Afghanistan Taliban feuern Rakete auf Präsidentenpalast in Kabul

Die Taliban beweisen ihre Macht: Zwei Tage vor den Wahlen in Afghanistan haben sie eine Rakete auf den Sitz von Präsident Karzai in Kabul gefeuert. Verletzt wurde niemand - doch den Behörden gelingt es nicht, die Hauptstadt zu schützen.


Kabul - Es sind Attacken, die direkt auf die afghanische Regierung zielen: Zwei Angriffe erschütterten die Hauptstadt Kabul am Dienstag. Eine Rakete schlug nach Angaben der Polizei auf dem Gelände des Präsidentenpalastes in Kabul ein, eine zweite traf das Hauptquartier der afghanischen Polizei. Niemand wurde verletzt. Im schwer bewachten Präsidentenpalast kam es zu Sachschäden.

Die Taliban haben mehrfach für die Wahlen am Donnerstag mit Anschlägen gedroht - bereits zweimal haben die Extremisten im August Raketen auf Kabul abgefeuert. Am Samstag haben die Taliban einen Anschlag vor dem Hauptquartier der Isaf in Kabul verübt, sieben Menschen starben, Dutzende wurden verletzt.

Unterdessen hat die Nato angekündigt, offensive Militäraktionen während den Präsidenten- und Provinzwahlen am Donnerstag zu unterlassen. Nur Operationen, die nötig seien, um Menschen zu schützen, würden an dem Tag ausgeführt, teilte die Allianz mit. Damit folge man dem Appell der afghanischen Regierung, die zu einem "Tag des Friedens" aufgerufen hat.

Zu den Wahlen sind insgesamt 17 Millionen Afghanen aufgerufen. Favorit bei der zweiten Präsidentenwahl seit dem Sturz der Taliban 2001 ist Amtsinhaber Hamid Karzai. Insgesamt stehen 41 Kandidaten, darunter zwei Frauen, auf den Wahlzetteln; vier von ihnen haben über die Medien ihren Rückzug bekanntgegeben, nur einer davon meldete dies offiziell bei der Zentralen Wahlkommission an. Die Wahlen finden unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt: 200.000 afghanische und 100.000 internationale Sicherheitskräfte sollen die etwa 7000 Wahllokale absichern. Die radikalislamischen Taliban haben mit Anschlägen auch am Tag der Abstimmung gedroht.

Unterdessen reißt die Debatte über den Einsatz der deutschen Truppen am Hindukusch nicht ab. Der Grünen-Politiker Nachtwei forderte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) zu einer strategischen Generalinventur des Afghanistan-Einsatzes auf. "Der Einsatz droht ein Desaster zu werden, wenn die Bundesregierung nicht endlich zu Ehrlichkeit und Konsequenz findet", sagte er dem "Tagesspiegel" von Dienstag. Nötig seien überprüfbare Ziele für die Aufbauanstrengungen, um auf dieser Grundlage eine Abzugsperspektive zu entwickeln. Ohne einen solchen Zeithorizont lande die deutsche Afghanistan-Strategie "beim Sankt-Nimmerleins-Tag" und "ein Endloseinsatz wäre in der Tat ein Desaster" sagte Nachtwei.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Rainer Arnold, kritisierte im "Tagesspiegel" Jungs Aussage, der deutsche Afghanistan könne noch zehn Jahre dauern. Wer so rede, verkenne, "dass das die deutsche Gesellschaft nicht durchhält". Deshalb gelte jetzt, dass alle Beteiligten, auch die afghanische Regierung, mehr für die Verbesserung der Sicherheitslage tun müssten.

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann, warnte vor der Festlegung eines Abzugstermins. "Wer ein Datum nennt, gibt den Taliban gewissermaßen eine Kalkulationsgrundlage, wie lange sie noch durchhalten müssen", sagte er dem "Tagesspiegel".

Auch in den USA wird über den Afghanistan-Einsatz debattiert: US-Präsident Barack Obama schwor sein Land auf einen langen Kampf gegen die Taliban und andere Aufständische in Afghanistan ein. "Wir werden sie nicht über Nacht besiegen. Das geht weder schnell noch einfach", sagte Obama vor Kriegsveteranen im US-Bundesstaat Arizona. Zugleich verteidigte er den Einsatz am Hindukusch als "grundlegend für den Schutz des amerikanischen Volkes".

US-Außenministerin Hillary Clinton lobte die Afghanen für ihren Mut, "diese Wahl trotz der Belastungen des Krieges abzuhalten". Die USA und die internationale Gemeinschaft seien stolz darauf, dabei zu helfen, erklärte sie am Montag in Washington. Zugleich hob Clinton hervor, dass ihr Land bei der Wahl für keinen der Kandidaten Partei ergreife.

anr/AFP/Reuters

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