Konflikt mit Terrormiliz Regierung in Kabul will drei hochrangige Taliban freilassen

Neue Hoffnung für Friedensgespräche? Der afghanische Präsident Ghani hat die Freilassung dreier hochrangiger Taliban-Mitglieder angekündigt. Ziel ist womöglich ein Gefangenenaustausch mit zwei westlichen Professoren.

Der afghanische Aschraf Ghani sieht in der Freilassung eine "schwierige, aber wichtige" Entscheidung
AP Photo/Rahmat Gul

Der afghanische Aschraf Ghani sieht in der Freilassung eine "schwierige, aber wichtige" Entscheidung


Kehrtwende in Kabul: Die afghanische Regierung will drei hochrangige Taliban-Gefangene freilassen. Das erklärte Präsident Aschraf Ghani bei einer Pressekonferenz. Unter ihnen sei auch Anas Hakkani, der jüngere Bruder des Anführers des Hakkani-Netzwerkes und Vize-Chefs der Taliban, Siradschuddin Hakkani.

Bedingung für die Freilassung ist dem Vernehmen nach, dass die Taliban ihrerseits zwei von ihnen entführte Professoren freilassen, die an der Amerikanischen Universität in Kabul tätig waren. Das würde auch den Sinneswandel der afghanischen Regierung erklären: Erst Ende Oktober hatte ein Sprecher des Präsidentenpalastes erklärt, Hakkanis Freilassung sei eine rote Linie für die Regierung und die Menschen Afghanistans.

Die beiden Professoren, der US-Amerikaner Kevin King und sein australischer Kollege Timothy Weeks, waren im August 2016 von den Radikalislamisten in Kabul verschleppt worden. In einer Erklärung von 2017 sagten die Entführer, dass King an Herz- und Nierenproblemen leide.

Mindestens zwei Mal war in Kommando-Aktionen versucht worden, die beiden Professoren zu befreien, doch die Spezialkräfte sollen die Geiseln jeweils knapp verpasst haben. 2017 hatte der Australier Weeks in einem Video die US-Regierung um Hilfe gebeten: "Wenn wir länger hier bleiben, werden wir getötet. Ich möchte hier nicht sterben."

Die Amerikanische Universität in Afghanistan erklärte am Dienstag, die jüngsten Nachrichten seien "ermutigend".

Hakkani-Netzwerk soll hinter Anschlag vor deutscher Botschaft stecken

Ghani sprach in der Pressekonferenz von einer "schwierigen, aber wichtigen" Entscheidung. Mit dieser wolle man auch den Weg für persönliche und direkte Gespräche mit den Taliban ebnen, um Frieden und Stabilität zu erreichen. Bisher hatten sich die Radikalislamisten geweigert, direkte Friedensgespräche mit der Regierung aufzunehmen, die sie als "Marionette" des Westens betrachten. Ein Sprecher der Miliz sagte, man werde "demnächst" eine eigene Erklärung abgeben.

Das Hakkani-Netzwerk ist Teil der Taliban und verantwortlich für einige der grausamsten Anschläge in Afghanistan. Laut deutschen Sicherheitskreisen stand das Netzwerk auch hinter dem schweren Anschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul im Mai 2017. Damals waren mindestens 90 Menschen getötet und mehrere Hundert verletzt worden.

Die Freilassungen könnten Beobachtern zufolge auch dazu beitragen, die im September abgebrochenen Friedensgespräche zwischen den USA und den Taliban wieder zu starten. Gleichzeitig könnte so auch der Hakkani-Flügel von neuen Gesprächen über eine Lösung des Afghanistan-Konflikts überzeugt werden.

US-Präsident Donald Trump hatte im September kurz vor einer in Aussicht gestellten Einigung die Gespräche mit den Taliban für "tot" erklärt. Auslöser war ein Anschlag in Kabul, bei dem ein US-Soldat starb. Zuletzt fanden in der afghanischen Hauptstadt gezielte Tötungen und kleinere Angriffe auf Sicherheitskräfte statt.

mes/dpa

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