Afghanistan Taliban-Führer droht mit Explosion der Gewalt

Experten schlagen Alarm: Die radikalislamischen Taliban haben ihren Einfluss in Afghanistan erheblich ausgeweitet. Ihr Führer Mullah Omar kündigte für das kommende Jahr eine Welle der Gewalt an. Im Nachbarland Pakistan wurden binnen zweier Nächte 300 Nato-Nachschub-Fahrzeuge in Brand gesetzt.


Peschawar - Aufständische in Pakistan haben in der vergangenen Nacht fast 100 Nato-Fahrzeuge mit Nachschub-Lieferungen für die Streitkräfte in Afghanistan in Brand gesetzt. Der Angriff ereignete sich laut Polizei an einer Verladestation in der Nähe der Stadt Peschawar im Nordwesten des Landes. Die Angreifer hätten die Fahrzeuge, darunter Last- und Geländewagen, mit Benzin übergossen und anschließend angezündet. Feuerwehrleute retteten 40 weitere Fahrzeuge vor der Zerstörung.

Peschawar: Ausgebrannte Lastwagen der Nato
REUTERS

Peschawar: Ausgebrannte Lastwagen der Nato

Eine Nacht hatten rund 200 bewaffnete Taliban-Rebellen am Stadtrand von Peschawar fast 200 Fahrzeuge für die Nato-Truppen in Afghanistan angesteckt und dabei einen Wächter getötet.

Anfang Dezember hatten die radikalislamischen Taliban ein Dutzend Lastwagen in Peschawar zerstört, die ebenfalls Material für die Nato im Nachbarland geladen hatten. Dabei wurden zwei Menschen erschossen. Im November überfielen und plünderten Taliban-Kämpfer im pakistanischen Stammesgebiet 15 Lkw mit Ziel Afghanistan. Daraufhin wurden die Militärtransporte ins Nachbarland vorübergehend ausgesetzt.

So spektakulär diese Aktionen wirken, für Experten kommen sie keineswegs überraschend. Nach ihrer Einschätzung haben die Taliban ihren Einfluss in Afghanistan erheblich ausgeweitet - bis über die Grenzen des Landes hinaus, tief hinein nach Pakistan. In Afghanistan seien die Aufständischen mittlerweile auf 72 Prozent des Landesterritoriums präsent, heißt es in einer Studie der europäischen Expertengruppe International Council on Security and Development (ICOS). Im vergangenen Jahr lag der Vergleichswert noch bei 54 Prozent. Vor allem im Süden des Landes beherrschen die Taliban dem Bericht zufolge viele Städte und Dörfer. ICOS zufolge stehen sie mittlerweile auch "vor den Toren der Hauptstadt": Es sei den Rebellen gelungen, zahlreiche Stützpunkte in der Nähe von Kabul zu schaffen.

Auch drei der vier wichtigen Zufahrtsstraßen nach Kabul werden dem Bericht zufolge von den Taliban kontrolliert. Die Straße nach Westen führe bereits nach einer halben Stunde Fahrt von der Stadtgrenze aus durch unsicheres Gebiet, die Straße nach Osten könne nur eine Stunde lang ohne Probleme befahren werden. Unsicher ist demnach auch die Straße in die südliche Provinz Logar. Sieben Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes gebe es Anzeichen dafür, dass die Islamisten das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Mit den Nato-Truppen und der afghanischen Regierung seien die Menschen dagegen zunehmend unzufrieden. Als Hauptgründe werden der Kampf gegen den Opium-Anbau, der Tod von Zivilisten bei Luftangriffen und die hohe Arbeitslosigkeit genannt.

Das afghanische Außenministerium wies die Darstellung der europäischen Experten zurück. Die problematischen Bereiche beschränkten sich auf wenige Bezirke im Süden und Osten des Landes, teilte das Ministerium in Kabul mit. Für die Studie habe ICOS "sporadische" Aktivitäten der Taliban medienwirksam überbewertet. Die auf Sicherheitsfragen spezialisierte Organisation hatte einen Angriff pro Woche als Hinweis auf eine ständige Präsenz der Taliban in einem Gebiet gewertet.

Mullah Omar kündigt weitere Gewalt an

Auch die Taliban selbst sehen sich im Vormarsch. Ihr flüchtiger Führer Mullah Omar, der pakistanischen Stadt Quetta vermutet wird, hat für das kommende Jahr eine Explosion der Gewalt in Afghanistan angekündigt. Statt wie bisher Hunderte Opfer werde es Tausende Tote und Verletzte geben, überall würden Kämpfe aufflammen, sagte Omar in einer Erklärung, die zum Auftakt des muslimischen Opferfestes am Sonntag auf einer Taliban-nahen Internetseite veröffentlicht wurde.

Appelle von Präsident Hamid Karzai zur Aufnahme von Friedensgesprächen wies er zurück. Omar forderte seine Anhänger auf, jeden zu bestrafen, der Menschen für ein Lösegeld entführe. Der Schutz menschlichen Lebens sei ein wichtiges Ziel des Dschihads, des Heiligen Krieges, erklärte er.

Karzai forderte erneut bewaffnete Aufständische auf, die Gewalt einzustellen und sich der Regierung anzuschließen. Der Präsident hatte Omar im vergangenen Monat sogar Schutz angeboten, wenn er die afghanische Verfassung akzeptiere und Friedensgespräche aufnehme.

Afghanistan durchlebt bereits jetzt die blutigste Zeit, seit die Taliban im Jahr 2001 in einem US-geführten Krieg gestürzt wurden. Derzeit sind 60.000 ausländische Soldaten in Afghanistan stationiert, darunter 32.000 Amerikaner. Die US-Kommandeure haben weitere 20.000 Soldaten angefordert, um die Gewalt in den Griff zu bekommen.

asc/AFP/AP



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