Rückschritte bei Frauenrechten "Die Taliban sind zurück"

Wenn die Amerikaner abziehen, wächst vielerorts in Afghanistan der Einfluss der Taliban wieder. Aus der Sicht von Frauen und Mädchen ist das eine Katastrophe, meint die Wirtschaftswissenschaftlerin Soman Sadat.

Kämpfer der Taliban in der Provinz Nangarhar (Archivbild)
REUTERS

Kämpfer der Taliban in der Provinz Nangarhar (Archivbild)

Ein Interview von


Von Gleichberechtigung sind die Frauen in der Republik Afghanistan weit entfernt. Trotzdem ist in den vergangenen 18 Jahren seit dem Sturz der Taliban viel passiert: Mädchen gehen in die Schule und besuchen die Universität, immer mehr verdienen nach der Ausbildung eigenes Geld. Frauen beanspruchen Mitbestimmung in der Gesellschaft.

Zur Person
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    Die 28-Jährige Soman Sadat stammt aus der 37.000-Einwohner-Stadt Andkhoi im Norden Afghanistans, nahe der turkmenischen Grenze. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften in Jawzjan und organisiert seit 2013 die Frauenzentren des Hamburger Vereins Afghanistan-Schulen in der Nordprovinz Faryab. Die Hilfsorganisation ist seit den Achtzigerjahren in der Region präsent.

Anstatt Burka tragen viele auf der Straße heute nur noch ein Kopftuch. Frauenrechte sind zumindest gesetzlich verbrieft, wenn sie auch in der Realität oft kaum umgesetzt werden. Das ist schon gar nicht der Fall, wo die Taliban die Macht erneut übernommen haben. Die Islamisten sind genauso radikal wie ihre Vorgänger in den Neunzigerjahren.

SPIEGEL ONLINE: Die Amerikaner sind kurz davor, ein Abkommen über ihren Abzug aus Afghanistan zu unterschreiben - kann das den Frieden bringen?

Soman Sadat: Es ist ein Vertrag, an dem wir Afghanen gar keinen Anteil haben, die Regierung ist ja nicht einbezogen. Der Vertrag wird gut sein für die USA, weil sie sich zurückziehen können und gut für die Taliban, weil sie dann das Land übernehmen. Und er wird sehr, sehr schlecht sein für uns Afghaninnen.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann sind die Taliban wieder da?

Sadat: Am Mittwoch wurde in Faryab der Bezirk Qurghan eingenommen. Dort befindet sich eines unserer Frauenzentren. Wir lehren Frauen zwischen 17 und 30 Jahren das Lesen und Schreiben, Nähen und Sticken, damit sie etwas Geld verdienen und nicht bei ihren Vätern und Ehemännern betteln müssen und wie Sklavinnen behandelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum wurden die Taliban nicht von der afghanischen Armee gestoppt?

Sadat: Die Soldaten und die Polizei versuchten, den Bezirk zu halten, aber die Taliban kamen immer näher an das Gouverneursbüro und das Marktzentrum heran. Irgendwann gaben sie dann auf und überließen ihnen das Zentrum. Jetzt sind die Taliban überall. Sie haben das Sagen. Schon im Dezember 2018 hatten sie erstmals die Bezirke Qaramqul und Qurghan angegriffen und die Dörfer im Bezik Andkhoi. Unsere Förderkurse an Schulen in Qaramqul sind schon seit einem Jahr geschlossen.

Soman Soman (Archivbild)
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SPIEGEL ONLINE: Wie geht das Leben jetzt weiter?

Sadat: Am Mittwoch wollten unsere Lehrerinnen morgens mit der Motorradrikscha zur Arbeit fahren, wie immer. Auf der Straße von Andhkoi wurden sie von etwa 30 Taliban gestoppt. Die fragten sie erst eine Stunde lang aus, was genau sie in dem Frauenzentrum machen. Dann schickten sie unsere Lehrerinnen nach Hause, mit der Begründung, ihre Arbeit sei unislamisch. Eine Stunde später erhielt unsere Managerin in Qurghan einen Anruf von den Taliban, sie sagten, sie solle das Zentrum schließen und sich entfernen. Seither ist es geschlossen. Es wird immer wieder gekämpft. Inzwischen haben Regierungstruppen gerade wieder die Kontrolle. Wer weiß, wie lange?

SPIEGEL ONLINE: Die Taliban haben gesagt, sie hätten sich geändert, seien moderner, moderater. Stimmt das nicht?

Sadat: Die Älteren unter uns sagen, die neuen Taliban seien noch schlimmer als die früheren in den Neunzigerjahren. Früher galt es als Sünde, eine Frau nur anzusehen, nun hören wir von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. Die heutigen Taliban kommen nicht mehr aus den Dörfern, sondern von außerhalb, es gibt Ausländer unter ihnen, Tschetschenen zum Beispiel. Die Fremden leiten die örtlichen Taliban an und verbreiten Angst und Schrecken. Männer müssen sich wieder Bärte wachsen lassen, Frauen lange Kleider tragen, sie dürfen keine Telefone benutzen und nur mit ein, besser zwei männlichen Verwandten das Haus verlassen. Das Schlimme ist, unsere Männer fühlen sich auch noch ermutigt, die Taliban-Regeln zu befolgen und führen die alten Sitten wieder ein.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen sie das? Aus Furcht?

Sadat: Vielen unserer Väter, Ehemänner und Brüder gefällt es durchaus, dass die Frauen das Haus jetzt wieder nur noch im Notfall verlassen dürfen und sie darüber wachen können, dass wir wieder voll verschleiert in Burka auf der Straße herumlaufen.

Unterricht im Frauenzentrum in Faryab
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Unterricht im Frauenzentrum in Faryab

SPIEGEL ONLINE: Ändern Männer ihr Verhalten gegenüber ihren Frauen auch im eigenen Haus, wenn die Taliban herrschen?

Sadat: Viele Männer hier schätzen unsere Qualifizierungszentren nicht. Es heißt jetzt wieder, sie verdienten doch genug, dass die Frau zu Hause bleiben können. Einige Männer waren gar nicht glücklich mit den Entwicklungen der vergangenen Jahre, als die Frauen begannen, ihr Gesicht zu zeigen auf der Straße, sich zu qualifizieren, arbeiten gingen. Nur ihre Einkünfte waren willkommen. Frauen redeten plötzlich aber auch mit in der Familie und waren an Entscheidungen beteiligt. Unsere Männer und Väter beginnen jetzt, selbst wie Taliban zu denken.

SPIEGEL ONLINE: Was fürchten Sie am meisten?

Sadat: Dass das Land wieder so wird, wie sich die Taliban das vorstellen: Keine Schulen für Mädchen, keinerlei Entwicklung, keine weibliche Mitbestimmung, und wir Frauen enden unter einem Gefängnis aus Stoff, als rechtlose Gebärmaschinen, die so viele Kinder bekommen wie möglich.

insgesamt 32 Beiträge
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babbi7 03.09.2019
1. Liebe Frau Sadat,
sollen nun Frauenrechte in Ihrer Region durch Militärpräsenz westlicher Mächte verteidigt, bzw. vorangebracht werden, was wiederum zu mehr Anschlägen, welcher Arte auch immer, in Europa resultieren wird? Frauen in der westlichen Welt haben ihren heutigen Status nicht mit Kriegen erreicht, sondern durch Bildung!
aschu0959 03.09.2019
2. Nein, wirklich?
Die muslimischen Afghanen werden nicht zu friedliebenden Demokraten, obwohl wir sie seit jahrzehnten Bombardiert und zusammengeschossen haben? Ich mags kaum glauben. Könnte es etwa doch damit zu tun haben, daß zu wenig Schulen,und Medien geschaffen wurden, die den dort herschenden Zustand kritisieren, den Glauben vor das Wissen zu stellen ?
spontanistin 03.09.2019
3. Finanziert u. a. mit Petrodollars...
... von unseren Freunden in Saudi-Arabien! Wie ernst muss man dann die Parole nehmen: "Unsere Freiheit wird am Hindukusch verteidigt!"? War das nicht ein promoviertes SPD-Mitglied? Im übrigen eine leicht zu durchschauende und perfide Strategie der Regional- und Supermächte, die eigene Vormachtstellung durch Anzetteln von Bürgerkriegen zu sichern.
sabaka56 03.09.2019
4. Es ist so traurig
Es stimmt einen wirklich traurig und nachdenklich, wenn man diesen Bericht so lesen muss. Aber wo liegt der Sinn, wenn man die Menschenrechte mit Waffengewalt erkämpfen muss und sie auch noch jeden Tag mit Gewalt verteidigen muss. Wer ist bereit den Blutzoll zu tragen.
krautrockfreak 03.09.2019
5. Ein Planet - viele Zeitalter... das ist wie bei uns im Mittelalter,
auch da mussten die Frauen für ihre Rechte kämpfen, bis vor wenige Jahrzehnte und selbst heute ist noch nicht ales so, wie es sein sollte. Und Afghanistan ist Mittelalter, in jeder Beziehung. Solange die Frauen sich nicht solidarisieren, wird sich nichts ändern.
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