Afghanistan Taliban stürmen Polizeikaserne

Die Taliban gewinnen in Afghanistan wieder an Stärke. Nun stürmten sie eine Polizeikaserne, erschossen viele Beamte und entführten weitere Polizisten. Die US-Armee leitete eine Untersuchung zu den Schüssen auf Demonstranten in Kabul ein.


Kandahar - Im Süden Afghanistans haben Taliban-Kämpfer offiziellen Angaben zufolge mindestens zwölf Polizisten getötet und bis zu 40 weitere entführt. Mehr als zehn Polizisten seien bei einem Angriff der Extremisten gestern Abend in der südlichen Provinz Sabul ums Leben gekommen, teilte ein Behördenvertreter heute mit.

Bei einem zweiten Angriff in der Provinz Urusgan attackierten Taliban nach Angaben eines Behördenvertreters eine Polizeistation. Dutzende Polizisten seien entführt worden. Einem Sprecher der Taliban zufolge wurden bei dem Angriff zudem mehrere Polizisten getötet. Wie der Mann in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur Reuters mitteilte, werden die Leitung der Taliban über das Schicksal der entführten Polizisten entscheiden.

Die Sicherheitskräfte hatten die Taliban zuvor aus der Stadt Chora vertrieben, wie der regionale Polizeichef Rosi Chan heute mitteilte. Vorausgegangen sei ein stundenlanges Gefecht der Rebellen mit rund hundert Polizisten. Die Taliban hätten die Polizeikaserne später wieder verlassen, nachdem sie die Polizeifahrzeuge in Brand gesteckt hatten.

Im Süden Afghanistans wurde auch der Polizeichef der Provinz Sabul, Mohammed Rasul, in einem Hinterhalt mutmaßlicher Rebellen getötet. Nach Angaben der Provinzbehörden traf eine Rakete Rasuls Fahrzeug während einer Patrouillenfahrt in der Nähe der Provinzhauptstadt Kalat. Bei dem Angriff auf den Konvoi seien zudem fünf Polizisten verletzt worden.

Die Angriffe der Taliban haben in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Bei den Kämpfen sollen seit Mitte Mai fast 400 Menschen getötet worden sein, zumeist Aufständische. Im Norden von Afghanistan wurden gestern vier Mitarbeiter einer Hilfsorganisation erschossen. Bei den Opfern handle es sich um drei afghanische Frauen und ihren Fahrer.

US-Sprecher: Soldaten schossen zur Selbstverteidigung

In Kabul kam es am Montag zu den schwersten Unruhen seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Auslöser war ein von US-Truppen verursachter Verkehrsunfall. US-Militärsprecher Oberst Tom Collins erklärte jetzt, es sei eine Untersuchung eingeleitet worden, ob die Soldaten direkt auf Demonstranten geschossen hätten oder nur über ihre Köpfe hinweg. Hintergrund sind Berichte, wonach viele der Getöteten Schusswunden aufwiesen.

Laut dem US-Oberst zeigten Videoaufnahmen von den Unruhen, dass die ersten Schüsse aus der Menschenmenge kamen. Er fügte jedoch hinzu, die Untersuchungen der Vorfälle stünden erst am Anfang.

Unklar blieb auch heute die Opferzahl. Das Gesundheitsministerium sprach von insgesamt 20 Toten und 160 Verletzten bei dem Unfall, dem angeblichen Beschuss durch US-Truppen und den anschließenden Unruhen. Das Innenministerium gab die Opferzahl dagegen mit sieben eben an.

Ministeriumssprecher Jousif Staniksai sagte, mehr als 100 Menschen seien nach den Unruhen festgenommen worden. Heute blieb es in Kabul zunächst ruhig. Afghanische Soldaten patrouillierten nach einer nächtlichen Ausgangssperre durch die Straßen.

Kritik vom Bundeswehrverband

In Afghanistan sind auch 2500 deutsche Soldaten stationiert. Einsatzgebiet der deutschen Isaf-Soldaten sind die Hauptstadt Kabul sowie die Umgebung von Kunduz und Faizabad im Nordosten des Landes. Verteidigungsminister Franz-Josef Jung hat sich inzwischen besorgt über die Sicherheitslage in Afghanistan geäußert. Im ARD-"Morgenmagazin" verwies der CDU-Politiker heute auf die Zunahme "terroristischer hinterhältiger Anschläge" in den vergangenen Monaten. "Wir haben leider in diesem Jahr bereits schon so viel Anschläge auf ganz Afghanistan bezogen wie im letzten Jahr", sagte Jung. Die Region in Süden und Osten sei gefährlicher, aber auch der Einsatz in Norden sei nicht ungefährlich. "Und deshalb muss man sich die Entwicklung mit Sorge anschauen", erklärte der Minister.

Die Bundeswehr ist nach seinen Worten nach wie vor bei der Bevölkerung gut angesehen: "Wir haben Umfragen, dass über 95 Prozent das Auftreten der Bundeswehr sehr positiv beurteilen." Nicht festlegen lassen wollte sich Jung in der Frage, wie lange der deutsche Einsatz in Afghanistan noch andauern wird: "Wir brauchen dort Stabilisierung und mehr Sicherheit."

Dagegen kritisierte der Bundeswehrverband die deutschen Auslandseinsätze als konzeptlos und Besorgnis erregend. Mit Blick auf die Lage in Afghanistan sagte der Verbandsvorsitzende Bernhard Gertz der "Leipziger Volkszeitung", der Einsatz dort basiere nicht auf einem wirklich schlüssigen Konzept. Die Aufgabenverteilung zwischen den Nationen funktioniere nicht richtig: "Insgesamt verfehlen wir das Ziel, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern." Den Politikern warf Gertz vor, sich manchmal die Verhältnisse schön zu reden. Das sei schon in Bosnien und im Kosovo der Fall gewesen.

lan/AP/dpa/Reuters



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