Mord im Gouverneurspalast Taliban wollen Wahlen in Afghanistan mit Terror stoppen

Am Wochenende sollen die Afghanen ein neues Parlament wählen. Die Taliban haben aber zu einem Boykott aufgerufen - und einen folgenschweren Anschlag auf einen verhassten General verübt.
Militärübung in Afghanistan

Militärübung in Afghanistan

Foto: Rahmat Alizadah/ dpa

Abdul Rasik Atschiksai hatte mehr als einen Anschlag überlebt in den 39 Jahren, die er am Leben war. Am Donnerstag jedoch wurde der afghanische General getötet. Der einflussreiche Polizeichef der Unruheprovinz Kandahar war bei der Bevölkerung berüchtigt für seine Brutalität und aufgrund seiner Zusammenarbeit mit den Nato-Truppen verhasst bei den Taliban.

Die radikalislamische Truppe reklamierte den Anschlag für sich, der viel aussagt über die katastrophale Sicherheitslage am Hindukusch. Denn der Attentäter - ein Bodyguard des Gouverneurs von Kandahar - eröffnete Medienberichten zufolge auf dem Gelände des Gouverneurspalast das Feuer, wo sich der Polizeichef mit General Scott Miller getroffen hatte, dem Oberkommandeur der US- und Nato-Truppen in Afghanistan.

Abdul Rasik Atschiksai

Abdul Rasik Atschiksai

Foto: STRINGER / REUTERS

Miller überlebte das Attentat unverletzt. Aber neben Atschiksai wurde auch der Geheimdienstchef von Kandahar, Abdul Momin, getötet und der Gouverneur von Kandahar, Sulmai Wesa, verletzt. Nicht nur der vermeintlich gut gesicherte Ort des Attentats ist besorgniserregend, sondern auch der Zeitpunkt. Am Wochenende sollen die Afghanen ein neues Parlament wählen.

68 Politikerinnen im nächsten Parlament

Die Wahl ist überfällig. Eigentlich hätten die Afghanen bereits vor mehr als drei Jahren ihr Votum darüber abgeben sollen, wer die 250 Politiker sein werden, die sie künftig im "Haus des Volkes" in der Hauptstadt Kabul vertreten werden. Doch aufgrund einer komplexen Wahlrechtsreform wurde die Abstimmung immer wieder verschoben.

Egal wie die Wahl ausgeht, steht bereits jetzt fest, dass mindestens 68 Frauen dem nächsten afghanischen Parlament angehören werden. So viele Sitze sind laut Verfassung für Politikerinnen reserviert. Insgesamt gibt es nach dpa-Angaben mehr als 2500 Kandidaten.

Wahlvorbereitungen

Wahlvorbereitungen

Foto: MOHAMMAD ISMAIL/ REUTERS

Die Taliban kündigten bereits seit Wochen an, Anschläge während der Wahl zu verüben. Sie bezeichnen den Urnengang als "amerikanische Verschwörung", fordern alle Afghanen zum Boykott auf und warnen Schuldirektoren, ihre Bildungseinrichtungen nicht als Wahlbüros nutzen zu lassen. Mit Straßensperren im ganzen Land wollen sie den Demokratisierungsprozess außerdem aufhalten.

"Moralisch nicht in der Lage zu wählen"

Einen ersten Erfolg können die Taliban bereits verzeichnen. Als Reaktion auf den folgenschweren Anschlag am Donnerstag in Kandahar wird der Wahlgang dort um eine Woche verschoben. Ein Sprecher der unabhängigen Wahlkommission sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters, die Menschen in Kandahar seien nach dem Anschlag "moralisch nicht in der Lage zu wählen".

Sicherheitskräfte der afghanischen Regierung in Kabul

Sicherheitskräfte der afghanischen Regierung in Kabul

Foto: OMAR SOBHANI/ REUTERS

Auch im Rest des Landes sind die Islamisten auf dem Vormarsch, 17 Jahre nachdem die internationale Koalition unter Führung der USA in Afghanistan intervenierte:

  • Mittlerweile kontrollieren sie rund 15 Prozent des Landes, 30 Prozent gelten als umkämpft - und das obwohl die USA und ihre internationalen Partner mit 20.000 Soldaten aktiv sind.
  • Im August überrannten Tausende Taliban die nur rund hundert Kilometer von Kabul entfernte Großstadt Ghazni, nachdem sie schon in den Wochen davor weite Teile der gleichnamigen Provinz unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Mittlerweile sollen sie zwar aus dem Stadtkern vertrieben worden sein, im Umland aber weiter mit starken Kräften aktiv.
  • In dieser Woche töteten die Taliban in der südafghanischen Stadt Laschkar Gah mit Abdul Dschabar Kahraman außerdem den insgesamt zehnten Kandidaten für die Parlamentswahlen. Der Politiker wurde durch eine in seiner Couch versteckten Bombe ermordet.
  • Nach Uno-Angaben wurden zudem bis Ende September 126 Zivilisten bei Anschlägen auf Wahlregistrierstellen, Wahllokale oder Wahlkampfveranstaltungen getötet und 240 weitere verletzt.

Dass die Gewalt nach den Parlamentswahlen aufhört, gilt als unwahrscheinlich. Denn nicht nur die Taliban sind militärisch erstarkt, auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ist in Afghanistan aktiv. Nach Angaben der Vereinten Nationen soll es rund 3000 IS-Kämpfer am Hindukusch geben.

Beide Gruppierungen dürften weiter versuchen, das Land zu destabilisieren. Der nächste Anlass kommt schon bald: Im April 2019 soll ein neuer afghanischer Präsident gewählt werden.

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