Afghanistan Struck vor Raketen in Bunker geflüchtet

Afghanische Rebellen haben das deutsche Lager in Kabul mit Raketen beschossen, jagten Verteidigungsminister Struck in den Bunker. Doch Angriffe auf "Camp Warehouse", der Zeltstadt der Bundeswehr, gehören in Kabul fast schon zum Alltag. Hinter den Attacken steckt wahrscheinlich der radikale Warlord Gulbuddin Hekmatjar.
Von Claus Christian Malzahn



Kabul - Wenn der deutsche Verteidigungsminister die Bundeswehr in Afghanistan besucht, gilt in Kabul die höchste Sicherheitsstufe. Es fahren mehr Militärpatrouillen als gewöhnlich durch die Stadt, Besucherverkehr im "Camp Warehouse" findet nicht mehr statt, die Polizei stoppt jedes Auto mit getönten Scheiben, sperrt kilometerlange Straßen.

Dass es den Gegnern der Regierung von Hamid Karzai heute trotzdem gelungen ist, einige Raketen auf die Zeltstadt der Isaf-Truppen am Rande Kabuls abzufeuern, zeigt deshalb, dass in Afghanistan längst wieder die Warlords und Rebellen den Ton angeben - sogar in der Hauptstadt. Zwar wurde durch die Raketen sowjetischer Bauart niemand getötet oder verletzt. Die Selbstzünder sind nicht besonders effektiv: Sie reichen nur wenige Kilometer und treffen ihr Ziel nie punktgenau. Auch heute detonierten die Raketen hunderte Meter vor der Kaserne, in der Peter Struck gerade zu Besuch war.

Dennoch hätte sich der deutsche Verteidigungsminister kaum ein schlechteres Omen beim Wachwechsel vorstellen können. Das passt zur Stimmung in Kabul, die immer schlechter wird: In einem Interview deutete Präsident Hamid Karzai vor kurzem sogar an, er stehe für eine zweite Amtsperiode möglicherweise nicht zur Verfügung - angeblich, um Personenkult zu vermeiden. Doch sogar enge Freunde Karzais befürchten, der Mann mit dem Chapan habe resigniert.

Auftrieb hat zurzeit vor allem Karzais schlimmster Gegner: Gulbuddin Hekmatjar. Der 52-jährige Paschtune hat schon im vergangenen Sommer Raketen auf das Isaf-Camp abfeuern lassen, er steckt hinter den meisten Angriffen auf die Regierung und ihre Verbündeten. Man kann davon ausgehen, dass er auch heute die Attacke befahl - quasi zur Begrüßung des deutschen Ministers.

Hekmatjar ist einer der brutalsten Warlords Afghanistans. Schon Ende der sechziger Jahre kämpfte der Islamist mit furchtbaren Methoden gegen das liberale, seiner Ansicht nach verwestlichte Kabul. Weil Studentinnen damals manchmal sogar im Minirock und unverschleiert über den Campus der Universität flanierten, überfiel er als Mitglied der "Islamischen Jugend" junge Frauen - und verätzte ihnen mit Säure das Gesicht.

In den neunziger Jahren legte er dann während des Bürgerkriegs halb Kabul in Schutt und Asche. Die meisten Ruinen in der Hauptstadt haben nicht die Russen produziert, sondern die Soldateska Gulbuddin Hekmatjars. Dann floh der geborene Opportunist vor den Taliban in den Iran - um sich heute wieder mit ihnen gegen Karzai zu verbünden.

Der Anschlag auf das Isaf-Camp wird nun noch einmal Schlagzeilen machen, weil auch ein Minister in der Gefahr stand, getroffen zu werden. Doch der Terror, der sich einen kurzen Frühling lang aus Kabul verabschiedet hatte, ist bereits seit Monaten zurück. Schon im August explodierte eine Autobombe mitten in der Stadt und riss mehr als 30 Menschen in den Tod. Raketen flogen zuletzt Anfang Februar auf Camp Warehouse. Und im Dezember jagte sich ein Selbstmordattentäter am Haupttor der Kaserne in die Luft, zwei Dolmetscher starben dabei.

Dass es in der drei Millionen Einwohner großen Stadt keine Garantie für Sicherheit gibt, ist deshalb nichts Neues. Doch mit dem heutigen Anschlag wird deutlich, wer im Land die Initiative übernommen hat. Karzai ist es nicht, auch nicht die Isaf, deren Soldaten das Camp mit einem fein ziselierten Sicherheitssystem auch außerhalb des Lagers vor genau solchen Attacken schützen sollen. Immerhin: Die Rakete verfehlte ihr Ziel - offenbar trauten sich die Rebellen nicht nah genug an ihr Ziel heran, was an der dichten Militärpräsenz gelegen haben mag. Doch irgendwann werden Hekmatjars Helfer Erfolg haben. Im Gegensatz zu Hamid Karzai hat der Zündler viel Zeit.

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