferenz mit Journalisten ein.

Verloren in der Theorie

Zudem: Wie ernst nimmt der Gegner den Truppenzuwachs, wenn der Abzug schon feststeht? Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain warnt, so könnten die Taliban einfach abwarten. Und: Wie viel bringen mehr Soldaten, wenn die korrupte afghanische Regierung um Präsident Hamid Karzai an der Macht bleibt?

"Die Zeiten eines Blankoschecks sind vorbei", sagt Obama dazu. Künftig soll mehr US-Geld an lokale Institutionen als an Karzai fließen, soufflieren seine Berater den Reportern. Auch das Abzugsdatum für 2011 sei nur als "Beginn eines Prozesses" zu verstehen, erläutern sie, abhängig von den Bedingungen vor Ort.

Der Nation müsste der Präsident eine Erklärung zum Krieg liefern - und Aufbruchstimmung verbreiten. Obama versucht es, 33 Minuten lang. Aber er verliert sich in Nuancen, im Theoretischen. Sogar seine sonst üblichen persönlichen Geschichten von Begegnungen mit Soldaten oder Bürgern fehlen. Er bleibt auch fast jede Erklärung schuldig, wie die neue Kampfstrategie von US-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal funktionieren soll.

Ist Obama vielleicht selbst nicht ganz entschlossen, auch wenn nun Afghanistan sein Krieg ist? "Bei allen Fehlern, die er gemacht hat, hat George W. Bush immerhin nie Zweifel an seiner Entschlossenheit gelassen", sagt Kolumnist Charles Krauthammer dem TV-Sender Fox News. Sein Nachfolger hingegen scheut bewusst manche starke Vokabel. Kaum ein Wort verliert er mehr über den Aufbau einer Demokratie in Afghanistan. "Ich weigere mich, Ziele zu setzen, die unsere Mittel übersteigen", sagt er.

"Wollen Sie wirklich der neue Kriegspräsident sein?"

Er weiß: Selbst die 30 Milliarden Dollar für die neue Truppenerhöhung sind im schon tiefroten US-Staatshaushalt eigentlich nicht vorhanden. Eine endlose Verpflichtung in Afghanistan kann sich Amerika schlicht kaum noch leisten - und sie könnte seine Wiederwahl 2012 gefährden.

Zumal mit Hilfe kaum zu rechnen ist. Zwar betont Obama, dies sei nicht allein Amerikas Krieg. Truppen-Zusagen von Verbündeten "in den nächsten Tagen und Wochen" stünden in Aussicht. Doch mehr als ein paar tausend Soldaten werden die Europäer nicht beisteuern.

Aber die Mischung aus Vormarsch und Rückzug macht Obamas Überzeugungsarbeit bei der vielleicht wichtigsten Zuhörergruppe nicht einfacher - seinen Anhängern. Viele von denen sehen den Kampf dort nicht mehr als "notwendigen Krieg" an, auch wenn Obama stärkeren Einsatz in Afghanistan im Wahlkampf versprach.

"Wenn der Präsident sich über unsere Einwände hinwegsetzt, soll er ruhig auch nach einer Steuer fragen müssen, um dafür zu bezahlen", meint der demokratische Kongressabgeordnete Mike Honda. Derzeit wird eine "Kriegsteuer" unter Demokraten diskutiert, damit der Einsatz nicht Geld für andere Reformprojekte blockiert. Maxine Waters, Demokratin aus Kalifornien, sagt nach der Rede: "Ich will mich auf Probleme daheim konzentrieren."

Filmmacher Michael Moore, Liebling der US-Linken, geht Obama noch härter an: "Durch die Truppenerhöhung zerstören Sie die Hoffnungen und Träume, die Millionen in Sie gesetzt haben." In einem offenen Brief fragt Moore Obama, ob er wirklich der neue "Kriegspräsident" sein wolle. Die Internetorganisation MoveOn.org, die Obama mit ins Weiße Haus tragen half, fordert seine über drei Millionen Anhänger zu Protestanrufen im Weißen Haus auf: "Der Präsident muss zuhören."

Dessen Berater sind da noch mit dem Spin des Tages beschäftigt. Das Vertrauen der Afghanen werde durch die Truppenerhöhung "gestärkt", argumentieren sie.

Vielleicht sollte Obama sich auch um das Vertrauen der Amerikaner sorgen.

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